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Zetsche ist sich seines Imperiums sicher.
Zetsche ist sich seines Imperiums sicher.(Foto: dpa)

Person der Woche: Dieter Zetsche - der Auto-Bismarck

Von Wolfram Weimer

Daimler meldet zehn Milliarden Euro Gewinn und täglich neue Rekordverkäufe. Dieter Zetsche gelingt - auch persönlich - ein historisches Comeback.

Sein Bart ist sein Markenzeichen. "Walrossbart" nannten sie das buschige Schnurrgewächs, als der nette Hesse 2006 das Ruder beim Autokonzern in schwerer See übernahm. Als Dieter Zetsche mit Sparprogrammen erste Erfolge hatte, da machte das Wort vom "Schwaben-Schnauzer" die Runde. Jetzt ist er plötzlich der "Bismarck-Bart". Denn Zetsche hat mit Daimler nicht nur Erfolg. Er feiert einen historischen Triumph mit eiserner Beständigkeit. Der Autobauer aus Stuttgart meldet dieser Tage spektakuläre Rekorde. So stieg der Konzernumsatz im Jahr 2014 um 10 Prozent auf 129,9 Milliarden Euro. Der Jahresgewinn ist sogar auf 10,1 Milliarden Euro (plus 25 Prozent, also drei Mal so stark wie der Umsatz) emporgeschnellt. Das hat es selbst bei den Sternjungs aus Stuttgart noch nie gegeben.

Mit einem Absatz von 2,5 Millionen Fahrzeugen hat Daimler mehr Fahrzeuge verkauft als je zuvor. Das ist zugleich das vierte Rekordjahr in Folge. Selbst die teuren S-Klassen verkauft Mercedes wie andere Leute Kino-Popcorn - insgesamt wurden 125.100 S-Klasse-Autos Fahrzeuge (plus 75 Prozent!) abgesetzt.

Für Zetsche ist das zugleich ein persönlicher Triumph. Noch vor zwei Jahren galt er als angeschlagen, sein Vertrag wurde nur um drei statt der erwarteten fünf Jahre verlängert. Daimler hatte mehrmals seine Gewinnprognosen kassieren müssen, das Vertrauen an den Kapitalmärkten war angeschlagen. BMW und Audi waren cooler, jünger, erfolgreicher und schließlich sogar profitabler als die alternde Sternmarke. Und der freundliche Zetsche galt neben den forschen Angreifern aus München und Ingolstadt als Kuschelbart-Schleicher.

Doch Zetsche blieb auf Kurs - konzentriert, unaufgeregt und mit dem langem Atem eines Försters, dessen Bäume langsam, aber nachhaltig wachsen. Heute kann er die Ernte einfahren. Die guten Zahlen seien Ergebnis harter Arbeit, erklärt er und gibt seinen Kritikern von einst noch mit: "Sie gründen auf strategischen Entscheidungen, die wir vor Jahren getroffen und dann konsequent umgesetzt haben. Jetzt zahlt es sich aus."

"Wir feuern aus allen Rohren"

Zwar ist Daimler immer noch keine Heimstatt modischer Avantgarde und forschen Jugendkults, die Mercedes-Fahrer bleiben ziemlich alt. Und doch hat Zetsche mit seinen Kompaktmodellen viele jüngere Neukunden dazugewonnen. Und er hat neue frische Modelle am Start. Jede noch so kleine Nische wird besetzt. "Wir feuern aus allen Rohren", sagt Zetsche. Bis Ende des Jahres wird Mercedes-Benz in Summe acht neue oder überarbeitete Pkw-Modelle auf den Markt bringen.

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Doch der verblüffende Erfolg hat auch einen anderen, im Ausland liegenden Grund. Daimler baut seine globale Präsenz systematisch aus und profitiert vom Wachstum vor allen in Schwellenmärkten. Selbst in China, wo Daimler lange Zeit große Probleme hatte, läuft das Geschäft jetzt glänzend. China löste damit Deutschland als zweitstärksten Einzelmarkt hinter den USA ab. Dabei hat Mercedes 2014 in den USA mit 334.000 Fahrzeugen (plus 8 Prozent) mehr verkauft als jemals zuvor. In China allerdings stieg der Absatz noch schneller - um 25 Prozent auf 275.000 Fahrzeuge. Deutliche Zuwächse konnte man auch in Japan (plus 15 Prozent), Indien (plus 14 Prozent) und Brasilien (plus 6 Prozent) erzielen.

