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"Nehmen Sie es einfach hin": Varoufakis' Glaubwürdigkeit hängt am Stinkefinger

Ein Kommentar von Thomas Schmoll

Dass der griechische Ökonom zwei Jahre vor seinem Eintritt in die Regierung Deutschland den Stinkefinger gezeigt haben könnte – na und! Hat der Minister aber voller Inbrunst ein Millionenpublikum belogen, hat er alles Vertrauen verspielt.

Wenn man es gut meint mit Griechenland und insbesondere mit Yanis Varoufakis, dann könnte man das, was der Finanzminister bei Günther Jauch gesagt hat, als ein Bekenntnis für Europa und seine Partner betrachten. Er plädierte für ein "Haus Europa", für das seine Landsleute und Deutsche gemeinsam den Spaten in die Hand nehmen. Ein wunderschöner Gedanke. Wäre da nicht dieses Misstrauen, für das Varoufakis mit extremer Beharrlichkeit gesorgt hat. Bislang hat der Hüter leerer Kassen den Spaten eher zu Rundumschlägen missbraucht statt zum Hausbau.

Screenshot aus dem Video von 2013. Varoufakis dazu: "Ich schäme mich dafür, dass man mir das zutraut."
Screenshot aus dem Video von 2013. Varoufakis dazu: "Ich schäme mich dafür, dass man mir das zutraut."

Kaum ein europäischer Spitzenpolitiker hat jemals innerhalb so kurzer Zeit so viel an Glaubwürdigkeit verloren wie Varoufakis. Ausgerechnet sein Versuch, im deutschen Fernsehen für Vertrauen zu werben, droht nun für ihn zum GAU zu werden. Denn stellt sich seine Behauptung, das Stinkefinger-Video sei ein Fake, als Lüge heraus, hat der Finanzminister ein noch viel größeres Problem, als er es ohnehin schon hat.

Es stimmt, dass sich Günther Jauch den Vorwurf gefallen lassen muss, journalistisch schlecht gearbeitet zu haben. Die Videosequenz, in der Varoufakis den Stinkefinger zur Aussage erhebt, er hätte im Januar 2010 den Staatsbankrott Griechenlands erklärt und Deutschland deshalb "den Finger gezeigt", wurde mit der Einblendung "Mai 2013" versehen. Das dürfte kaum ein Zuschauer mitbekommen haben. Es wirkte, als sei das Statement taufrisch. Ein Sprecher sagte: "Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben und steht für klare Botschaften, besonders an Deutschland." Im Mai 2013 war Varoufakis als Ökonom scharfer Kritiker der damaligen Regierung seiner Heimat.

Varoufakis hat voller Inbrunst widersprochen: "Dieses Video ist falsch. Das ist so montiert worden. Ich habe so etwas nie gemacht. Ich schäme mich dafür, dass man mir so etwas zutraut. (...) Diesen Finger habe ich nie gezeigt. Das ist ein unechtes Video." Und weiter: "Der Finger ist reinmontiert worden. Das sage ich Ihnen ohne Zweifel fest zu – und nehmen Sie es einfach hin. Das hat es nicht gegeben." Wenig bis nichts spricht dafür, dass Varoufakis Recht hat. Alessandro del Prete, nach eigenen Angaben der Kameramann, der Varoufakis' Auftritt vor zwei Jahren auf einer Konferenz in Zagreb aufnahm, erklärte via Twitter: "Definitiv kein Fake." Das stützen jetzt Recherchen der ARD, die aber noch weitere Untersuchungen ankündigt.

"Nur ein kleines Liquiditätsproblem"

Dabei geht es nicht einmal so sehr darum, ob Varoufakis den Stinkefinger gezeigt hat oder nicht. Es ist nicht schön, sollte aber einem ultralinken Heißsporn unter den Ökonomen verziehen werden und im Grunde auch gestattet sein. Hat Varoufakis aber gelogen, hat er sich endgültig diskreditiert.

Seine Reaktion spricht Bände für sein politisches Verständnis: "Nehmen Sie es einfach hin." Was Herr Varoufakis sagt, hat gefälligst die Wahrheit zu sein. Vielleicht kann er sich ja nur nicht mehr daran erinnern? Ein Ja auf diese Frage erwägt der Minister gar nicht erst. Stattdessen legt er sich auf eine These fest, die sich als neuste Verschwörungstheorie aus dem Hause Tsipras entpuppen könnte: Alle wollen den Griechen nur Böses und die tolle Syriza-Regierung stürzen! Nun auch Jauch und die CSU. Dass der Minister unter Realitätsverlust leidet, ist bekannt. Auch dafür gab es einen Beleg bei Jauch, als Varoufakis die Finanzlage Griechenlands aberwitzig als "insignifikantes, kleines Liquiditätsproblem" beschrieb.

Es ist bitter für Europa, dass nun eine Stinkefinger-Debatte in den Mittelpunkt der Eurorettung gerät – aber es ist auch bezeichnend. Denn statt am gemeinsamen Haus Europa zu bauen, dessen Fundament ohnehin gerade bröckelt, wird gestritten und gedroht, vielleicht auch gelogen oder ein Video gefälscht. Nichts davon bringt den Kontinent weiter. Also: Schluss damit! Rettet Griechenland – oder schmeißt es aus der Eurozone.

Quelle: n-tv.de

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