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Kampfjets vom Typ Mig-29 - Russland liefert dem Assad-Regime immer wieder Flugzeuge dieser Art.
Kampfjets vom Typ Mig-29 - Russland liefert dem Assad-Regime immer wieder Flugzeuge dieser Art.(Foto: picture alliance / dpa)

Assads unterschätzte Superwaffe: Wie Syriens Diktator seine Gegner wegbombt

Von Issio Ehrich

Keine Chance gegen Israel oder Saudi-Arabien - im Nahen Osten galt die syrische Luftwaffe nie als sonderlich mächtig. Seit die Syrian Arab Airforce sich ausschließlich darauf konzentriert, Ziele im eigenen Land anzugreifen, zeigt sie, wozu sie imstande ist.

Eigentlich ist die syrische Luftwaffe eine gewaltige Altmetall-Sammlung. Zur technologischen Speerspitze zählen zwei Dutzend Mig-29-Kampfjets - russische Fabrikate, die in den frühen 1980er-Jahren entwickelt wurden. Die übrigen Maschinen - seien es nun die Suchoi SU-22 oder die Mig-23 - sind in manch anderen Nationen eher ein Fall für historische Flugshows als für Kampfeinsätze.

Großer Schaden, kleines Risiko - die syrische Luftwaffe gilt derzeit als unantastbar.
Großer Schaden, kleines Risiko - die syrische Luftwaffe gilt derzeit als unantastbar.(Foto: REUTERS)

Wenn es um die Lufthoheit im Nahen Osten ging, war die Syrian Arab Airforce (SAAF) nie ein großer Spieler. Seit in Syrien der Bürgerkrieg tobt, hat sie sich allerdings zur Waffe Nummer Eins des Regimes um Diktator Baschar al-Assad entwickelt. Denn jetzt geht es nicht mehr um Lufthoheit, jetzt geht es um möglichst verheerende Angriffe auf Ziele im eigenen Land.

"Würde sie auf eine moderne Luftwaffe treffen, würde sich ihre traditionelle Schwäche im Luft-Luft-Kampf offenbaren", schreibt Jeffrey White von der Denkfabrik Washington Institute in einer Analyse. Angesichts der Bürgerkriegswirren allerdings attestiert er der SAAF jetzt "eine prominente Rolle" im Arsenal des Regimes. Ein paar Zahlen machen deutlich, wie es dazu kommt.

Zwischen Mitte Oktober und Mitte Dezember flog die SAAF fast 2500 Angriffe. Das meldet die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Jets bombardierten demnach 1304 Ziele - unter anderem in den Regionen Damaskus, Aleppo und Homs. Helikopter griffen 1152 Mal an. Zum Vergleich: Die US-Streitkräfte und ihre Alliierten setzten in ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) bisher insgesamt 1300 Mal auf ihre Bomber und Kampfjets - in Syrien und dem Irak.

Nun ist die schiere Zahl der Angriffe kein Beleg für die Effektivität einer Luftstreitkraft. Entscheidender ist, ob sie ihre Ziele erreicht. Nach Angaben des Violation Documentation Center in Syria starben im vergangenen Monat 444 Menschen durch Luftangriffe der SAAF - 31,5 Prozent der Gesamtopferzahl. Ob es sich dabei nun um Regime-Gegner oder Zivilisten handelt, spielt laut White in Assads Strategie nur bedingt eine Rolle: Dem Militärexperten zufolge geht es darum, die militärische Dominanz des Regimes zu beweisen. Hinzu komme der Versuch, gegnerische Kämpfer zu töten und die Unterstützer der Rebellion physisch oder mental zu brechen.

Tödlich und praktisch unantastbar

Assads einst eher belächelten Luftstreitkräfte sind heute seine Superwaffe. Weder der IS noch die syrische Opposition verfügen über effektive Luftabwehrraketen. Mit Maschinengewehren, Mörsern und Raketenwerfern wiederum lässt sich selbst gegen eine 50 Jahre alte Mig-21 wenig ausrichten.

Zählt man derartige Museums-Flieger mit zu Assads Arsenal - und das muss man, da sie tatsächlich zum Einsatz kommen -, ist die Größe der SAAF beachtlich: Nach Angaben des Informationsportals Flight Global verfügt die SAAF über 404 Kampfjets und Kriegshubschrauber. Von seinen 25 Flughäfen für dieses Gerät kontrolliert Assad auch nach den Geländegewinnen des IS weiterhin 20. Der Militärexperte White sagt, die SAAF sei "praktisch unantastbar" in Syrien. Und die US-geführte Allianz gegen den IS ist derzeit nicht willens, etwas daran zu ändern.

Die Verbündeten weigern sich, Flugverbotszonen einzurichten, und sie wollen auch die befreundeten Regimegegner der Freien Syrischen Armee nicht mit modernen Luftabwehrsystemen ausstatten. Angeblich arrangieren sich syrische und amerikanische Kampfjets überdies bestens im syrischen Luftraum. Es heißt: Assads Flieger nutzen den Vormittag für ihre Angriffe, die US-Jets schlagen meist am Nachmittag zu. So kommt es nicht zu unerwünschten Konfrontationen.

White fordert, dass sich all das grundlegend ändern muss. "Angesichts des nichtvorhandenen politischen und militärischen Drucks kann die SAAF fliegen, wo sie will, unabhängig vom Munitionstyp Bomben werfen, wann sie will, und das mit grausamen Konsequenzen." White fügt hinzu: "Die zentrale Rolle der SAAF für die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen machen sie zu einem logischen und moralisch zu rechtfertigendem Ziel für eine Intervention aus dem Ausland."

White hat zwei schwerwiegende Argumente auf seiner Seite. Erstens: Da es sich bei der SAAF nicht um eine High-Tech-Luftwaffe handelt - sie setzt Augenzeugenberichten zufolge vermehrt auf billige und unpräzise Fassbomben - ist das Missverhältnis zwischen ausgeschalteten militärischen Zielen und getöteten Zivilisten besonders hoch. Zweitens liegt nahe, dass das primäre Ziel Assads und seiner Superwaffe nicht der IS ist, sondern die syrische Opposition. Die Zahl der Toten durch Luftangriffe - dokumentiert werden vornehmlich Zivilisten - ist in Orten, die in der Hand der Freien Syrischen Armee oder anderen Oppositionsgruppen sind, besonders hoch.

Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte verfällt angesichts dieser Lage bereits in Zynismus. Mitte Dezember forderte sie, das Assad-Regime ins Guinness-Buch der Rekorde aufzunehmen, weil es der SAAF gelungen sei, in nur 50 Tagen 3000 Zivilisten zu töten oder zu verletzen.

Quelle: n-tv.de

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