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Verantwortung ohne Schuld? "Im Fall der Loveparade kann man schließlich allen Beteiligten unterstellen, dass niemand die Katastrophe wollte."
Verantwortung ohne Schuld? "Im Fall der Loveparade kann man schließlich allen Beteiligten unterstellen, dass niemand die Katastrophe wollte."(Foto: AP)

Verantwortung für die Katastrophe: "Man sollte bereit sein zu gehen"

Sollte Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland zurücktreten? Nur, wenn er sich seiner Schuld bewusst ist, sagt Ethikprofessor Nikolaus Knoepffler. Von einer Sündenbock-Jagd oder Lynchjustiz hält er nichts. Ein Gespräch über Verantwortung, Schuld und Moral sowie den Drang des Menschen, immer einen Sündenbock zu suchen. Knoepffler betont: "Das Schöne am Menschsein ist ja gerade, Verantwortung übernehmen zu dürfen."

n-tv.de: Nach der tödlichen Katastrophe bei der Loveparade beschäftigt die Öffentlichkeit vor allem die Frage, wer die Verantwortung für die Ereignisse trägt. Ist das eine berechtigte Frage oder die plumpe Suche nach einem Sündenbock?

Nikolaus Knoepffler: Die Frage nach der Verantwortung ist berechtigt. Vor allem auch deswegen, weil man aus einer solchen Katastrophe lernen sollte, damit sie sich nicht wiederholt. Insofern ist es wichtig, nach denen zu schauen, die Verantwortung tragen, um die vielen verschiedenen Fehlerquellen zu finden, um es beim nächsten Mal auch besser zu machen. Wenn dagegen nur ein Sündenbock gesucht wird, an dem Trauer und Enttäuschung ausgelassen werden sollen, der bestraft wird, ist das eine andere Sache.

Welche Art der Verantwortung kann es bei einer solchen Katastrophe geben?

Das sind die klassischen Verantwortungsdimensionen: Zuerst ist zu fragen, wer die Verantwortung für die Loveparade in Duisburg getragen hat. Das waren in diesem Fall ziemlich viele Stellen, die sich ja momentan noch den Schwarzen Peter zuschieben. Aber trotzdem lassen sie sich identifizieren und man kann ihre Zuständigkeiten benennen, ob das nun Individuen oder Organisationen sind. Das ist also das "Wer" der Verantwortung. Dann muss man sich fragen, vor wem sie verantwortlich sind. Erst einmal ist das natürlich ihr eigenes Gewissen; dann aber auch die Opfer, die Betroffenen, die Angehörigen; und nach Abschluss der Ermittlungen möglicherweise auch das Gericht.

Die Suche nach dem Verantwortlichen: "Wenn jetzt jemand seine Verantwortung bekennt, geht er das Risiko ein, dass ihm der Staatsanwalt das in der Verhandlung vor Augen hält."
Die Suche nach dem Verantwortlichen: "Wenn jetzt jemand seine Verantwortung bekennt, geht er das Risiko ein, dass ihm der Staatsanwalt das in der Verhandlung vor Augen hält."(Foto: dpa)

Die dritte Dimension ist, wofür sie verantwortlich sind. Sind es ihre Handlungen, oder sind es Unterlassungen? Das Schwierige bei der Frage nach Verantwortung ist dabei, dass man für Folgen verantwortlich gemacht wird, die man überhaupt nicht vorhersehen konnte. Das wird auch jetzt die Schwierigkeit sein: Herauszufinden, ob sie die Fehler selber verursacht haben oder einfach fahrlässig gehandelt haben. Es kann auch sein, dass man einigen von ihnen keine Schuld im Sinne der Verursachung nachweisen kann, ihnen aber trotzdem diese Schuld zurechnen darf, weil sie als verantwortlich gelten können. Das ist ja etwa auch der Fall, wenn man Kinder hat. Da wird man in die Verantwortung genommen, auch wenn die Kinder etwas anstellen und nicht man selbst. Oder beim Autofahren: In manchen Fällen haftet der Fahrzeughalter, nicht der Fahrende.

Was ist die Voraussetzung, um jemanden verantwortlich machen zu können?

Zum ersten muss ich natürlich geistig auf der Höhe sein. Verantwortung trägt ansonsten derjenige, der in einer Beziehung zu den Ereignissen steht. Im Fall der Loveparade ist das eine ganze Reihe von Leuten. Trotz des derzeitigen Streits über die Zuständigkeiten sind im Fall von Duisburg für mich alle beteiligten Parteien verantwortlich, die vorher mit am Tisch saßen und das Konzept gemeinsam ausgearbeitet und beschlossen haben. Denn ihnen kann man ein gewisses Bewusstsein darüber unterstellen, was alles passieren könnte. Aber es gibt auch eine Verantwortung selbst für Folgen, die man so nicht vorhersehen konnte. Im Fall der Loveparade kann man schließlich allen Beteiligten unterstellen, dass niemand die Katastrophe wollte. Sondern sie haben sich im besten Wissen gesagt, dass sie alles Notwendige getan haben. Nach dem Motto: Wir müssen nicht päpstlicher sein als der Papst, es ist doch immer alles gut gegangen. In so einem Fall ist dann aber die Gefahr, dass man die Grenzen verschiebt und sagt: Naja, dann können wir das auch noch riskieren und das noch probieren.

Ein Unglück führt zwangsläufig zu der Frage, wer Schuld daran trägt.
Ein Unglück führt zwangsläufig zu der Frage, wer Schuld daran trägt.(Foto: dpa)

In Duisburg wird man nun Schritt für Schritt schauen müssen: Was haben die Leute gewusst, was hätten sie wissen können, wenn sie sich richtig informiert hätten und warum haben sie das unterlassen? Dann wird man die moralische Verantwortung von der juristischen Verantwortung unterscheiden müssen. Im Übrigen gehe ich davon aus, dass das Ganze bis vor die Gerichte geht.

Warum aber bekennt sich bislang keiner der Beteiligten zu seiner Verantwortung?

Das ist die Angst, durch ein unvorsichtiges Wort am Ende vor Gericht zu stehen. Wenn jetzt jemand seine Verantwortung bekennt, geht er das Risiko ein, dass ihm der Staatsanwalt das in der Verhandlung vor Augen hält. Dadurch, dass es sofort eine juristische und damit eine Haftungsnote bekommt, passiert das Typische, das immer im Fall einer Anzeige passiert. Sie versuchen sich erst einmal zu verteidigen. Und die erste Verteidigungsstrategie ist, zu sagen: Ich bin nicht schuld.

Könnte nicht aber Verantwortung im politischen oder moralischen Sinn übernommen werden?

Politische Verantwortung soll ja meist nur in dem Sinn übernommen werden, dass jemand zurücktritt. Aber es würde ja bereits reichen, dass ein Politiker sagt: Mein Amt ist durch die Vorgänge so schwer beschädigt worden, dass es klug ist, zurückzutreten. Das würde auch die Aufarbeitung durch eine andere, neutralere Person ermöglichen. Denn es ist immer schwierig, wenn diejenigen, die in die Verantwortung genommen werden, das Ganze auch sauber aufklären sollen. Insofern wäre es in Duisburg ein guter Schritt der in der Kritik stehenden Personen, die Aufklärungsarbeit unabhängigen Stellen zu überlassen.

Nach der Loveparade ist bei der Kritik an den Zuständigen auch oft vom Respekt gegenüber den Opfern und ihren Hinterbliebenen die Rede. Gibt es so etwas wie eine Ethik der politischen Verantwortung?

Eine Ethik der Verantwortung ja, aber eine Ethik für Politiker mit konkreten Handlungsanweisungen gibt es so detailliert nicht. Vorstellbar ist aber ein Rücktritt um des Amtes Willen, wenn jemand massiv angefeindet wird. Für ganz schwierig halte ich dagegen das Argument, aus Respekt vor den Angehörigen zurückzutreten. Denn wenn derjenige wirklich keine Schuld hat, würde man einen Unschuldigen sozusagen opfern. Bildlich gesprochen wäre es eine Art Lynchjustiz, bei der sich der Hass gegen einen Sündenbock wendet, der in die Wüste geschickt wird und für die anderen sterben muss. Das halte ich für ein falsches Vorgehen. Aus Respekt vor den Angehörigen zurückzutreten wäre nur dann angemessen, wenn die Ereignisse in den eigenen Verantwortungsbereich fallen. Wenn aber eine Person innerlich zutiefst von der eigenen Unschuld überzeugt ist, sollte sie die Kraft haben, sich nicht zum Sündenbock machen zu lassen.

Wut und Trauer: Knoepffler fordert eine "Kultur der Verantwortung", damit auch positive Entscheidungen gewürdigt werden.
Wut und Trauer: Knoepffler fordert eine "Kultur der Verantwortung", damit auch positive Entscheidungen gewürdigt werden.(Foto: dpa)

Was besagt denn die allgemeine Ethik der Verantwortung?

Zum einen die anfangs geschilderte Zuordnung von Verantwortlichkeiten. Eine Ethik der Verantwortung würde dann im nächsten Schritt fragen, wie man dafür sorgen kann, die richtigen Personen in die Verantwortung zu bekommen. Also abzuschätzen was passiert, wenn ich eine Person in ein Amt bringe, die mit bestimmten Dingen schlicht überfordert ist. Dann war das ein Fehler. Hart gesprochen hätte im Fall von Duisburg der Wähler den Fehler gemacht, weil er einem solchen Menschen ein Amt anvertraut hat. Diese Kette lässt sich immer weiter spinnen.

Ein weiterer Bereich der Verantwortungsethik ist die Frage, was passiert, wenn jemand seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Dann muss er sich vor seinem eigenen Gewissen fragen, was er tun muss. Wenn ich einen kleinen Fehler mache, der nicht wirklich schlimm ist, sollte ich aus diesem Fehler lernen. Ein Professor etwa, der ein schlechtes Buch geschrieben hat, sollte deshalb nicht sagen, dass er überhaupt keine Bücher mehr schreibt und als Professor zurücktritt. Sondern er sollte auf jeden Fall ein gutes Buch schreiben und seinen Ruf dadurch wieder retten. Aber wenn man zu dem Schluss kommt, dass der Fehler einen solch großen Schaden angerichtet hat, dass man nicht mehr tragbar ist, dann sollte man bereit sein zu gehen.

Hilft einem da als Orientierung das Beispiel der zurückgetretenen Bischöfin Margot Käßmann weiter?

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Das sind zwei Fälle, an denen sich die Unterschiede sehr gut festmachen lassen. Zum einen Frau Käßmann: Sie setzt sich mit Alkohol ans Steuer und ist sich ganz klar bewusst, dass das nicht in Ordnung war. Auch vor ihrem eigenen Gewissen. Und um auch von ihrem Amt Schaden abzuwenden, geht sie. Das ist eine sehr respektvolle Handlung.

Zum anderen der Duisburger Oberbürgermeister: Ich gehe davon aus, dass er sich keiner Schuld bewusst ist. Und weil er sich keiner Schuld bewusst ist, will er nicht zurücktreten. Es gibt natürlich auch andere Möglichkeiten, warum er an seinem Amt hängt. Aber unterstellen wir, dass er sich für unschuldig hält. Das ist der wesentliche Unterschied: Frau Käßmann ist sich ihrer Schuld bewusst.

Ein besserer Vergleich sind die jüngsten Missbrauchsfälle und die Vorwürfe gegen Robert Zollitsch, den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, wegen eines Falls aus den 90er Jahren. Die Schwierigkeit des Falls besteht darin, dass der missbrauchende Priester tatsächlich seelisch so instabil war, dass eine Anzeige dazu geführt hat, dass er sich das Leben genommen hat. Das wissend, steht der betreffende Verantwortliche in einer katastrophalen Situation. Hier ist es extrem schwierig zu sagen, in welcher Richtung er seine Verantwortung wahrnehmen muss. Das sind verschiedene Ebenen der Verantwortung. Und auch bei der Loveparade in Duisburg ist es für mich als Außenstehenden ganz schwer zu beurteilen, wie die verschiedenen Verantwortungsrollen waren.

Worin liegt denn dieser Drang der Menschen begründet, immerzu einen Verantwortlichen finden zu wollen?

Neben psychologischen Ursachen kennt man das aus der religiösen Tradition schon immer, dass Menschen für etwas, was ihnen zustößt, lange Zeit von einer Strafe Gottes für ihre Fehler ausgegangen sind. Oder die Tradition des Sündenbocks: Bei den Juden wurde in ganz alter Zeit wirklich ein Sündenbock, ein Tier, in die Wüste geschickt, um sich mit Gott zu versöhnen. Diesem wurden alle Sünden aufgetragen. Dieses Bild ist in der christlichen Religion mit Jesus Christus wiederholt worden: Er trägt die Schuld aller Menschen und erlöst sie damit von ihren Sünden. Zudem ist es im Menschen tief verankert, nach einem Unglück denjenigen, der offenbar dafür verantwortlich ist, büßen zu lassen. Darum stecken wir die Leute auch ins Gefängnis, auch wenn es dabei theoretisch auch um Rehabilitation und Schutz der Gesellschaft geht. Aber vor allem zählt der Wunsch, sie büßen und hinter Gittern zu sehen. Man soll für sein Fehlverhalten bezahlen. Das ist auch ein ganz natürliches Bedürfnis: Wenn einer einem wehgetan hat, will man sich revanchieren.

Verantwortung ist also eine äußerst komplexe und manchmal schwer definierbare Angelegenheit. Müssen wir uns damit abfinden, oder wäre eine Art Kultur der Verantwortung wünschenswert?

Eine Kultur der Verantwortung wäre sehr wichtig, die sich durch die ganze Erziehung hindurch erstreckt. Also schon den kleinsten Kindern beizubringen, wenn sie einen Schaden anrichten, dass sie dafür auch Verantwortung übernehmen und dafür einstehen. Dazu gehört aber nicht nur, für etwas Falsches Verantwortung zu übernehmen, sondern sich auch freuen zu dürfen, wenn ich für etwas Gutes verantwortlich war. Das ganze Spektrum von Verantwortung muss in den Blick rücken: Verantwortung ist nicht nur eine Last, sondern auch die Chance, kreativ zu sein. Das ist bei vielen Politikern eines der großen Motive. Sie wollen im positiven Sinn Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Diese beiden Seiten gehören in eine Kultur der Verantwortung.

Prof. Nikolaus Knoepffler leitet das Ethikzentrum an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der 48-Jährige beschäftigt sich danei unter anderem mit Wirtschaftsethik, Menschenwürde und den Problemen der modernen Medizin.
Prof. Nikolaus Knoepffler leitet das Ethikzentrum an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der 48-Jährige beschäftigt sich danei unter anderem mit Wirtschaftsethik, Menschenwürde und den Problemen der modernen Medizin.(Foto: Peter Scheere)

Auf den Duisburger Fall bezogen muss man deshalb fragen: Was gab es Gutes in der Amtszeit des Oberbürgermeisters? Auch dann kann man immer noch zu dem Schluss kommen, dass sein Fehlverhalten bei der Loveparade so schwer wiegt, dass er nicht weiter positive Verantwortung für die Stadt übernehmen kann. In diesem Fall könnte er sagen, dass er zwar keinerlei Schuld übernimmt, das Vertrauensverhältnis aber so gestört ist, dass er nicht weiter Verantwortung übernehmen kann.

Das Schöne am Menschsein ist ja gerade, Verantwortung übernehmen zu dürfen. Deswegen ist es schade, dass dieser Begriff fast nur gebraucht wird, wenn jemand für Fehler Verantwortung übernehmen soll.

Mit Nikolaus Knoepffler sprach Till Schwarze

Quelle: n-tv.de