Politik
Vorm Reichstag wehen die Flaggen heute auf Halbmast.
Vorm Reichstag wehen die Flaggen heute auf Halbmast.(Foto: dpa)
Freitag, 18. August 2017

Reaktionen auf Anschläge: Deutschland reift langsam am Terror

Ein Kommentar von Issio Ehrich

Beim Angriff auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" 2015 war immer wieder von einer Attacke auf die "westliche Welt" die Rede. So ein Blödsinn ist heute zum Glück nur noch von einigen Unverbesserlichen zu vernehmen.

Seit im Januar 2015 schwer bewaffnete Männer in schwarzer Kleidung die Redaktion von "Charlie Hebdo" in Paris stürmten, ist viel passiert. Terroristen, die vermeintlich im Namen des Islams handelten, griffen den Musikklub "Bataclan" in der französischen Hauptstadt an, die noble Disko "Reina" in Istanbul und den Brüsseler Flughafen. Sie steuerten einen LKW auf den Strandboulevard in Nizza und auf den Weihnachtsmarkt in Berlin. Und und und.

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Bei all diesen furchtbaren Ereignissen ist eines festzustellen: Deutschland reifte auch an ihnen, wurde zumindest ein Stück weit immun gegen den Schrecken des Terrors.

2015 sprachen noch viele Politiker, Kommentatoren und Bürger von einem Angriff auf "westliche Werte" oder die "westliche Welt". Blödsinn. Mittlerweile hat offenbar fast jeder begriffen, dass die meisten Opfer sogenannten islamistischen Terrors Muslime sind. Sei es nun in Pakistan, in Afghanistan, Bangladesch, dem Irak oder Syrien. Dazu beigetragen haben die Schicksale der vielen Menschen, die in den vergangenen Jahren aus diesen Ländern zu uns gekommen sind. Sicherlich aber auch, dass Terror für viele Menschen zu einer Konstante im Leben geworden ist. Bei aller Trauer, bei allem Entsetzen dominiert zusehends der Verstand die Reaktionen auf derartige Schreckenstaten. Den selbsternannten Gotteskriegern gelingt es deshalb nicht mehr so leicht, das Bild eines Kulturkampfes zu zeichnen. Darauf legen sie es ja an. Sie wollen die Konfrontation von Muslimen und Nicht-Muslimen.

Der IS verliert nicht nur auf dem Schlachtfeld

Nur noch einige Unverbesserliche tun den Mördern von Al Kaida, dem IS und all den anderen verkommenen Gruppen den Gefallen, sich auf diese abwegige Lesart einzulassen. Leider gehört mit Horst Seehofer auch der Chef einer Partei in Regierungsverantwortung dazu. Er sprach von einem "Angriff auf die gesamte freie westliche Welt".

Ansonsten tritt eine fast schon unheimliche Routine ein. Kanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz einigten sich mit Grünen und Linken darauf, den Bundestagswahlkampf ein bisschen langsamer anzugehen. Sie verzichten an diesem Wochenende bei ihren Veranstaltungen auf laute Musik und legen Gedenkminuten ein. Fast schon Business as usual. Der IS verliert nicht nur auf den Schlachtfeldern im Irak und in Syrien. Er verliert auch im Kampf um die Köpfe. Er schafft es zwar noch, uns mit seinem Terror zu erschüttern. Aber er bringt uns nicht mehr aus der Fassung.

Wie weit Deutschland gereift ist, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Es wäre ein Fortschritt, wenn Versuche ausblieben, die Befugnisse der Sicherheitsbehörden im Anti-Terrorkampf auszuweiten. Denn auch hier ist seit dem Angriff auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" viel zu viel passiert. Etliche Reformen sind so frisch, dass sie ihre Wirkung erst noch entfalten werden. Außerdem gilt: In den meisten Fällen scheiterten die Sicherheitsbehörden nicht an einem zu engen juristischen Korsett - sondern daran, dass sie ihre Möglichkeiten nicht voll ausgereizt haben. Und mehr Beamte fordern im Bundestagswahlkampf 2017 ohnehin schon alle Parteien.

Quelle: n-tv.de

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