Politik
"Wir können uns dafür entscheiden, zusammenzustehen." Sagt Norwegens Kronprinz Haakon.
"Wir können uns dafür entscheiden, zusammenzustehen." Sagt Norwegens Kronprinz Haakon.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 26. Juli 2011

Nur deutsche Politiker wissen es besser: Norwegen zeigt Schmerz und Haltung

ein Kommentar von Stefan Giannakoulis

Ein Massenmörder bringt 76 Menschen um, ein Land steht unter Schock. Doch anstatt auf Rache zu sinnen, gehen die Norweger auf die Straße und demonstrieren für Demokratie und eine offene Gesellschaft – mit Rosen und Kerzen in den Händen. Nur deutsche Politiker wissen schon, was zu tun ist. Und fordern reflexartig, Personendaten auf Vorrat zu speichern.

Der Ministerpräsident sagt: "Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Humanität." Der König sagt: "Ich bewahre den Glauben, dass Freiheit stärker ist als Furcht." Der Kronprinz sagt: "Wir wollen Grausamkeit mit Nähe beantworten. Wir wollen Hass mit Zusammenhalt beantworten. Wir wollen zeigen, wozu wir stehen." Wer wissen will, was Haltung ist, muss in diesen Tagen nach Norwegen schauen.

Ein Massenmörder bringt am 22. Juli 76 Menschen um, mit einer Bombe, die er vor einem Regierungshochhaus in der Hauptstadt Oslo detonieren lässt, mit einer Schnellfeuerwaffe, mit der er Kinder und Jugendliche auf der Ferieninsel Utöya erschießt. Norwegen trauert, ein Land steht unter Schock. Jede Reaktion wäre denkbar. Wut, Hass, der Ruf nach Rache. Doch Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagt: "Wir sind getroffen, aber wir geben nicht auf." König Harald V. sagt: "Ich bewahre den Glauben an eine offene Demokratie und Gesellschaft." Kronprinz Haakon sagt: "Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber wir können uns entscheiden, was es mit uns als Gesellschaft und als Einzelne macht. Wir können uns dafür entscheiden, dass niemand allein stehen muss. Wir können uns dafür entscheiden, zusammenzustehen."

Liebe auf den Straßen, Rosen in den Händen

Und dann ziehen 200.000 Menschen durch Oslo, denken an die Opfer, trauern, suchen Trost, sprechen sich Mut zu. Und setzen mit Rosen und Kerzen in den Händen der Wahnsinnstat eines Einzelnen ein Zeichen entgegen, das beindruckender nicht sein könnte. "Heute sind unsere Straßen mit Liebe gefüllt", ruft der Kronprinz ihnen zu. Das ist nicht nur bemerkenswert, das ist großartig. Es ist die Reaktion einer Gesellschaft, die Haltung zeigt. Ein Zeichen für Demokratie, Toleranz und Einigkeit.

"Jeder einzelne Tote ist ein unersetzlicher Verlust. Zusammen bedeuten sie eine nationale Tragödie": Ministerpräsident Jens Stoltenberg.
"Jeder einzelne Tote ist ein unersetzlicher Verlust. Zusammen bedeuten sie eine nationale Tragödie": Ministerpräsident Jens Stoltenberg.(Foto: dpa)

Ein Zeichen gegen das Böse, das Menschen töten kann, "aber niemals ein ganzes Volk besiegen", wie der Ministerpräsident sagt, der persönlich mehrere Opfer kannte. Das klingt groß, aber Jens Stoltenberg sagt das ohne Pathos. Und er meint es ernst. Er trauert. "Jeder einzelne Tote ist ein unersetzlicher Verlust. Zusammen bedeuten sie eine nationale Tragödie." Aber er beschwört die Freiheit, nicht die Vergeltung. Er zeigt Schwäche, er spricht mit belegter Stimme, er kämpft mit den Tränen. Er gibt keine schnellen Antworten, sucht gar nicht erst danach. Deswegen glauben die Menschen ihm, die 200.000 in Oslo und die vielen in den anderen Städten, die auf die Straßen gehen. Er zeigt allen, die jetzt schnelle Lösungen präsentieren und schärfere Gesetze fordern, was Haltung ist. Aber das tut in Norwegen eh niemand. Dafür aber in Deutschland.

Parteipolische Reflexe, stereotype Forderungen

Hans-Peter Uhl zum Beispiel, innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, will die Menschen besser überwachen und nutzt das Massaker in Norwegen, um in der "Passauer Neuen Presse" zu fordern, die Vorratsdatenspeicherung wieder einzuführen. "Im Vorfeld muss die Überwachung von Internetverkehr und Telefongesprächen möglich sein. Nur wenn die Ermittler die Kommunikation bei der Planung von Anschlägen verfolgen können, können sie solche Taten vereiteln und Menschen schützen." Und er weiß natürlich ganz genau: "In Wahrheit wurde diese Tat im Internet geboren", wie er dem Deutschlandfunk sagte. Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, unterstützt ihn dabei. Bernhard Witthaut von der Konkurrenzorganisation Gewerkschaft der Polizei sprach sich schon am Abend des 22. Juli dafür aus, eine Datei mit auffälligen Personen einzurichten. Bayerns Justizministerin Beate Merk hält die Vorratsdatenspeicherung für unverzichtbar, Joachim Herrmann, ihr Kollege im Innenministerium schlägt vor, "diese Interneteinträge noch aufmerksamer zu verfolgen".

Wir wissen nicht, was sich Politiker und Funktionäre dabei denken, wenn sie so etwas sagen. Wir wissen noch nicht einmal, ob sie sich etwas dabei denken, wenn sie jede noch so schreckliche Gelegenheit nutzen, um das zu tun, was sie viel zu oft tun: reflexartig zu reagieren und kleingeistige Parteipolitik zu machen. Wenn überhaupt, vertreten sie Positionen. Eine Haltung ist das nicht. Der Kronprinz hat übrigens noch etwas gesagt: "Nach dem 22. Juli gibt es keine Ausrede mehr für den Kampf um eine freie und offene Gesellschaft."

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Quelle: n-tv.de

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