Politik
Die Amerikaner bescheinigen der Kanzlerin "selten kreativ" zu sein und das Risiko zu meiden. Obama muss jetzt einiges an Porzellan kitten.
Die Amerikaner bescheinigen der Kanzlerin "selten kreativ" zu sein und das Risiko zu meiden. Obama muss jetzt einiges an Porzellan kitten.(Foto: dpa)

Was geht uns das an?: Die Veröffentlichung ist falsch

Ein Kommentar von Tilman Aretz

Die Schadenfreude über den jüngsten Wikileaks-Coup dürfte nur von kurzer Dauer sein. Überraschungen enthalten die Papiere nämlich keine - dafür sind die Folgen nicht nur für die US-Diplomatie enorm. Das Mittel des klaren Wortes an der richtigen Stelle ist geschwächt.

Eine "Teflon"-Kanzlerin, ein Außenminister mit Geltungsdrang? Das ist amüsant. Amüsant, weil es in Dossiers der US-Regierung über die deutsche Regierung zu finden ist. Aber ein Skandal? Oder mindestens überraschend? Fehlanzeige. Dass die Ernennung von Dirk Niebel zum Entwicklungshilfeminister eine „schräge Wahl“ ist, wollte er das Ressort doch vor der Wahl noch abschaffen, war in so ziemlich jedem deutschen Kommentar zum schwarz-gelben Kabinett zu lesen.

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Was also geht uns der Tratsch und Klatsch an? Die Antwort ist trotz des Belustigungsfaktors der gierigen Öffentlichkeit mehr als simpel: gar nichts.

Wikileaks hat sich mit der Veröffentlichung von 250.000 Dokumenten aus dem diplomatischen Leben der USA einen Bärendienst erwiesen: Unter dem Deckmantel der Aufklärung und Transparenz wird der puren Indiskretion das Wort geredet, werden Verschlusssachen offengelegt, die in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben. Der Geheimnisverrat ist kein Wert an sich. Im Gegenteil. Und übersehen wird, dass das Vertrauen einer der wichtigsten Pfeiler der Demokratie und ein schützenswertes Gut ist.

Das gilt für alle Lebensbereiche. Müssen Ihre Nachbarn, mit denen Sie sich gut verstehen, wirklich genau wissen, was Sie und ihre Frau nach einem gemeinsamen langen Kegelabend über den pubertierenden Sprössling des Paares denken? Sollten alle Mitarbeiter eines Unternehmens im Intranet nachlesen können, was die Chefetage über die Stärken und vor allem Schwächen eines jeden denkt?

Die USA haben versagt

Nein. Und noch entschiedener gilt das für das Feld der Diplomatie. Der Diplomat hat qua Berufsbezeichnung zwei Gesichter zu zeigen. Im Amt kommt es darauf an, durch Zuhören, durch Beweglichkeit, durch eine Mischung aus Nachgiebigkeit und Beharrlichkeit nicht nur die Interessen des eigenen Staates zu sichern, sondern auch das friedliche Zusammenleben zu festigen, den gegenseitigen Respekt nie in Frage zu stellen und den anderen nur ja nicht bloßzustellen. Im Dialog mit seiner Regierung muss ein Diplomat allerdings auch einmal undiplomatisch sein können, muss er klare Worte finden und die Zurückhaltung aufgeben dürfen.

Was er nun nicht mehr kann. Denn er muss befürchten, künftig alles, was er im Kamingespräch äußert, wenig später im Netz nachlesen zu können. Das wiederum ist nur mittelbar die Schuld von Wikileaks.

Den Schuh anziehen muss sich vor allem die US-Administration. Sie hat es nicht geschafft, ihre Mitarbeiter und die vertraulichen Dokumente vor dem Zugriff der Öffentlichkeit zu schützen und sie hat es nicht geschafft, alle ihre Partner vor einem persönlichen Gesichtsverlust zu bewahren. Das ist der eigentliche Skandal.

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Quelle: n-tv.de

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