Politik
Peer Steinbrück kann sich gar nicht anders geben, als er ist.
Peer Steinbrück kann sich gar nicht anders geben, als er ist.(Foto: picture alliance / dpa)

Experte mit Unterhaltungswert: Warum Peer Steinbrück ein guter Kanzler wäre

Ein Plädoyer von Christoph Herwartz

Der Kanzlerkandidat der SPD hat eine Vision für das Land, das er führen möchte. Er ist Experte für die schwierigste Aufgabe, die in den kommenden Jahren zu bewältigen sein wird. Und er ist dabei auch noch unterhaltsam.

Video

Wenn Peer Steinbrück von seinem Stuhl im Bundestag aufsteht und auf dem Weg zum Rednerpult sein Jackett zuknöpft, nimmt die Koalition Haltung an. Die Opposition freut sich auf die unterhaltsamsten Minuten des Tages. "Reziplikativ" sei Angela Merkels Rede gewesen, begann er neulich. Was das heißt? "Gar nichts, es spricht sich nur so gut." Auch die Kanzlerin kann sich das Lachen da nicht verkneifen. Steinbrück ist einer, der sich auf der großen Bühne wohlfühlt. Der trotz miserabler Umfragewerte noch so wirkt, als habe er richtig Spaß an seinem Job.

Steinbrück ist ein begnadeter Redner. Er hat ein Talent wie niemand sonst in der deutschen Politik, zugespitzt über komplizierte Zusammenhänge zu sprechen. Dass er nach seinem Ausscheiden aus der Regierung hoch bezahlte Vorträge hielt, brachte ihm viel Kritik ein. Doch es zeigt auch: Menschen, die sich für Politik interessieren, hören Steinbrück gerne zu. Wenn Steinbrück die Ausgaben der Regierung kritisiert, sagt er nicht nur: "Sie können nicht mit Geld umgehen." Er fügt hinzu: "Wenn Sie in der Wüste regieren, wird der Sand knapp."

Allerdings sind die Reden des SPD-Kandidaten keine Comedy-Nummer. Jeder seiner vermeintlichen Scherze hat einen ernsten Hintergrund. Viel wird derzeit darüber geschrieben, wie die Kanzlerin mit minimalem Aufwand sozialdemokratische Politik imitiert. "Lohnuntergrenze" statt echtem Mindestlohn, "Lebensleistungsrente" statt echter Rentenreform. Steinbrück sagt: Bunte, leere Schachteln mit hübschen Schleifen seien das, die im Schaufenster der CDU stünden. Die Inhaltsleere der Regierungspolitik lässt sich kaum besser beschreiben.

Mumm wie kein anderer

Bilderserie

Wenn Steinbrück spontan auf Fragen antworten muss, schießt er mit seinen markigen Sprüchen häufiger über das Ziel hinaus: Er sagt, dass er das Kanzlergehalt für zu niedrig hält und dass er Wein für unter fünf Euro pro Flasche nicht kaufen würde. Für den politischen Gegner macht ihn das angreifbar. Aber eigentlich ist es sympathisch, dass er sagt, was er denkt. So auch, als im Sommer 2009 das Land über die Dienstwagen von Ministern diskutierte: Aus Angst vor dem Wähler wurden viele Politiker kleinlaut. Sie hofften, das Thema würde möglichst schnell wieder verschwinden. Nicht so Steinbrück. Auf seine Limousine angesprochen, antwortete er offensiv: "Ich mache manchmal drei Stunden über Land, um dann nachts um vier Uhr zu Hause zu sein. Da hab ich keinen Bock, auf einer Holzbank zu sitzen." Diesen Mumm hatte kein anderer.

Umfrage
Am Sonntag ist Bundestagswahl: Soll Angela Merkel Bundeskanzlerin bleiben?

Soll Angela Merkel Bundeskanzlerin bleiben?

Es ist mehr als seine direkte Art, die Steinbrück ins Kanzleramt einbringen könnte. Seine Expertise in Finanzfragen ist unumstritten, als Minister genoss er hohes Ansehen. Dass die Bankenkrise in Deutschland zumindest handwerklich gut gemanagt wurde, ist vor allem ihm zu verdanken – auch wenn einzelne Sachentscheidungen im Nachhinein kritisiert werden. Die Finanzkrise wird in den kommenden Jahren eine enorm wichtige Rolle spielen. Noch immer drohen Staatspleiten, auf die Deutschland reagieren müsste. Steinbrück würde das entschlossener tun als die Kanzlerin. Wo Merkel zaudert, will Steinbrück auch mal "die Kavallerie" ausreiten lassen. Auch die Regulierung von Banken, die Bekämpfung von Steuerflucht, die Zähmung der Finanzmärkte wären bei ihm in den besseren Händen.

All das ist hoch kompliziert und für die Wähler nicht immer leicht zu begreifen. Doch anders als Merkel hat es Steinbrück nicht aufgegeben, die Zusammenhänge zu erklären. Er begnügt sich nicht damit, im Hintergrund ein schlaues Konzept ausgearbeitet zu haben. Als Finanzminister war er beliebt, die Deutschen vertrauten ihm. Doch Steinbrück gab sich damit nicht zufrieden. Er wollte, dass die Wähler seine Politik verstehen und will das noch immer.

Steinbrück kann Ökonomie und Soziales verbinden

Parteilinke führen die schlechten Umfragewerte für die SPD gerne auf ein mangelndes soziales Profil zurück. Gerade Steinbrück gilt als Verteidiger der ungeliebten Agenda 2010 – jenen Reformen, die Arbeitslosen einiges zumuteten und den Absturz der SPD einleiteten. Doch erstens werden diese Reformen heute noch von Experten hoch gelobt. Zweitens würde wohl auch eine linkere Politik die SPD einige Stimmen kosten. Steinbrück kann soziale Politik mit ökonomischer Vernunft verbinden, statt stumpf "wir hier unten gegen die da oben" zu proklamieren. Drittens vertritt Steinbrück durchaus eine soziale Vision: Mindestlohn, Spitzensteuersatz und Bürgerversicherung lassen sich vielleicht nicht so gut bewerben wie eine Mindestrente, aber sie sind viel eher dazu geeignet, der sozialen Spaltung entgegenzuwirken. Eine solche Vision ist es, die der Kanzlerin fehlt.

Wenn die Umfragen recht behalten und Steinbrück Wort hält, wird er die erste Reihe der Politik bald verlassen. Das wäre schade.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen