Politik
Ein palästinensischer Junge auf den Trümmern eines Hauses.
Ein palästinensischer Junge auf den Trümmern eines Hauses.(Foto: AP)

Blutige Eskalation in Nahost: Was passiert in Gaza?

Von Diana Sierpinski

Im Gazastreifen droht ein neuer Krieg. Seit der gezielten Tötung des Hamas-Militärchefs durch die israelische Armee droht der Konflikt zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas zu eskalieren. Während Israel mehr als 160 Ziele im Gazastreifen attackierte, feuerte die radikal-islamische Hamas über 250 Raketen auf Israel ab. In großen Städten wie Beerscheva, Aschkelon und Aschdod heulten immer wieder die Warnsirenen. Seit Beginn der Militäroffensive starben 18 Menschen, mehr als 120 wurden verletzt.

Wer hat angefangen?

Radikale Palästinenser liefern sich immer wieder Scharmützel mit Israel. Dabei sind allein 2012 bereits rund 1000 Raketen und Granaten auf Israel abgeschossen worden.

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Die neue Runde der Gewalt begann am vergangenen Wochenende mit einem Angriff militanter Palästinenser auf einen israelischen Jeep am Grenzzaun zu Gaza, bei dem vier Soldaten verletzt wurden. Nach dem Einschlag der Rakete in den gepanzerten Jeep nahmen israelische Panzer die Angreifer unter Feuer.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte nach der Eskalation: "Ich kenne keine Regierung, die solch einen Zustand hinnehmen würde. Wir haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, unser Volk zu verteidigen, und das werden wir tun."

Was war Auslöser der Militäroperation?

Netanjahu gab grünes Licht für die gezielte Tötung des Militärchefs der Hamas, Ahmed Dschabari. Am Mittwoch feuerte die israelische Armee Raketen auf das Auto Dschabaris. Der tödliche Angriff läutete den Auftakt für anhaltende Luftangriffe ein, Israel nennt die Operation "Säule der Verteidigung".

In Städten in Reichweite des Gazastreifens heulen immer wieder die Sirenen.
In Städten in Reichweite des Gazastreifens heulen immer wieder die Sirenen.(Foto: dpa)

Der israelische Inlandsgeheimdienst rechtfertigte den Angriff mit "jahrzehntelangen terroristischen Aktivitäten". Das Militär erklärte, mit der Operation sollte die Kommandokette der Hamas-Führung schwer beschädigt werden. In Jerusalem sagte ein Regierungsvertreter, der Tod des Top-Kommandanten markiere nicht das Ende der israelischen Angriffe, weitere würden folgen.

"Unser wichtigstes Ziel ist es, dem Süden Israels wieder Ruhe zu bescheren. Die zweite Absicht ist es, die Terror-Organisationen zu treffen", sagte Armeesprecher Yoav Mordechai nach der Tötung Dschabaris. Kurz darauf bombardierte Israels Luftwaffe mehrere Dutzend Raketendepots der Hamas in Gaza. Mindestens acht Menschen sollen dabei getötet worden sein. Dabei wollte Israel vor allem die schweren Raketen der Islamisten treffen, mit denen die Hamas auch Tel Aviv treffen und weitere zwei Millionen Israelis gefährden könnte.

Die radikal-islamische Hamas feuerte nach der Tötung Dschabaris weitere Raketen ab und versetzte Israelis im Süden in Angst und Schrecken. In dem seit fünf Tagen andauernden Konflikt wurden rund 250 Raketen auf Israel abgefeuert.

Wer war Ahmed Dschabari?

Ahmed Dschabari.
Ahmed Dschabari.(Foto: REUTERS)

Ahmed Dschabari war Militärchef der radikalislamischen Hamas und einer ihrer wichtigsten Führer. Er stand seit rund einem Jahrzehnt ganz oben auf der Abschussliste der Israelis. Der Mann, der für zahlreiche Attentate, die Entführung des Soldaten Gilad Schalit und den seit Jahren andauernden Raketenbeschuss israelischer Ortschaften verantwortlich ist, galt als einer der gefährlichsten Feinde Israels.

