Politik
Syrische Flüchtlinge im Libanon werden von der UN-Organisation WFP mit Lebensmitteln versorgt. Doch nicht immer reichen die Rationen aus.
Syrische Flüchtlinge im Libanon werden von der UN-Organisation WFP mit Lebensmitteln versorgt. Doch nicht immer reichen die Rationen aus.(Foto: REUTERS)

Helfen, wo es am einfachsten ist: Eine billige Antwort auf die Flüchtlingskrise

Ein Kommentar von Christoph Herwartz

Die EU-Staaten sind mit schuld daran, dass es in den Lagern rund um Syrien unerträglich ist. Kein Wunder, dass dort niemand bleiben möchte. Eine Verbesserung der Situation wäre schnell und günstig zu haben.

Ein toter Junge am Strand, ein Lastwagen voller Leichen. Das sind die Bilder, durch die sich Europäer aufschrecken lassen. Was ist das für eine Politik, die auf der einen Seite würdige Bedingungen für Flüchtlinge schaffen möchte, ihnen auf der anderen Seite aber einen Hindernisparcours in den Weg stellt? In Europa gilt das Recht auf Asyl. Aber wer es nach Europa schaffen möchte, muss durch die Wüste und über das Meer, muss sich Schleppern anvertrauen und sich vor Behörden verstecken, muss Stacheldraht überwinden und den Schlagstöcken von Polizisten ausweichen.

Es ist richtig, dass sich die Deutschen darum bemühen, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Aber der ungarische Premierminister Viktor Orbán hat auch recht, wenn er sagt, dass dadurch viele Menschen erst zu einer lebensgefährlichen Reise ermuntert werden.

Es gibt zu dieser Reise Alternativen: Asyl-Prüfungen im Ausland und das Öffnen legaler Migrationswege. Beides ist kompliziert und als Sofortmaßnahme darum ungeeignet. Doch es gibt eine naheliegende Maßnahme, die sofort wirken würde, die unkompliziert zu organisieren wäre und die vergleichsweise wenig Geld kosten würde. Es ist absurd, dass diese Maßnahme in der aktuellen Debatte praktisch keine Rolle spielt.

Alles ist da, nur kein Geld

Die zuständige Organisation heißt WFP – World Food Programme. Sie unterstützt derzeit 4 Millionen Syrer innerhalb des Landes und 1,6 Millionen Syrer in den Nachbarstaaten mit Notrationen. Um einen Flüchtling einen Tag lang zu versorgen, benötigt sie nur 90 Cent. 1,5 Milliarden Euro pro Jahr würden ausreichen, um die geflüchteten Syrer nicht hungern zu lassen. Der deutsche Staat hat im ersten Halbjahr 2015 einen Haushaltsüberschuss von 21 Milliarden Euro erzielt.

Und trotzdem müssen die Spitzenvertreter des WFP alle paar Monate durch die Hauptstädte der Welt reisen, um neue Spenden zu erbitten. Oft schaffen sie es nicht und müssen die Nahrungsrationen reduzieren. Es ist eine groteske Situation: Die Logistik funktioniert, das System ist eingespielt, die Nahrungsmittelfabrikanten in der Umgebung haben sich auf die Situation eingestellt. Doch weil zu wenig Geld da ist, hungern die Menschen in den Flüchtlingslagern.

Die nächste Katastrophe kommt

Wenn man die Bundesregierung auf den Bedarf anspricht, antwortet sie, dass sie schon viel Geld gibt. Und das ist auch richtig. Deutschland hat 2014 auf direktem Wege 270 Millionen Euro an das WFP gespendet. Weiteres Geld floss über internationale Organisationen, die von Deutschland mitfinanziert werden. Und doch ist es viel zu wenig. Von einer langfristigen und verlässlichen Finanzierung kann nicht die Rede sein.

In Europa wird darüber diskutiert, wie man die Bedingungen hier so unattraktiv machen kann, dass sich weniger Menschen zur Flucht entschließen. Dabei wäre es recht einfach, die Bedingungen im Nahen Osten so erträglich zu machen, dass die Menschen zumindest nicht mehr den Hungertod fürchten müssen, wenn sie bleiben.

Stattdessen guckt Europa dabei zu, wie andernorts die nächste Flüchtlingskatastrophe entsteht: Der Bürgerkrieg im Jemen verschlechtert die ohnehin schlechte Ernährungslage im Land. Das WFP schätzt, dass sich 13 Millionen Menschen nicht mehr vernünftig ernähren können und dass 6 Millionen von ihnen akut Hunger leiden. Die Finanzierung des WFP-Einsatzes ist für den September noch nicht gesichert.

Quelle: n-tv.de

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