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Das Landesamt für Gesundheit und Soziales schickt die Flüchtlinge mit Bussen zu der Unterkunft nach Wilmersdorf.
Das Landesamt für Gesundheit und Soziales schickt die Flüchtlinge mit Bussen zu der Unterkunft nach Wilmersdorf.(Foto: picture alliance / dpa)

"Freiwillige helfen in Wilmersdorf": Wie Helfer am Flüchtlingschaos verzweifeln

Von Christian Rothenberg

Mehr als 5000 Freiwillige betreuen in Wilmersdorf 800 Flüchtlinge. Ein Besuch im organisierten Notstand und bei Helfern, die täglich die Versäumnisse deutscher Asylpolitik ausbaden müssen. Müssen die Bewohner bald schon wieder ausziehen?

Als der Wagen vor dem Gebäude an der Brienner Straße 16 vorfährt, treten zwei etwas grimmig blickende Sicherheitsleute vor und heben die Hand. Keine Einfahrt. Die Fahrerin steigt aus. "Bleibt schön ruhig Freunde, ist alles für euch", ruft sie und zeigt auf ihren Kofferraum, wo mehrere Kartons mit Werkzeug stehen. Einer der Männer zeigt den Weg zur Spendenannahme. Seit Mitte August sind im alten Rathaus Wilmersdorf, das Ende 2014 geräumt wurde, Flüchtlinge untergebracht. Fast 800 Menschen aus 32 Nationen leben in der Erstaufnahme-Einrichtung, die vom Arbeiter-Samariter-Bund betrieben wird. Auf das Gelände kommt niemand mehr, der hier nicht hingehört. Die Bewohner sollen sicher sein vor ungebetenen Besuchern.

Die Sprechstunde ist eröffnet: eine der ehrenamtlichen Ärztinnen in Wilmersdorf.
Die Sprechstunde ist eröffnet: eine der ehrenamtlichen Ärztinnen in Wilmersdorf.(Foto: imago/Jürgen Heinrich)

Viele der Helfer sind nicht begeistert, dass sie sich seit einigen Tagen bei ihrer Ankunft in die Warteschlangen stellen und ihren Ausweis vorzeigen müssen. "Heute ist mein letzter Tag. Ich komme nicht wieder. So viel Bürokratie akzeptiere ich nicht", sagt einer der Dolmetscher zu Philipp Bertram. Der 24-Jährige ist stellvertretender Heimleiter. Er startete am 14. August, dem Tag der Eröffnung, bei Facebook den Aufruf "Freiwillige helfen in Wilmersdorf". Seitdem war er jeden Tag hier. Zunächst half er ehrenamtlich, seit ein paar Tagen ist er beim Arbeiter-Samariter-Bund angestellt. Er koordiniert die Freiwilligen und die Spenden.

In drei Schichten stemmen mehr als 5000 Helfer den Betrieb. Viele kommen täglich. Es gibt etwa 30 Dolmetscher, mehr als 200 Deutschlehrer, ein Dutzend Ärzte, ein Medikamentenlager und eine Zahnarztpraxis. Auch Hebammen stehen bereit. Bewohnerinnen sind hochschwanger. Von dem für die Registrierung und Verteilung der Flüchtlinge zuständigen Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) können die Helfer dabei kaum Unterstützung erwarten. "Das Lageso hat uns nicht mal informiert, dass sich Kleinkinder unter den Flüchtlingen befinden", sagt Bertram. Säuglingsnahrung steht nicht auf der Bedarfsliste des Senats. Im August meldete man Bedarf an, bis heute erhielt man keine Antwort. Dass es nun Milchpulver und Windeln gibt, verdankt man Spendern. Jeden Tag kommen tonnenweise Spenden. Aktuell werden Winterkleidung und Decken benötigt.