Für die Hamas-Führung ist Dschabaris Tod ein herber Schlag. Sie kündigte Vergeltung an. "Israel hat das Tor zur Hölle aufgestoßen", hieß es in einer Reaktion auf den Tod ihres Anführers.

Gibt es einen neuen Krieg?

Die Angriffe im Gazastreifen wecken Erinnerungen an den Gaza-Krieg 2008/2009. Er begann mit einer einwöchigen Offensive, in der Israel den Gaza-Streifen aus der Luft bombardierte und vom Boden beschoss. Dann folgte die Invasion mit Bodentruppen. Rund 1400 Palästinenser und 13 Israelis wurden bei der sogenannten "Operation gegossenes Blei" getötet.

Rauchwolken über Gaza-Stadt.
Rauchwolken über Gaza-Stadt.(Foto: AP)

Eine neue Invasion des Gazastreifens ist nicht auszuschließen. Die israelischen Streitkräfte teilten mit, Bodentruppen stünden auch für einen Einmarsch bereit, sollte der Befehl gegeben werden. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak erklärte, dass die Militäroperation noch einige Zeit andauern könnte: "Uns stehen weitere, nicht einfache Prüfungen bevor. Aber ich denke, dass die Operation die Abschreckung langfristig stärken und dem Süden Israels die Ruhe zurückbringen wird."

Die Al-Kassam-Brigaden, der militärische Arm der Hamas, deren Kommandeur Dschabari war, geben sich kämpferisch. Es werde eine "extrem harte Antwort" geben, kündigte Hamas-Sprecher Ismail Radwan an. Von den Lautsprechern auf den Minaretten der Moscheen im Gazastreifen ertönte diese Botschaft: "Die Antwort kommt bald."

Im Prinzip haben aber beide Seiten kein Interesse an einer Eskalation ihres seit Jahren schwelenden Konflikts: Die Hamas ist militärisch nicht in der Lage, einen offenen Krieg mit Israel zu gewinnen. Und Israel müsste den Gaza-Streifen komplett besetzen, um den dort herrschenden Islamisten beikommen zu wollen.

Eine groß angelegte Bodenoffensive dürfte zudem mehr Opfer auf israelischer Seite fordern als der Gaza-Krieg 2008/2009. Dies wird die politische Führung in Jerusalem vermeiden wollen.

Schließlich könnte ein neuer Krieg im Gazastreifen Israels Beziehungen zur neuen Führung in Ägypten belasten, die auch aus einer islamistischen Bewegung hervorging. Andererseits wird Netanjahu vor den Wahlen am 22. Januar keine Schwäche zeigen wollen.

Worum geht es in dem Streit?

Der Streit zwischen Israel und den angrenzenden Gebieten und Ländern dauert schon viele Jahre. Es geht darum, ob es neben dem Staat Israel auch irgendwann einen eigenen palästinensischen Staat geben kann. Die Palästinenser leben derzeit zerstreut in Israel, in gesonderten palästinensischen Gebieten wie dem Gazastreifen aber auch in Flüchtlingslagern außerhalb Israels.

Das Problem ist, dass es im Streit zwischen Israelis und Palästinensern auch Gruppen gibt, die keine friedliche Lösung des Streits wollen. Dazu gehört auch die radikal-islamische Hamas. Die Hamas kämpft für einen eigenen Palästinenser-Staat und gegen die Israelis. Ihr Ziel ist es, den Staat Israel zu vernichten. Sie will, dass alle Menschen, die nicht dem islamischen Glauben angehören, aus dem Gebiet verschwinden, auf dem heute Israelis und Palästinenser leben. Die Hamas möchte erreichen, dass es dort nur einen einzigen Staat gibt: einen palästinensischen Staat.

Quelle: n-tv.de

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