Politik
Montag, 06. Juli 2009

Krümmel und Co.: Nur der Ausstieg ist sicher

Hubertus Volmer

Die Rolle der Atomkraft wird gnadenlos überschätzt. Kernenergie ist nicht nur verzichtbar, sie behindert auch den Umstieg auf erneuerbare Energien.

2l361547.jpgKernenergie sei "unverzichtbar", behauptete Bundeskanzlerin Angela Merkel unlängst, als sie dem "Deutschen Atomforum" - der Lobby der Kernkraftwerksbetreiber - zum 50. Geburtstag gratulierte. Sie hat Unrecht: Kernenergie ist nicht nur gefährlich, sondern auch überflüssig.

Die Gefahren sind hinlänglich bekannt: Reaktoren wie Krümmel erinnern immer wieder daran, dass die Technik ganz offensichtlich nicht beherrschbar ist. Zudem, das weiß auch die Kanzlerin, ist die Endlagerfrage weltweit völlig offen - auch im Land der angeblich "sichersten Kernkraftwerke".

Atomkraftwerke gibt es in 32 Ländern, an der globalen Stromproduktion hat Kernkraft einen Anteil von weniger als 15 Prozent. Zwei Drittel der Kernkraft weltweit werden von nur sechs Ländern produziert. Mit einem Nuklearanteil bei der Stromerzeugung von gut 76 Prozent liegt Frankreich nach Zahlen der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) an der Spitze, Deutschland folgt mit 28 Prozent auf Platz 15. Zum Vergleich: Erneuerbare Energien decken bereits mehr als 15 Prozent des Strombedarfs in Deutschland, Tendenz stark steigend.

Die Renaissance findet nicht statt

Vor einem Jahr forderte die Internationale Energie-Agentur (IEA) den Bau von 32 Atomkraftwerken jährlich, um den Klimawandel zu stoppen. Seither war häufig von einer "Renaissance der Kernenergie" die Rede. Doch diese Renaissance ist nur ein Märchen: Selbst in einem Jahrzehnt wird es diese 32 neuen Kernkraftwerke nicht geben. Nach Angaben der IAEA sind weltweit derzeit 48 Kernkraftwerke im Bau - an dem ältesten davon, dem US-Meiler Watts Bar 2, wird bereits seit 1972 gebaut!

Ans Netz gehen solche "Neubauten" nur selten: Im vergangenen Jahr wurde nicht ein einziger neuer Meiler hochgefahren, bislang gilt dies auch für das laufende Jahr. Stattdessen machen viele Bauvorhaben wie der finnische Reaktor Olkiluoto 3 Schlagzeilen durch explodierende Kosten und Pfusch am Bau. Olkiluoto 3 sollte eigentlich im Mai ans Netz gehen. Mittlerweile ist der Juni 2012 im Gespräch.

Zudem behindern Atomkraftwerke den Ausbau der erneuerbaren Energien, weil Kernkraftwerke so genannte Grundlastkraftwerke sind, die sich nicht schnell hoch- und runterfahren lassen. Der wachsende Anteil fluktuierender Einspeisungen durch den Ausbau der erneuerbaren Energien erfordert jedoch flexible Kraftwerke. Kurz gesagt: Wind- und Solarkraftwerke sind mit Kernenergie nicht kompatibel.

Es geht nicht um Sicherheit

Egal, was Union und FDP behaupten: Kernkraftwerke sorgen nicht für billigen Strom, sie sind nicht sicher, und es gibt auch kein "Maximum an Transparenz". Das Atomgesetz regelt den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie bis etwa 2022. Wenn die deutschen AKW 25 Jahre länger laufen dürften, würden mehr als 200 Milliarden Euro in die Kassen von Eon, RWE und EnBW gespült. Es geht nicht um Sicherheit, es geht nicht ums Klima, es geht allein ums Geld. Wäre es anders, würden die Betreiber die Restlaufzeiten der älteren Anlagen auf die jüngeren Atomkraftwerke übertragen.

Deutschland könnte mindestens fünf der 17 noch betriebenen Atomkraftwerke sofort problemlos stilllegen, ohne auf Importe angewiesen zu sein - zwei Kernkraftwerke, Brunsbüttel und Krümmel, sind ja ohnehin seit zwei Jahren vom Netz. Das muss so bleiben. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel kann das Land Schleswig-Holstein anweisen, dem Betreiber Vattenfall die Lizenz zu entziehen. Er sollte es rasch tun.

Quelle: n-tv.de

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