Politik

Irakische Christen in Jordanien: "Unsere Nachbarn mutierten zu IS-Monstern"

Von Nora Schareika, Amman

Als der "Islamische Staat" im Juni die irakische Großstadt Mossul erobert, erklären die Dschihadisten die Christen der Region für vogelfrei. Tausende Familien packen ihre Sachen und fliehen. So auch Familie Al-Katib, die es bis in die jordanische Hauptstadt geschafft hat.

"Gott sei Dank, wir sind am Leben und unsere Kinder sind sicher", sagt Ammar al-Katib und schaut auf seinen zwei Monate alten Sohn hinunter, der zufrieden auf seinem Schoß schläft. Der Junge wurde als Flüchtling geboren. An seineem Status als Flüchtling wird sich wohl so schnell nichts ändern. "Wir wollen nie wieder in den Irak zurückgehen", sagt der 35 Jahre alte Iraker und lässt keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint.

Familie Al-Katib in der Kirche in Amman.
Familie Al-Katib in der Kirche in Amman.(Foto: Nora Schareika)

Das Leben der kleinen Familie in Karakosh, einer Stadt nahe Mossul im Nordirak, gehört einer vergangenen Ära an. Nicht nur, weil sie nach der Invasion der Dschihadisten des "Islamischen Staates" alles verloren haben, wollen die Al-Katibs nicht mehr nach Hause. Sie fühlen sich verraten von ihren einstigen Nachbarn, dem ganzen Land. "Es gibt keine Christen mehr in Mossul und der ganzen Gegend da", sagt Ammar al-Katib. Eine ganze Bevölkerungsgruppe wurde verjagt.

Die Zukunft der Al-Katibs ist vollkommen offen. Ammar und seine Frau Tamara sitzen im Gemeinderaum einer Kirche in Amman, die vierjährige Tochter Rama turnt gelangweilt auf weißen Plastikstühlen herum. In der Gemeinde haben zehn Familien aus dem Irak eine Art Kirchenasyl gefunden. Insgesamt 60 Leute teilen sich den Saal. Für mehr Privatsphäre hat eine christliche Hilfsorganisation ringsherum Trennwände aufgestellt und so jeweils ein Zimmer für jede Familie geschaffen. Es gibt eine Küche für alle und zwei Toiletten.

Alles ist besser als der Irak

"Ich bin ja glücklich, dass ich die Leute hier aufnehmen konnte", sagt Pater Abraham, der Priester der Khalda-Kirche. "Aber ich bin traurig wegen der Gründe, die sie dazu gezwungen haben, bei uns Zuflucht zu suchen." Geschätzt 7000 Christen aus dem Irak sind allein in den vergangenen drei Monaten in die jordanische Hauptstadt geflohen. Und das sind nur diejenigen, die sich Flugtickets leisten konnten.

Verteilt auf Gemeinden im ganzen Land und Gästehäuser der Caritas harren die Iraker nun der Dinge. "Das ist kein Leben hier", klagt ein Mann, der mit Großfamilie in einem der improvisierten Zimmer haust. Aber klar, alles ist besser als es zuletzt im Irak war. "Das Wichtigste ist, dass diese Menschen sich wieder wie Menschen fühlen können", sagt Pater Abraham. "Sie sollen sich nicht mehr in ihrer Würde beschnitten fühlen."

(Foto: Nora Schareika)

Die IS-Kämpfer hatten im Juni die Großstadt Mossul eingenommen und die Häuser aller Christen markiert. Mit einem "N", das steht für Nazariyya - die aus Nazareth. Entweder ihr werdet Muslime, haut ab oder ihr zahlt hohe Steuern, wurde verkündet. Viele Menschen, nicht nur Christen, wurden aber auch einfach auf der Stelle getötet. Als die ersten Nachbarn in Karakosh angegriffen wurden, beschloss Familie Al-Katib, das Land zu verlassen. Ammar arbeitete als Krankenpfleger in einer Klinik und erlebte in der Notaufnahme, wie Männer, Frauen und Kinder mit Schusswunden gebracht wurden. Er hat es auf seinem Smartphone festgehalten, zeigt Fotos von blutüberströmten Menschen und Ärzten, die die Verletzungen begutachten. "Die haben bei uns nebenan gewohnt. Eine Frau und zwei Kinder sind gestorben", erzählt Ammar.

Der IS und seine Helfer

Den Verrat, den sie erlebt haben, kann der Familienvater immer noch nicht fassen. "Das waren keine Da'ish-Leute, das waren Muslime. Sunniten aus unserer Stadt", berichtet Ammar und benutzt mit "Da'ish" die arabische Abkürzung für den IS, die von den Dschihadisten verboten wurde und größte Abscheu ausdrückt. "Wir haben immer friedlich nebeneinander gelebt. Kaum war Da'ish da, sind sie zu Monstern mutiert."

Als die Al-Katibs Mitte Juni ihre Heimatstadt verließen, war Tamara bereits hochschwanger. Mit anderen Verwandten schlugen sie sich bis nach Dohuk nahe der türkischen Grenze im kurdischen Nordirak durch. In der Sommerhitze war es eine gefährliche und beschwerliche Tour. Ein Teil der Familie landete in der Kurdenmetropole Erbil. Es dauerte Wochen, bis sie sich alle wiedergefunden hatten. Dank einer Geldüberweisung eines Bruders von Ammar konnten die Al-Katibs Anfang August nach Amman fliegen.

Im September kam der kleine Joel in einem Krankenhaus in Amman zur Welt. Mutter Tamara berichtet stolz, dass der Kleine gut trinkt, gut schläft und schnell zunimmt. Dann macht sich Erschöpfung auf ihrem Gesicht breit, sie fängt an zu weinen. "Alles ist gut gegangen. Aber es war knapp." Und sie weiß nicht, welche Zukunft sie ihren Kindern bieten kann – und was aus ihr selbst wird. Sie ist schließlich auch gerade erst 28 und studierte Geografin. Der schönste Tag seit langem war die Taufe von Joel. Als das Baby 15 Tage alt war, zogen sie alle ihre besten Kleider an und unternahmen einen Ausflug zur Taufstätte Jesu am Jordan. Das Familienereignis hat Vater Ammar auf seinem Handy festgehalten.

Dass muslimische Nachbarn zu Kollaborateuren des IS wurden, ist das unauslöschliche Trauma der irakischen Christen. Anders als hunderttausende syrische Flüchtlinge in Jordanien wollen die Iraker nur eins: ganz weit weg. Und anders als bei vielen Syrern scheinen die Vereinten Nationen bei diesem Anliegen der Iraker auch aktiv geworden zu sein. Zwischen Januar und März haben die Familien in den Ammaner Kirchen ihre nächsten Termine bei der Uno. Familie Al-Katib klammert sich an das Datum 8. Januar. Da werden sie zum zweiten Mal vorsprechen und vielleicht erfahren, ob sie ein Visum für ein westliches Land erhalten. "Wir haben Verwandte in den USA, in Europa und Australien", sagt Ammar. "Am liebsten würden wir nach Amerika gehen. Aber ehrlich gesagt, ist es uns egal. Hauptsache, wir können neu anfangen."

Quelle: n-tv.de

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