Politik
Karl Lauterbach ist Professor für Gesundheitsökonomie und hat das SPD-Konzept der Bürgerversicherung maßgeblich mitgestaltet.
Karl Lauterbach ist Professor für Gesundheitsökonomie und hat das SPD-Konzept der Bürgerversicherung maßgeblich mitgestaltet.(Foto: picture alliance / dpa)

Interview mit Karl Lauterbach zur Bürgerversicherung: "Wir lösen zwei Probleme auf einmal"

Die privaten Krankenkassen können nur mit der Bürgerversicherung überleben, sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Für die privat Versicherten sei sie die Rettung vor explodierenden Tarifen. Zugleich werde das Problem der Zwei-Klassen-Medizin gelöst. Wie das geht, erklärt er im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Sie wollen die private Krankenversicherung abschaffen. Warum?

Karl Lauterbach: Das stimmt nicht, wir wollen, dass auch die private Krankenversicherung die Bürgerversicherung anbieten darf. Wenn sie diese Möglichkeit nicht bekommt, wenn sie nicht unter das Dach der Bürgerversicherung schlüpfen kann, dann wird sie sich selbst abschaffen.

Warum?

Die Zahlen der Neumitglieder bei der privaten Krankenversicherung brechen derzeit dramatisch ein. Viele Menschen in der mittleren Altersgruppe glauben nicht mehr, dass sie die hohen Prämien im Alter noch bezahlen können.

Wäre die Bürgerversicherung mittelfristig nicht dennoch das Ende für die privaten Krankenkassen?

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und ein Teil seines Schattenkabinetts: Yasemin Karakasoglu, Matthias Machnig und Karl Lauterbach.
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und ein Teil seines Schattenkabinetts: Yasemin Karakasoglu, Matthias Machnig und Karl Lauterbach.(Foto: picture alliance / dpa)

Für die privaten Krankenkassen als Unternehmen ist die Frage wichtig, ob sie unter der Bürgerversicherung ihre Arbeitsplätze werden halten können, ob sie sich am Markt behaupten, ob sie Gewinne erwirtschaften. Das wäre mit der Bürgerversicherung möglich. Ich glaube sogar, dass unser Modell die einzige Möglichkeit für die private Krankenkasse ist, langfristig zu überleben, und für die Privatversicherten, ihre Prämien zu bezahlen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass einige Kassen im Vergleich zu heute wachsen.

Wo wäre im System der Bürgerversicherung der Unterschied zwischen privaten und gesetzlichen Kassen?

Diesen Unterschied würde es so nicht mehr geben. In der Bürgerversicherung muss jede Kasse jeden Versicherten nehmen, die Beiträge sind einkommensabhängig und es gibt ein Honorarsystem für alle. Aber sie dürfen zusätzliche Angebote machen, sie dürfen sich im Service unterscheiden, in der Art und Weise, wie sie ihre Mitglieder über Leistungen aufklären, auch bei den Angeboten ihrer Präventionsmöglichkeiten. Es soll ja mehr und nicht weniger Wettbewerb geben.

Die Gegner der Bürgerversicherung sehen Ihr Konzept als Weg in die Einheitsversicherung.

Sie dürfen unser Bürgerversicherungsmodell nicht verwechseln mit dem der Linkspartei. Das ist tatsächlich eine Einheitskasse durch die Hintertür. Wir haben ein wettbewerbliches Modell.

Ein Argument für den Erhalt der privaten Krankenkassen ist der "Wettbewerb der Systeme" – medizinische Innovationen würden zuerst von den Privaten übernommen, dann von den Gesetzlichen.

Video

Es gibt keine medizinische Innovation in Deutschland, die eingeführt wurde, weil es die Privaten gibt. Das wird immer wieder behauptet, aber es gibt kein Beispiel dafür, nicht eines. Kernspintomografie, Spiralcomputertomografie, Protonentherapie, Antikörpertherapie bei Krebs – das sind mit unsere teuersten Verfahren, alle sind sofort auch ins gesetzliche System aufgenommen worden. Es gibt keine medizinische Innovation, die über die Privaten ins System gekommen wäre. Das ist ein Märchen.

Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn sagt, die Bürgerversicherung löse weder die Probleme der gesetzlichen noch die der privaten Krankenkassen.

Wir haben zwei Probleme, beide löst die Bürgerversicherung. Das eine Problem ist, dass es nach wie vor eine sehr ausgeprägte Zwei-Klassen-Medizin gibt. Das war der ursprüngliche Gedanke der Bürgerversicherung: Dass es nicht sein kann, dass es in einem Land zwei Gesundheitssysteme gibt. Es darf sich ja nicht jeder privat versichern, die Möglichkeit eines privilegierten Zugangs zu bestimmten Ärzten steht also nicht jedem gleichermaßen offen. In den vergangenen Jahren ist ein weiteres Ziel hinzugekommen, nämlich dass viele privat Versicherte sich ihre Prämien nicht mehr leisten können. Die Bürgerversicherung löst beide Probleme: das der Zwei-Klassen-Medizin und das der unbezahlbaren Prämien.

Bislang läuft zwischen privaten und gesetzlichen Krankenkassen eine Art Quersubventionierung ...

Nein, es wird nichts quersubventioniert. Ärzte mit einem höheren Privatpatientenanteil haben ein höheres Einkommen. Das hat aber nichts mit einer Quersubventionierung zu tun. Der Porsche des Arztes, der mehr Privatversicherte hat, kommt ja nicht den gesetzlich Versicherten zugute.

Würden Ärzte Einbußen hinnehmen müssen in der Bürgerversicherung?

Nein. Wir würden die Honorare für die Behandlung der gesetzlich Versicherten erhöhen und die für die privat Versicherten auf das gleiche Niveau absenken, so dass dem System insgesamt kein Geld entzogen wird.

Dann müssten die bislang gesetzlich Versicherten mehr bezahlen. Denn das Geld muss ja irgendwo herkommen.

Das stimmt, die jetzigen gesetzlichen Krankenkassen würden mehr Geld benötigen. Eine Beitragserhöhung würde es dennoch nicht geben, denn wir wollen den Steuerzuschuss aus der Kapitalertragssteuer um 6 Milliarden Euro erhöhen.

Die Gefahr, dass aus dem Leistungskatalog Angebote gestrichen werden, sehen Sie nicht?

Wenn das so wäre, wäre es ein sehr wichtiges Argument gegen die Bürgerversicherung. Aber es ist nicht so. Es gibt keine sinnvollen medizinischen Leistungen, die die Privaten anbieten und die Gesetzlichen nicht. Umgekehrt ist es aber so, dass es sinnvolle medizinische Leistungen gibt, die von den Privaten nicht bezahlt werden, wohl aber von den Gesetzlichen. Zum Beispiel Palliativmedizin oder Psychotherapie nach Krebserkrankungen.

Besteht nicht die Gefahr, dass nach Einführung der Bürgerversicherung wieder eine Zwei-Klassen-Medizin entsteht, weil jene, die es sich leisten können, eine private Zusatzversicherung abschließen?

Warum sollten sich Leute nicht zusätzlich versichern? Es ist doch kein Problem, wenn sich jemand zusätzlich für Komfortleistungen versichert – für Einbettzimmer, für medizinisch nicht notwendige Luxusmedizin, ...

... für Chefarztversorgung?

Eine Versicherung, die Chefarztversorgung garantiert, ginge natürlich nicht. Wenn man sich darauf versichern kann, von besseren Ärzten behandelt zu werden, dann wären wir ja wieder beim jetzigen System. Die besten Ärzte sollen allen zur Verfügung stehen, nicht nur den Reichen. Genau darum geht es ja: dass die Qualitätsunterschiede in der Versorgung zwischen Reich und Arm verschwinden. Das kann ich nur erreichen, wenn die Honorare gleich sind.

Mit Karl Lauterbach sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen