Politik

Person der Woche: Wie viel AfD steckt in Sahra Wagenknecht?

Von Wolfram Weimer

Ausgerechnet die Fraktionschefin der Linkspartei gibt den Seehofer und will straffällige Flüchtlinge streng abschieben. Sahra Wagenknecht bringt ihre Genossen in Wallung - und geht doch kühl kalkulierend vor.

(Foto: imago/Reiner Zensen)

Sahra Wagenknecht ist variantenreich wie eine Staatsschauspielerin. Mal gibt sie die Mutter Courage der Armen, dann wieder die Rosa Luxemburg der Barrikadenkämpfer. Mal ist sie die Jeanne d'Arc der Ostdeutschen, dann wieder das Gretchen des Saarland-Faustus Oskar Lafontaine. Sie ist das Gesicht der Linkspartei geworden, weil sie sich auf medialen Bühnen souverän bewegt und ihre Rollen beherrscht. In der gesamten grimmigen Geschichte der DDR ist der Sozialismus nie so intelligent und telegen verteidigt worden wie von Sahra Wagenknecht nach deren Untergang. Für manche der Betonkader in der Partei ist sie freilich zu telegen und zu intelligent. Ihre Aura passt nicht mehr recht zu Plattenbauten, Stasi-Veteranen und Bertold Brecht, man wittert an ihr zu viel Toskana, Kamin-Salon und Goethe.

Derzeit fällt die Kaderpartei mal wieder über sie her. Wagenknecht hat es nach den Übergriffen von Köln gewagt, "Kapazitätsgrenzen" für Migranten ins Spiel zu bringen und beim Asyl von einem "Gastrecht" zu sprechen, das man durch Kriminalität auch verwirken könne. Das klingt für internationalistische Tore-Auf-Linke nach Hochverrat. In der Fraktionssitzung musste sich die Vorsitzende also sozialistische Leviten lesen lassen. Die "Welt" witterte gar einen "Aufstand gegen Sahra Wagenknecht".

Doch solcherlei Aufstände ist sie nicht nur gewohnt, sie lebt geradezu von ihnen. Wagenknecht braucht Polarisierungen und eine Selbstinszenierung als schillernde Figur. Ihr politisches Schauspielertum wurzelt in der Kolportage von Radikalismen. Sie wiederholt dabei eine Masche ihres Ehemanns Oskar Lafontaine - riskant denken und riskant reden, um rasend bekannt zu werden. Den Trick hatte Lafontaine erst wenige Tage zuvor bei einem Auftritt zum Jahresauftakt der Linken vorgeführt, als er den Kapitalismus als eigentliche Ursache der weltweiten Fluchtbewegungen und des Terrorismus ausmachte. Der Westen sei für die Selbstmordattentate also letztlich selber verantwortlich. So war wieder eine hitzige Debatte losgetreten und Lafontaine im Gespräch.

Feuerspiele einer professionellen Extremistin

Wagenknecht wie Lafontaine sind ideologische Linke, aber eben auch Stimmungs- und Inszenierungspolitiker. Darum haben sie auch weniger Probleme, sich populistische Strömungen zu Diensten zu machen und zuweilen gar ins Repertoire der Rechtspopulisten zu greifen. Da wird die Gemeinschaftswährung Euro schon mal abgelehnt oder sie besetzen eben forsch Law-and-Order-Positionen.

Nun weiß man seit Aristoteles bereits, dass sich die politischen Extreme in Wahrheit berühren. Links- und Rechtsextreme haben mehr miteinander gemein als beiden lieb ist. Auf gewaltsamen Demonstrationen sind linksautonome Schläger des "Schwarzen Block" kaum von Neonazi-Schlägertrupps zu unterscheiden. In Wahrheit brauchen die Extremisten beider Richtungen einander, sie definieren sich sogar über die Auseinandersetzung.

Gemeinsam sind Extremen auch, dass sie Werte und Institutionen der bürgerlichen Mitte verachten. So ist es kein Zufall, dass NPD und Linkspartei gleiche Dinge bekämpfen - von Banken bis zur Nato, von den USA bis zum Euro oder TTIP.

Schon in der europäischen Schuldenkrise lehnte Wagenknecht die Gemeinschaftswährung grundsätzlich ab, anders als die Mehrheit ihrer Partei, die nur die angeblich von Deutschland diktierte Sparpolitik kritisierte. Wagenknecht wie Lafontaine haben einen großen politischen Instinkt, und der sagt ihnen, dass die neue Massenbewegung der Rechtspopulisten die Linkspartei frontal bedroht. Bei der letzten Landtagswahl in Brandenburg verlor keine Partei so viele Stimmen an die AfD wie die Linke. