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Ein Mitglied der Freien Syrischen Armee posiert mit einer Gasmaske.
Ein Mitglied der Freien Syrischen Armee posiert mit einer Gasmaske.(Foto: REUTERS)

USA betrachten Regierung als Schuldigen : UN-Bericht beweist Gasangriff in Syrien

Der seit Wochen bestehende Verdacht ist nun Gewissheit: In Syriens Bürgerkrieg wird in großen Mengen Giftgas eingesetzt. Dies beweist der jetzt vorgelegte Bericht der UN-Inspekteure. Verantwortliche nennt das Schreiben zwar nicht, doch für die USA lassen die Indizien nur die syrische Regierung als Täter in Frage kommen.

Assads Giftgasarsenal

Syriens Herrscher Baschar al-Assad soll internationalen Experten zufolge über hunderte Tonnen Giftgas verfügen. Sein Arsenal könnte aus diversen Chemiewaffen bestehen:

Sarin wurde 1938 von deutschen Chemikern der IG-Farben entwickelt. Es ist hochwirksam, schon kleinste Mengen wirken tödlich. Es kann über die Haut oder Atmung aufgenommen werden und dann zur vollständigen Lähmung führen. Da es weder riecht noch sichtbar ist, lassen sich Wasser und Nahrung damit leicht vergiften.

Das Nervengas VX ist eine farblose bis gelbliche Flüssigkeit, die über die Augen und die Atemwege in den Körper eindringt. Schon die geringsten Mengen führen zur Lähmung der Atemmuskulatur und zum Tod.

Senfgas wurde von einem Franzosen bereits im Jahr 1854 entwickelt, deutsche Truppen setzten es im Ersten Weltkrieg ein. Das Gas, das über die Haut eindringt, führt zu entstellenden Verletzungen und war lange Zeit eine der am meisten gefürchteten Waffen.

Das Lächeln auf den Gesichtern von Åke Sellström und Ban Ki Moon sah etwas bemüht aus. Vielleicht lag es am Inhalt des Berichtes, den der schwedische Professor und Chemiewaffenexperte dem UN-Generalsekretär am Sonntag übergab und dessen Inhalt nun bekannt wurde: In Syrien wurde Giftgas eingesetzt. Das Gas ist bekannt: Sarin. Die Opfer sind bekannt: Viele Zivilisten, viele Kinder. Über die Täter sagt das 38 Seiten lange Papier zwar nichts, jedoch lassen die nun belegten technischen Details für die USA keine Zweifel an der Schuld der syrischen Regierung zu.

Die Tätersuche gehörte nicht zum Mandat des Teams um Sellström, doch gerade diese Frage ist es, die in den Wochen seit dem Gasangriff die Regierungen von Washington über London, Paris und Berlin bis nach Moskau beschäftigte. Dennoch finden sich weder in Sellströms Bericht an Ban noch in dessen Bericht an den UN-Sicherheitsrat Schuldzuweisungen irgendeiner Art.

"Nur das Regime ist dazu in der Lage"

Für die Regierung der USA hingegen belegt der Bericht, dass nur die Regierungstruppen hinter dem tödlichen Gasangriff stecken können. "Die technischen Daten machen deutlich, dass nur das Regime dazu in der Lage ist, Angriffe dieser Größenordnung auszuführen", sagte Samantha Power, Botschafterin der USA bei den Vereinten Nationen. "Und wir wissen ja, dass das Regime Sarin besitzt. Sie haben sich vorbereitet und Gasmasken ausgegeben. Sie haben Testraketen abgefeuert. Die Gesetze der Logik lassen nur den Schluss zu, dass das Regime hinter den Angriffen steht", fügte Powers hinzu.

Das Expertenteam habe bestätigt, dass das Giftgas professionell hergestellt worden sei. "Die Qualität des Sarins war höher als das, was Saddam Hussein 1988 genutzt hat. Es hatte den Experten zufolge nicht den Anschein, als sei es provisorisch produziert worden", erklärte die US-Botschafterin in New York. Russland hatte noch vor einigen Wochen behauptet, es verfüge über klare Beweise, dass das Gas nicht industriell, sondern behelfsmäßig hergestellt worden sei. Deshalb müsse es von den Rebellen stammen.

Und auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch ist überzeugt, dass Assads Truppen hinter dem Chemiewaffeneinsatz stecken. Wenn man zwischen den Zeilen lese, sei es nicht schwierig, die Schuldigen zu finden, teilte die Organisation mit. Sowohl die 330-Millimeter Raketen mit 50 bis 60 Liter Sarin als auch die 140-Millimeter-Raketen russischer Bauart gehörten zum Arsenal der syrischen Armee. Solche Waffen seien bislang nie in Hand der Rebellen gesehen worden. Ebenso weise die eingesetzte Menge an Sarin auf eine Verantwortung der Regierung hin

Gaseinsatz ist Kriegsverbrechen

Doch letzte Gewissheit herrscht dadurch international noch lange nicht. Fest stehe lediglich, dass es "klare und überzeugende" Beweise dafür gebe, dass Sarin am 21. August östlich von Damaskus "in größeren Mengen" eingesetzt worden sei, heißt es in Bans Bericht. Das Gas sei mit Boden-Boden-Raketen verschossen worden und zu den Opfern gehörten "Zivilisten, darunter viele Kinder".

Die Gutachter fanden das Sarin überall: In verschossenen Raketen, im Boden, an den Wunden von Patienten, im Blut, im Haar, selbst im Urin von Opfern. Auch die Befragung von mehr als 50 Opfern und Helfern habe letztlich "ausreichende Hinweise" dafür ergeben, dass Sarin eingesetzt wurde. Selbst der nüchterne Wissenschaftler Sellström bemerkt in seinem Schreiben, dass die Ergebnisse der auch in deutschen Labors ausgewerteten Proben ihn und seine Kollegen "mit größter Sorge" erfüllen würden.

Generalsekretär Ban sprach bei der Vorstellung des Berichts von einem "schweren Schock". Der Einsatz von C-Waffen sei ein Kriegsverbrechen und eine grobe Verletzung internationalen Rechts. "Es ist der bedeutendste bestätigte Einsatz chemischer Waffen gegen Zivilisten seit dem Angriff Saddam Husseins auf Halabdscha 1988. Und es ist der furchtbarste Einsatz von Massenvernichtungsmitteln im 21. Jahrhundert. Die Menschheit hat die Pflicht, den Einsatz solcher Waffen zu unterbinden", erklärte Ban.

Syrien will Chemiewaffenkonvention beitreten

Assads Regierung und die Rebellen beschuldigen sich indes bereits seit vergangenem März gegenseitig, Giftgas eingesetzt zu haben. Die Führung in Damaskus hatte die UN-Experten angefordert - ihnen dann aber fünf Monate lang die Einreise verweigert. Als sie dann doch kommen durften, wurden sie auf Schritt und Tritt überwacht und durften sich nicht frei bewegen. Immerhin: Syrien hat den Beitritt zur Chemiewaffenkonvention beantragt - nach Drohungen aus Washington und Druck aus Moskau.

Weil in dem Bericht die Schuldigen nicht genannt werden, steht der Sicherheitsrat nach Ansicht von Human Rights Watch unter Druck. Das mächtigste UN-Organ müsse Syrien an den Internationalen Strafgerichtshof überweisen, "damit die Hintermänner zur Verantwortung gezogen werden können". Vor allem müsse aber ein Signal her: "Für die Opfer des Giftgasangriffs, aber auch für die Zehntausenden, die durch ganz gewöhnliche Waffen gestorben sind."

Quelle: n-tv.de

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