Politik

Person der Woche: Vati Tillich - der männliche Merkel

Von Wolfram Weimer

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich steht vor einem klaren Wahlsieg. Er wird sich den Koalitionspartner aussuchen können. Sein größter Trumpf: Er ist wie Angela Merkel.

Sind sich in vielem ähnlich: Sachsen Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Sind sich in vielem ähnlich: Sachsen Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Bundeskanzlerin Angela Merkel.(Foto: dpa)

Unter Deutschlands Ministerpräsidenten gibt es Großvätertypen wie Horst Seehofer (Variante König) und wie Winfried Kretschmann (Variante Erzbischof), es gibt knurrige Onkel wie Volker Bouffier (Variante Bembel) und Stephan Weil (Variante Büroklammer), Kümmertanten wie Hannelore Kraft (Variante "Dem Sigmar seine Hömma") und Christine Lieberknecht (Variante Pastorin) und es gibt komische Cousins wie Torsten Albig (Variante Pressesprecher Nord) und Dietmar Woidke (Variante Dr. Agrar Ost). Die klassische Rolle aber - der Landesvater - wird nur von einem wirklich überzeugend besetzt. Stanislaw Tillich regiert Sachsen seit mehr als sechs Jahren und ist damit schon Deutschlands dienstältester Ministerpräsident (wenn man von den Stadtstaaten einmal absieht). Und nach der Landtagswahl am kommenden Sonntag wird er wohl weitere vier Jahre im Amt bleiben.

Stanislaw Tillich erringt in Sachsen Beliebtheitswerte wie andernorts nur die Sonne oder Schokoladeneis. Er liegt in den Umfragewerten grotesk weit vor seinen Konkurrenten. Bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten würde Amtsinhaber Tillich - laut ARD-Politbarometer - mit 57 Prozent Zustimmung unfassbare 40 bis 50 Prozentpunkte vor seinen Konkurrenten, dem SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig (14 Prozent) und dem Linken-Kandidat Rico Gebhardt (6 Prozent), liegen. Kurzum: Er wird abermals einen Wahlsieg erringen. Und weil er nicht nur erfolgreich, sondern auch umgänglich ist, würden sowohl SPD, FDP und Grüne als auch die neue AfD mit ihm gerne regieren. Da seine CDU wahrscheinlich mehr Stimmen holen wird als all diese Parteien zusammen, wird sich Tillich den Koalitionspartner in aller Ruhe aussuchen können.

Das Erfolgsgeheimnis von Tillich sehen manche Beobachter im Erfolg Sachsens, das eine Art Bayern des Ostens geworden ist. Sachsen sei wirtschaftlich erfolgreich, mental selbstbewusst, habe erstaunlich solide Staatsfinanzen, eine stolze historische Tradition und beste Bildungsdaten. Die Bilanz hat etwas musterknabenhaftes. Tatsächlich aber liegt Tillichs Beliebtheit gerade darin, dass er Erfolge überhaupt nicht zur Schau trägt, weil er grundsätzlich nichts zur Schau trägt.

Er ist ein Mann der leisen Töne, des bescheidenen Auftritts, der Sachlichkeit. Ein klassischer Wertkonservativer, seit 1979 mit Veronika Tillich verheiratet, zweifacher Vater, Gottesdienstbesucher. Als gebürtiger Sorbe und Ost-Katholik hat er früh Minderheiten-Demut gelernt. Er setzt auf Verbindlichkeit und Integration. Auch Berlin gegenüber. Während andere Ministerpräsidenten schon mal gegen die Bundesregierung poltern und sich profilieren, sucht Tillich immer nur die praktische Lösung für Sachsen. Über den Jahrmarkt des Politischen spaziert er ohne Geplärre. Er spricht polnisch und tschechisch und hat Sachsen auch mit seinen ausländischen Nachbarn mit dieser Art gut versöhnt und verbandelt.

Er ist in vielem wie Angela Merkel. Ein naturwissenschaftlicher Hintergrund (Ingenieursstudium an der Technischen Universität Dresden, Schwerpunkt Konstruktions- und Getriebetechnik), eine DDR-Sozialisiation der Vorsicht ("Weggehen – das war für uns ebenso wenig eine Alternative wie alles hinzunehmen"), ein defensiver Politikstil, eine natürliche Bescheidenheit und immer dem Primat der Sachlichkeit folgend. So wie Merkel mit dieser Mischung zur Mutti der Nation geworden ist, so wird Tillich damit zusehends zum Vati des Freistaates. Und so wird man ihn auch am Sonntag ohne große Siegergesten und Triumphgeheul erleben, er wird mit reduzierter Mimik und ruhigen Worten erklären, wie es nun weiter geht mit Sachsen. Sachlich voran mit Landesvater Tillich.

Quelle: n-tv.de

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