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Dass die Idee der Moralkeule nicht ganz frisch ist, kann eigentlich kaum einer besser wissen, als Herr Augstein.
Dass die Idee der Moralkeule nicht ganz frisch ist, kann eigentlich kaum einer besser wissen, als Herr Augstein.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Abgehangene Moralkeule: Augstein sieht überall Antisemiten

Von Samira Lazarovic

"Jeder Kritiker Israels muss damit rechnen, als Antisemit beschimpft zu werden", klagt Jakob Augstein. Dieses Lamento ist nicht gerade neu und es trägt nichts zur Debatte um den Nahostkonflikt bei. Die "Moralkeule" wird keine wirksamere Waffe, wenn man sie sich gegenseitig aus den Händen reißt und um die Ohren haut.

"Immer häufiger wird Israels Besatzungspolitik mit dem Antisemitismus-Argument gegen jede Kritik in Schutz genommen. Dadurch verliert der Begriff seine Bedeutung und das Thema seine Würde."

Das Leid und die Verzweiflung ...
Das Leid und die Verzweiflung ...(Foto: REUTERS)

Das schreibt Journalist Jakob Augstein in seiner Kolumne "Im Zweifel links" bei "Spiegel Online". Aber warum das Ganze? Der Herausgeber des "Freitag" hatte in der vorangegangenen Kolumne seine Meinung zum jüngsten Konflikt in Israel und Gaza kundgetan und dafür offenbar nicht nur Candy von den Lesern erhalten. Augstein stellte darin zum einen fest, dass Israel den Militärchef der Hamas aus wahltaktischen Gründen getötet habe und griff zum anderen die "Bild"-Zeitung für einen Vergleich zwischen Tel Aviv und Berlin an. "Die gleiche Mode, die gleiche Musik, die gleichen Wünsche und Werte" sieht Augstein nicht – schließlich gebe es in Israel Gegenden, da werde eine Frau als Hure beschimpft, wenn sie im Bus vorne bei den Männern sitze und es gebe Menschen, die bespuckten ein kleines Mädchen auf dem Weg zur Schule, weil es falsch gekleidet sei.

Da diese Kolumne vermutlich weder in Jerusalem noch in Tel Aviv entstanden ist, beweist Augstein hier ein erstaunliches Talent in Ferndiagnostik. Dass der Angriff auf den Hamas-Chef ausschließlich wahltaktische Gründe hat, ist zunächst einmal seine eigene Schlussfolgerung und kein Fakt. Mag sie sich am Ende bewahrheiten oder nicht. Den Raketenbeschuss durch die Hamas verschweigt Augstein durchaus nicht, er verortet ihn vage in Zeiten des Frühlings – ein Zusammenhang mit dem Angriff auf den Hamas-Chef wäre demnach ja schon zeitlich unmöglich.

Beim Berlin-Tel-Aviv-Vergleich könnte man nun andersherum die Ferndiagnose stellen, dass Herr Augstein die letztgenannte Stadt nicht besonders gut kennt. Würde er beide Städte besuchen und vergleichen, könnten ihm vielleicht die Gemeinsamkeiten auffallen, die etwa tausende junge Tel Avivis Jahr für Jahr nach Berlin kommen lassen und umgekehrt.

... sind auf beiden Seiten groß. Zu groß für einfache Pauschalisierungen.
... sind auf beiden Seiten groß. Zu groß für einfache Pauschalisierungen.(Foto: REUTERS)

Gibt es also die spuckenden und schimpfenden ultra-orthodoxen Israelis nicht, auf die Augstein anspielt? Doch, die gibt es. Daraus aber zu schließen, dass diese Gesellschaft komplett andere und zwar fundamentalistische Werte hat, ist ungefähr so differenziert, als würde jemand über Deutschland nur wissen, dass es Gegenden gibt, wo man fürchten muss, aufgrund einer dunklen Hautfarbe bespuckt und beschimpft zu werden. Die Details mögen stimmen. Aber wie würde der angenommene deutsche Wertekanon hier wohl aussehen?

"Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner."

Abgesehen davon, dass Sätze, die mit "Diese Leute" anfangen, selten zu einem differenzierten Ende kommen, tut es auch Augsteins Kolumne nicht. Der Text ist nicht antisemitisch. Er ist anti-israelisch. Und das macht es nicht besser. Augstein wirft den Israelis vor, dass sie das rhetorisch-politische Mittel der Inversion, der Umkehrung, nutzen: Die Kritik an der Unterdrückung der Palästinenser werde selber in einem rassistischen Zusammenhang gestellt.

Wird durch die ganze "Man wird doch noch mal Kritik üben dürfen"-Argumentation nicht aber die Umkehrung der Umkehrung vorgenommen? Dann dreht man sich jedoch im Kreis. Die "Moralkeule" wird keine wirksamere Waffe, wenn man sie sich gegenseitig aus den Händen reißt und um die Ohren haut.

Der inflationäre Gebrauch des Antisemitismus-Vorwurfs führe zur Entwertung und am Ende zu Ergebnissen, wie sie im Antisemitismusbericht der Bundesregierung zu lesen seien, folgert Augstein. Demnach habe jeder fünfte Deutsche etwas gegen Juden. Er vergisst jedoch dabei, dass die Unterscheidung zwischen Israelis und Juden vielen immer noch schwerfällt. Schert man also pauschal alle Israelis über einen Kamm, wird es ein leichtes, dasselbe mit allen Juden zu machen. Wenn der Journalist wirklich eine deutliche Linie zwischen sich und den "echten Rassisten" ziehen will, wäre es hilfreich, mit Pauschalisierungen aufzuhören.

Die Lage ist für Millionen Menschen, Palästinenser und Israelis gleichermaßen, zu verzweifelt, um mit Opferzahlen und Bildern von toten Kindern Politik zu machen. Objektive Analysen und Lösungsansätze wären ein Geschenk.

Und, nur für das Protokoll: Auf die Idee, dass vorlaute, unbequeme jüdische Zeitgenossen, wie Henryk M. Broder oder der New Yorker Theatermacher Tuvia Tenenbom, mit überspitzten Aussagen nicht nur ärgern, sondern aktiv dazu beitragen, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder zunimmt, passt haargenau ein Adjektiv. Muss man es noch einmal aufschreiben?

Quelle: n-tv.de

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