Kommentare

ZwischenrufDer Missbrauch des Missbrauchs

21.09.2010, 14:03 Uhr
imageManfred Bleskin

Lange hat es gedauert, bis die Deutsche Bischofskonferenz bereit war, sich dem Thema Kindesmissbrauch zu stellen. Und so richtig die nun gestartete Kampagne ist: Am Kern des Problems geht sie vorbei.

2teg1735
Der Aussage von Erzbischof Zollitsch zum Zölibat sind keine konkreten Schritte gefolgt. (Foto: dpa)

Die Zahl ist erschreckend: 2500 Opfer, die sich bislang bei der zuständigen Bundesbeauftragten gemeldet haben. Die Zahl der Betroffenen ist mit Gewissheit höher. Christine Bergmann hat Recht, wenn sie fordert, das Schweigen zu brechen. Scham, Verzweiflung, Angst, religiös motivierte Befangenheit. Es hat vielfältige Ursachen, wenn Menschen sich scheuen zuzugeben, dass sie in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden.

Der Umgang der römisch-katholischen Kirche mit dem Problem war und ist weltweit unterschiedlich. Stets aber hat man sich den Fragen nur zögerlich gestellt, versucht abzuwiegeln, in vielen Fällen zu vertuschen. Es hat lange gebraucht, bis sich die Deutsche Bischofskonferenz zu einer offiziellen Stellungnahme entschloss. Von den beschämenden Winkelzügen des Papstes ganz zu schweigen. Zur Aufarbeitung, wenn dies das angebrachte Wort sein sollte, gehört weit mehr: Das Eingeständnis nämlich, über Jahrzehnte Deformierung und Zerstörung von Persönlichkeiten übersehen oder sogar geduldet zu haben. Wie abgrundtief ist das Leid des Zehnjährigen, der sich bei Frau Bergmann gemeldet hat? Es mag sein, dass nur ein verschwindend geringer Teil der mutmaßlichen Täter katholische Würdenträger waren. Das Problem ist nicht quantitativer, sondern qualitativer Natur.

Kausale Ursachen müssen abgeschafft werden

Als moralische Instanz ist die Verantwortung der römischen Kirche unendlich größer. Für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Die Wurzeln für das Verbrechen Pädophilie außerhalb der Kirche sind vielgestaltig, nicht aber auf ein angebliches Dogma zurückzuführen. Die Abschaffung der Ehelosigkeit rückt deshalb mehr und mehr auf die Tagesordnung. Der Aussage von Erzbischof Robert Zollitsch, der Zölibat könne gelockert werden, sind keine konkreten Schritte gefolgt. So richtig die nun gestartete Kampagne ist: Am Kern des Problems geht sie vorbei. Solange die kausalen Ursachen von den Verantwortlichen selbst nicht aufgedeckt und abgeschafft werden, wird der Missbrauch zur Sicherung der eigenen Macht missbraucht.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.