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Mais verdrängt zunehmend Feldfrüchte von den Äckern.
Mais verdrängt zunehmend Feldfrüchte von den Äckern.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Europäische Landwirtschaft: Ein absurdes System

Peter Poprawa

schweine.jpgDie Bauern jammern. Sie jammern zu Unrecht, denn seit 1957 produzieren sie nicht nach marktwirtschaftlichen Aspekten. Sie ackern nach einer Subventionspolitik, die in der damals neugegründeten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) als "gemeinsame Agrarpolitik" bezeichnet wurde - einem überholten System.

Natürlich gab es in Europa der Nachkriegszeit hehre Ziele: Niemand sollte mehr hungern müssen. Durch die Koppelung der Subventionen an die Höhe der Produktion führten die Finanzhilfen aber geradewegs in die Überproduktion. Am Ende sprach man von "Butterbergen" und "Milchseen".

Nach über 50 Jahren taugt dieses System nicht mehr. Wer heute über Landwirtschaft in Europa spricht, spricht noch immer und vor allem über konventionelle Landwirtschaft, die durch milliardenschwere Zuschüsse aus Brüssel am Leben gehalten wird. Angesichts niedriger Erzeugerpreise muss die Europäische Union den Milchbauern jetzt weiter unter die Arme greifen. So schlug der Rat der Agrarminister vor, mit Stützungskäufen den Preisverfall bei Milchprodukten zu stoppen. Da sind sie also wieder - die "Butterberge" und "Milchseen", die Anfang der 80er Jahre Schlagzeilen machten.

"Die perverse Logik der Agrarsubventionen"

feld.jpgSchon 2005 schrieben die Vereinten Nationen in ihrem "Bericht über die menschliche Entwicklung": "Nichts verdeutlicht die perverse Logik der Agrarsubventionen besser als die gemeinsame Agrarpolitik der EU - ein System, das die Produzenten mit jährlich 43 Milliarden Euro Unterstützung überhäuft."

Die Bauern produzierten ohne Plan alles, was subventioniert wurde. Fielen die Zuschüsse für Mais besonders hoch aus, stand Deutschland voller Maisfelder. Oder Raps. Oder Kartoffeln. Je nach dem, welches Produkt am stärksten subventioniert wurde. Ein nie versiegender Geldstrom für deutsche Bauern. Bald mussten Turbo-Kühe her, die noch mehr Milch produzierten. Mastkälber, mit Sperma aus den USA gezeugt, waren manchmal so groß, dass sie nicht auf natürlichem Wege von ihren Mutterkühen entbunden werden konnten. Die Produktion wurde immer effektiver, mit immer weniger Arbeitskräften und immer besserer Technologie. Den Bauern wurden ihre Produkte garantiert abgenommen, zu Höchstpreisen.

Mittlerweile erreichen die Agrarsubventionen groteske Größenordnungen. Jede Kuh in der Europäischen Union wird mit rund 1,50 Euro pro Tag subventioniert. Das ist nach Angaben der Welthandelsorganisation mehr, als die meisten Menschen in Afrika oder Asien pro Tag zum Leben haben. Bei Foodwatch ist nachzulesen, dass alle Industrieländer zusammen sich den Schutz ihrer Landwirtschaft jährlich rund 350 Milliarden Dollar kosten lassen - gegen jede marktwirtschaftliche Vernunft. In der Summe ist das mehr, als die 50 ärmsten Länder der Welt zusammen als Bruttosozialprodukt erwirtschaften. Oder anders ausgedrückt: Es ist das Vierfache der Summe, die weltweit jedes Jahr als Entwicklungshilfe für die Dritte Welt bereitgestellt wird.

Wir Verbraucher müssen sogar noch für dieses System zahlen. Die EU schützt ihre Bauern - nicht uns, die Verbraucher. Jeden Haushalt kostet dieses System durch überteuerte Lebensmittel mehrere hundert Euro im Jahr.

Abwrackprämie für Kühe

Sicher, wenn wir von diesem ökonomischen Irrsinn wegwollen, müssen wir weniger, sauberer und nachhaltiger produzieren. Weg von der Massentierhaltung hin zu einer Liberalisierung der Landwirtschaft. Auch dafür hat Brüssel eine Idee parat: Die Abwrackprämie für Milchkühe. Beim "weniger ist mehr" stimmen wir noch überein, beim subventionierten Töten von Kühen nicht mehr. Der Bauer soll für seine abgewrackte Milchkuh 500 Euro aus Brüssel erhalten plus 800 bis 900 Euro vom Schlächter. Die Kuh wird zerlegt in Knochen für die chemische Industrie, Haut für die Lederwarenindustrie und Fleisch für Tiernahrung. Bezahlt vom Steuerzahler. Ein absurdes System, das man billiger und vor allem auch ethisch unbedenklich haben kann, über den normalen biologischen Abbau. Bauern dürften alte nicht durch junge Kühe ersetzen. Ein subventionierter Übergang der Agrarbauern hin zu Energiebauern oder Tourismusbauern würde uns Steuerzahlern schon eher einleuchten.

Ein Abbau der Subventionen, ein neues Verständnis für eine ökologische und wirklich ökonomische Agrarkultur würde keineswegs das Aus der Landwirtschaft in Deutschland bedeuten. Gäbe es weniger Mais- oder Weizenfelder und auch weniger Rinder- oder Schweinezuchtbetriebe, wäre dies auch der Umwelt zuträglich.

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Quelle: n-tv.de

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