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Der Deutschen liebstes Schreckgespenst.
Der Deutschen liebstes Schreckgespenst.(Foto: picture alliance / dpa)

Vorsicht vor dem Bauchgefühl: ZEW-Expertin bremst Inflationsangst

In der Eurokrise pumpt die Europäische Zentralbank billiges Geld in die Kassen der angeschlagenen Staaten - das gefährde die Preisstabilität, monieren Kritiker. Das sei allerdings noch gar nicht abzusehen, entgegnet Sandra Schmidt. Im Interview mit n-tv.de erklärt die Ökonomin außerdem das Phänomen "gefühlte Inflation".

n-tv.de: Die Bundeskanzlerin hat in mehreren Interviews in den letzten Tagen betont, die Bürger bräuchten trotz der Eurokrise keine Angst vor einer Inflation haben. Teilen Sie das Vertrauen der Kanzlerin in die Preisstabilität?

"Vertrauen ist für den Wert einer Währung zentral".
"Vertrauen ist für den Wert einer Währung zentral".(Foto: picture alliance / dpa)

Sandra Schmidt: Da muss ich etwas zum Thema Vertrauen vorwegschicken: Mir fällt es - wie einigen anderen Bürgern auch - schwer, in dieser Zeit Vertrauen in die Politik zu haben. Dazu werden zu viele Versprechen gebrochen, Stichwort: Transferunion.

Vertrauen ist aber für die Wirtschaft wichtig. Im Interbankenmarkt etwa ist es essenziell dafür, dass sich die Banken untereinander Geld leihen. Tun sie das nicht, muss die Europäische Zentralbank (EZB) einspringen, was wir im Moment verstärkt beobachten. Auch für den Wert einer Währung ist Vertrauen zentral – schließlich ist unser Geld nur Papiergeld, es stehen nur begrenzt Werte dahinter.

Das Vertrauen der Bürger in die Inflationsrate beeinflusst deren Entwicklung. Beispielhaft kann man sich das so vorstellen: Wenn die Menschen erwarten, dass die Inflationsrate stark steigt, fordern sie höhere Löhne. Die Unternehmen werden die höheren Löhne dann wahrscheinlich auf die Preise umwälzen.

Bezieht man also die Bedeutung des Vertrauens für die Wirtschaft mit ein, ist es klar, dass der Kanzlerin daran gelegen ist, das Vertrauen in die Währung zu stärken.

Angela Merkel lobt die EZB als Stabilisator im Kampf gegen die Inflation. Welche Rolle spielt sie aus Ihrer Sicht?

Die EZB hat die Inflation in der Vergangenheit entsprechend ihres Mandates nah bei 2 Prozent gehalten. Da wir es in der Vergangenheit nicht mit solch extremen Krisensituationen zu tun hatten, ist es schwierig,  etwas für die Zukunft vorherzusagen. Die Inflationserwartungen des "Survey of Professional Forecasters" der EZB liegen weiterhin bei rund 2 Prozent.

Sandra Schmidt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.
Sandra Schmidt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.

Einige Ökonomen sehen die Preisstabilität aber bedroht, und führen das auch auf die EZB zurück, die in der Eurokrise zu niedrigen Zinssätzen Staatsanleihen aufkauft. Nach dem klassischen Verständnis erhöht das die Geldmenge und damit die Gefahr einer Inflation.

Traditionell erwarten wir bei einem Aufkauf von Staatsanleihen zum einen sinkende Zinsen und zum anderen eine steigende Geldmenge. Das erleichtert die Finanzierungsbedingungen für Haushalte, die dann verstärkt konsumieren oder investieren. Dadurch steigt wiederum die Nachfrage nach Gütern, und das treibt die Inflation an.

Momentan begründet die EZB die Anleihekäufe damit, dass sie den Transmissionsmechanismus der Finanzmärkte sicherstellen will. Das heißt, die Zinsen der Anleihen sind angeblich über Risikoprämien höher, als sie eigentlich sein sollten. Die EZB greift also korrigierend ein.

Wenn die Zinsen wirklich wegen des Risikoaufschlages überzeichnet sind und die EZB korrigierend eingreift, muss es nicht dazu kommen, dass die Zinsen stark sinken und so ein inflationstreibender Prozess in Gang kommt.

Das Inflationsrisiko, das einige Experten an die Wand gemalt haben, ist also durch die Maßnahmen der EZB nicht zwangsläufig gegeben?

Das ist richtig. Ob die Anleihenkäufe Inflationsrisiken bergen, ist auch von anderen Faktoren abhängig: Wie wirken sie sich auf die Zinsen aus, entsteht ein höherer Konsum?

Der Punkt ist aber, dass die EZB keine Anleihen am Primärmarkt erwerben soll. Sie kauft am Sekundärmarkt und umgeht damit die bestehenden Regelungen.

Das Mandat der EZB deckt die Anleihenkäufe nicht ab, das hatte auch Bundespräsident Wulff kritisiert. Aber was war angesichts des drohenden Auseinanderbrechens der Währungsunion in der Eurokrise die Alternative?

Das ist schwierig zu beantworten. Hätte die EZB die Anleihen nicht aufgekauft, hätte sie den Staaten höhere Finanzierungskosten aufgebürdet, die diese nicht hätten tragen können. Dann hätte die Politik möglicherweise noch größere Rettungspakete aufgelegt.

Eine Frage zu den Vorhersagen zur Inflation: Wenn Experten behaupten, der Aufkauf von Staatsanleihen berge ein Inflationsrisiko, gehen sie von einer mittelfristigen Wirksamkeit aus, sprich: erst in 2-5 Jahre sollen wir die Auswirkungen spüren. Wie aussagekräftig sind solche Warnungen? Oder handelt es sich hier um Panikmache?

Nein, das ist keine Panikmache. In den Köpfen der Menschen ist verankert: Wenn die Zentralbank Staatsanleihen kauft, kann das zu einer höheren Inflation führen. Auf diese Risiken hinzuweisen ist in der momentan sehr komplizierten Situation gerechtfertigt – zumal die Lösung der Eurokrise nicht sein kann, dass die EZB alles auffängt.

Wer kennt sie nicht, die gefühlte Inflation?
Wer kennt sie nicht, die gefühlte Inflation?(Foto: picture alliance / dpa)

Die aktuellen Daten zur Preisstabilität weisen in Richtung Entspannung. Woher kommt Differenz zwischen Inflationsangst und der Realität?

Man unterscheidet zwischen gefühlter Inflation und tatsächlicher Inflation. In die gefühlte Inflation spielt hinein, dass die Verbraucher Produkte des täglichen Bedarfs eher im Fokus haben. Die Preise von Nahrungsmitteln und Energie sind sehr volatil. Steigen sie, registrieren die Verbraucher diese Veränderung eher als bei elektronischen  Produkten, die oft billiger werden, aber nicht so häufig gekauft werden. Die Differenz erklärt sich also zum Teil daraus, dass die Bürger bestimmte Produkte stärker beobachten, die im Preis-Index letztlich nicht viel Gewicht haben.

Zum Zweiten kann Inflationsangst daher rühren, dass die Bürger Informationen nicht einordnen können und sich gleichzeitig nicht sicher sein können, ob sie der Politik noch vertrauen können. Das ist eine Grundangst, die sich auch in der Diskussion um Preisstabilität niederschlägt.

Bieten die Geldinstitute die nötige Hilfestellung? Vor einiger Zeit hat eine große deutsche Bank eine Werbebroschüre zirkuliert. Auf einem fiktiven Kassenzettel aus dem Jahr 2030 fanden sich absurd hohe Preise für Honig, Karotten und Milch. Die Botschaft: Die Inflation frisst all ihr Geld auf, sorgen Sie vor.

Ich habe so ein Schreiben noch nicht bekommen. Aber ich finde es verantwortungslos, wenn man beim Kunden auf diese Art den Eindruck erweckt, die Preise würde ins Unermessliche steigen.

Wann merken die Verbraucher – abseits der oft als abstrakt empfundenen Zahlen –, dass wirklich die Gefahr einer Inflation herrscht?

Ich finde es hilfreich, sich die Statistiken anzuschauen. In der Vergangenheit schwankten die Inflationsraten zwischen 0 Prozent in Krisenzeiten und vielleicht 3 Prozent. Wenn die Zahlen über Monate hinweg deutlich und anhaltend steigen, dann sollte man sich Gedanken machen. Als Verbraucher ist die Lage letztlich unübersichtlich, weil man nicht immer im Kopf hat, wie viel Geld ein bestimmtes Produkt kostet.

Ich sollte in einer Bäckerei mal für ein 40 Cent teures Brötchen 40 Euro bezahlen. Das wäre ein Erlebnis, das zu denken geben sollte - in meinem Fall war es natürlich nur ein Versehen (lacht).

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Was halten Sie vom Trend, das Geld vor der Inflation in Gold oder Immobilien zu retten?

Überstürzte Entscheidungen – etwa Geld aus Aktien abzuziehen um es in Gold zu investieren - wenig sinnvoll. Prinzipiell ist es aber eine logische Konsequenz. Die Menschen sehen, dass an den Finanzmärkten mit Geld Geschäfte gemacht werden, ohne dass dahinter der entsprechende Wert steht. Da leuchtet es ein, dass man sich nach alternativen Möglichkeiten umsieht.

Quelle: n-tv.de

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