Der stellvertretende Heimleiter Philipp Bertram (rechts) in der Kleiderkammer
Der stellvertretende Heimleiter Philipp Bertram (rechts) in der Kleiderkammer(Foto: imago/Jürgen Heinrich)

Im Erdgeschoss befindet sich die Versorgungszentrale. Helfer nehmen Spenden an: Spielzeug, Kleidung, Lebensmittel und Hygieneartikel. Alles wird sortiert und an die Bewohner ausgegeben. "Es wird immer nachgelegt, was gerade leer ist, wie bei Ikea", sagt Holger Michel, einer der ehrenamtlichen Helfer. Seit Anfang September arbeitet er täglich nicht nur in seinem Job als Unternehmensberater, sondern auch in Wilmersdorf. "Ich hoffe, dass meine Kunden geduldig sind", sagt er und lacht. Ein paar Meter entfernt ist die Kleiderkammer. Wie in einem Geschäft sind T-Shirts, Pullover, Hemden und Schuhe auf Garderobenständer und Regale verteilt und nach Größen sortiert. "Gibt es noch Männerjacken in S?", ruft eine Frau. Ein Freiwilliger zeigt einem schwarzen Mann ein Hemd. "Hugo Boss, very good."

"But it's ein Auto"

Das alte Rathaus Wilmersdorf liegt am Fehrbelliner Platz.
Das alte Rathaus Wilmersdorf liegt am Fehrbelliner Platz.(Foto: picture alliance / dpa)

Im vierten Stock haben Helfer die alte Rathaus-Kantine wieder eingerichtet. Im anliegenden Flur gibt es Fernseh-, Gebets- und Kinderspielzimmer. Eine Etage darunter lernen Bewohner Deutsch. An den Wänden hängen Poster mit Zahlenreihen, Monaten, Deklinationen. "Ein, zwei, drei…", beginnt ein Syrer. "Eins", korrigiert die Lehrerin. "But it's ein Auto", klagt ihr Gegenüber. Über Aushänge erfahren die Flüchtlinge die Zeiten für Mittagessen, Deutschkurse und das Unterhaltungsprogramm. Es gibt Ausflüge zum Eishockey, zu Unterhaltungsshows oder ins Theater, Besuche von Künstlern und Friseuren. "Die Leute sollen nicht nur in ihren Zimmern sitzen. Es ist wichtig, ihnen einen normalen Tagesablauf zu schaffen", sagt Bertram.

(Foto: imago/Jürgen Heinrich)

Viele Flüchtlinge merken erst in Deutschland, dass sie nicht sofort ihr neues Leben beginnen können. Sie müssen auf die Bewilligung ihres Asylantrags warten und dürfen noch nicht arbeiten. Beim Lageso stehen jeden Tag 500 bis 1000 Flüchtlinge und warten oft tagelang darauf, sich registrieren zu lassen. Nicht selten gehen Unterlagen verloren. Selbst die Bestätigung der Registrierung dauert zurzeit mehrere Wochen. Bis dahin haben die Asylsuchenden weder einen Krankenschein noch Geld. "Wir müssen aufpassen, dass die positive Energie der Menschen nicht verloren geht", sagt einer der Helfer in Wilmersdorf.

Den Frust darüber, dass die Ämter überfordert sind, teilen die Freiwilligen. Die Folgen bekommen sie am eigenen Leib zu spüren. "Es war lange bekannt, dass dieses Gebäude in Betrieb genommen würde. Man hätte vieles vorbereiten können, aber es ist nichts passiert. Verwaltung und Politik haben das vermasselt", sagt Bertram. Oft können er und die anderen Helfer nur reagieren. Wenn das Lageso erst 90 Minuten vorher ankündigt, dass 150 neue Flüchtlinge einziehen, liegt es an ihnen, schnell neue Betten zu organisieren.

Die neuen Nachbarn in Wilmersdorf
Die neuen Nachbarn in Wilmersdorf(Foto: picture alliance / dpa)

Wochenlang standen den knapp 800 Bewohnern aus 17 Konfessionen nur Waschbecken zur Verfügung. Inzwischen gibt es Duschcontainer. Weil die Zufahrt zum Innenhof zu eng ist, stehen diese außerhalb des Gebäudes auf dem Bürgersteig in der Mansfelderstraße, wo sie mit Zäunen von der Straße getrennt sind. Die Anwohner protestierten, von der Eröffnung der Unterkunft wurden sie überrascht. Von öffentlicher Seite hatten sie keine Information über die neuen Nachbarn erhalten. Inzwischen hat sich die Lage entspannt. Die Anwohner wurden zu Gesprächen eingeladen und durch das Haus geführt. Vor einigen Tagen half ein Flüchtling einer Frau beim Heckenschneiden. Anschließend trank man gemeinsam Tee.

"Wir sind jetzt Brüder im Geiste"

Eine, die nicht mehr ohne die "Neuen" in Wilmersdorf kann, ist Maren Heinz. An einem Augustmorgen kam sie, wollte nur ihre Spende abgeben und dann wieder gehen, blieb jedoch bis nachts um eins. "Mein Mann war überrascht, aber er fand es super. Inzwischen findet er es wahrscheinlich nicht so toll, dass ich jeden Abend erst so spät nach Hause komme", sagt sie und lacht. Die 43-Jährige, die eigentlich Filialleiterin im Einzelhandel ist, hilft bei der Organisation von Veranstaltungen, übersetzt aber auch. Als Dolmetscherin erfährt sie, wo bei den Bewohnern der Schuh drückt. "Mein eigentlicher Beruf ist eine Arbeit, die ein Leben finanziert, aber es ist nichts Nachhaltiges. Das hier ist etwas Sinnvolles." Bashar, ein syrischer Tierarzt, weicht nicht mehr von ihrer Seite. Sie habe ihn quasi adoptiert, sagt Heinz. Bashar schwärmt in gutem Englisch: "Sie ist meine Mutter, meine Schwester und meine Freundin."

Viele Flüchtlinge sind überrascht, wenn sie hören, dass die meisten Helfer ehrenamtlich arbeiten. Die Dankbarkeit ist groß. Bertram erzählt, wie ein Bewohner ihm sein Gebetsband schenkte. "Wir sind jetzt Brüder im Geiste, hat er gesagt. Das hat mich sehr berührt", erzählt er. Fast jeder grüßt den Blonden mit der schwarzen Brille, als er den Innenhof überquert. In einer Ecke spielen Männer Karten, zwei Kinder rennen lachend über den Asphalt, am Eingang spielt ein Mann Gitarre und singt. Noch ist es warm genug, um sich im Freien aufzuhalten. Bertram geht vorbei an rauchenden Männern und betritt ein Foyer. Gegenüber der zur Information umgewandelten alten Rathaus-Rezeption stehen zwölf neue Waschmaschinen, die gespendet wurden. Bald muss hier niemand mehr seine Sachen mit der Hand waschen.

Bertram sitzt jetzt in seinem Büro. Über dem Schreibtisch hängt eine Pinnwand mit vielen Telefonnummern. Innerhalb weniger Wochen haben er und die anderen Helfer ein funktionstüchtiges Zusammenleben aufgebaut. Nur: Anfang 2016 soll eigentlich der Umbau des Gebäudes beginnen, dann sollen Landesrechnungshof und Landesarbeitsgericht einziehen. Müssen die Flüchtlinge dann ausziehen? "Das wird nicht stattfinden", sagt Bertram. Es gebe einen Vertrag bis März, die Gespräche liefen. "Wir brauchen die Unterkunft. Wo will man die 800 Menschen denn sonst unterbringen?" fragt er und sagt dann: "Ich glaube nicht, dass das hier so schnell vorbei ist."

Wer die Freiwilligen im Rathaus Wilmersdorf unterstützen will, kann über ihre Internet- oder Facebook-Seite Kontakt aufnehmen

Quelle: n-tv.de

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