Selbst in einem schwierigen europäischen Marktumfeld behauptete sich Mercedes-Benz erstaunlich gut. Besonders deutlich waren die Zuwächse in Spanien (plus 35 Prozent), Großbritannien (plus 13 Prozent) und in Frankreich (plus 9 Prozent).

Im Jahr 2015 will Zetsche in China den Absatz auf deutlich mehr als 300.000 verkaufte Autos steigern. Daimler stützt seine Globalisierungsstrategie auch damit, dass immer mehr Fertigungen vor Ort stattfinden sollen. In China ist geplant, dass zwei Drittel aller verkauften Fahrzeuge in den nächsten Jahren vor Ort gefertigt werden. Mehr als 500 Ingenieure und Designer für die lokale Entwicklung sind neu eingestellt worden. Alsbald wird dort auch der Geländewagen GLA in lokaler Fertigung gebaut. Und bei der neuen C-Klasse hat Mercedes in weniger als sechs Monaten die Produktion auf vier Kontinenten gestartet. Das Auto wird nun gleichzeitig in Deutschland, USA, Südafrika und China produziert.

"An allen Ecken und Enden wird deutlich: Daimler ist im Aufbruch", sagt Zetsche stolz. Obwohl Russland und Südamerika Wackelkandidaten bleiben, soll das Wachstum auch in diesem Jahr ähnlich rasant weitergehen. Zetsche verkündet: "Wir haben uns vorgenommen, bei der Ertragskraft ein Niveau zu erreichen, das es in diesem Unternehmen bislang nicht gab." Bis zum Jahr 2020 will Daimler mehr Autos verkaufen als die Konkurrenz von Audi und BMW. "Das ist unser strategischer Anspruch", so Zetsche.

Lächeln über Apple

Der Daimler-Bismarck ist sich seines Imperiums so sicher, dass er selbst die Ankündigung von Apple, möglicherweise ins Automobilgeschäft einzusteigen, mit einem milden Lächeln quittiert: "Wir haben lange Erfahrung im Automobilbau, wir haben das Auto erfunden. Und Erfahrung ist in einem so komplexen Geschäft wie dem Automobilbau mitentscheidend. Wer dort neu einsteigt, hat die nicht", ruft er den erfolgsverwöhnten Kaliforniern zu. Und als würde das noch nicht reichen, setzt er in der "Welt am Sonntag" nach: "Wenn wir morgen ankündigten, dass Daimler künftig Smartphones baut, würde das Apple nicht beunruhigen oder aus der Bahn werfen. Und das gilt auch für uns."

Für die Mitarbeiter zahlt sich der Erfolg des Unternehmens unter Zetsche ebenfalls aus. Sie bekommen für das Jahr 2014 eine Ergebnisbeteiligung in Höhe von 4350 Euro. Das ist die höchste Prämie in der Unternehmensgeschichte. 135.000 der knapp 170.000 Mitarbeiter in Deutschland kommen in den Genuss der Sonderzahlung.

Und auch Zetsche selbst profitiert vom Erfolg. Dank Bonuszahlungen und Aktienoptionen erhielt Zetsche 2014 insgesamt 8,36 Millionen Euro Gehalt - eine der höchsten Vergütungen überhaupt in Deutschland. Bis 2016 kann Zetsche mit solchen Gehältern noch ernten, was er gesät hat. Schon spekulieren die Ersten in Stuttgart sogar, sein Vertrag könne Ende 2015 bis 2019 verlängert werden.

Er kann sich also seinen Bismarck-Bart wohlgefällig kraulen, wenn dieser Tage der Aktienkurs von Daimler Milliarde um Milliarde an Marktkapitalisierung hinzugewinnt. Ein Leben ohne seinen Bart will er sich nicht vorstellen. Eine Rasur "wäre so, als ginge es darum, meinen kleinen Finger abzuschneiden", sagte er in einem Interview der "Frankfurter Rundschau". Die Pflege seines Markenzeichens dauere gerade mal zehn Sekunden täglich: "Einmal mit dem Kamm rechts, einmal mit dem Kamm links durchziehen. Fertig." Und wenn der Bart wuchert, "nehme ich die Schere und schnibbel ein bisschen". Bismarck soll es genauso gemacht haben.

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Quelle: n-tv.de

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