ZwischenrufObama: Last Exit To Cairo

Fällt Mubarak, dann nicht, weil die Proteste des Volkes gegen sein Regime zu groß werden, sondern weil Obama ihm den letzten Schubs versetzt. Doch noch zögern die USA. Zu unsicher sind sie, was nach Mubarak kommt. Die Chance, demokratischen Einfluss zu nehmen, haben sie längst verpasst.
Wenn der Präsident eines großen Landes mit 298 Millionen Einwohnern den Präsidenten eines kleineren Landes mit 84 Millionen Einwohnern auffordert, sein Amt aufzugeben, nennt man das im Völkerrecht gemeinhin Einmischung in die inneren Angelegenheiten. Immerhin: Das Ganze passiert am Telefon. Noch vor Jahren hätte das Weiße Haus Marines in Marsch gesetzt. Aber der Vorgang zeigt, dass Hosni Mubarak nur wegen der massiven Unterstützung der Vereinigten Staaten auf seinem Thron saß. Wenn Mubarak fällt, dann fällt er schlussendlich nur, weil Washington ihm den letzten Schubs gegeben hat. So gesehen, trägt auch Obama dafür Verantwortung, wenn auf den Straßen und Plätzen von Kairo, Alexandria und Suez weiter Blut fließt.
Aber der US-Präsident ist zögerlich geblieben. Der Eiertanz seines Sprechers nach den Journalistenfragen zu Zeitpunkt und Form eines Machtwechsels zeigt, dass die Vereinigten Staaten nicht sicher sind, nach welcher Seite das Pendel ausschlägt. Die Hauptfrage aus der Sicht Washingtons ist nicht die innere Verfasstheit eines künftigen Ägypten oder das Wohlergehen des Volkes, sondern die nach der bündnispolitischen Verlässlichkeit des Regimes, insbesondere mit Blick auf die Vertragstreue gegenüber Israel.
Ziele der Kairoer Rede verpasst
Bislang ist unklar, wer und was nach Mubarak kommt. Mohammed el-Baradei, früher Präsident der Internationalen Atomenergiebehörde wäre der weniger Genehme; Amr Mussa, als Außenminister wegen seiner Popularität von Mubarak in die Chefetage der Arabischen Liga weggelobt, der Genehmere. Beide müssten sich nach Parlamentsneuwahlen mit der islamistischen Moslembruderschaft arrangieren, die mit einiger Sicherheit die meisten Stimmen auf sich vereinigen wird.
Wie auch immer es im Einzelnen künftig am Nil aussehen wird: Eine Islamische Republik à la Iran steht wohl nicht an. Aber die Zeit der Nibelungentreue Kairos gegenüber Washington ist vorbei. Der US-Präsident hat vor knapp zwei Jahren in seiner Kairoer Rede demokratische Visionen verkündet. Er hat nichts getan, um sie zu verwirklichen. Das fällt den USA jetzt auf die Füße.
Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.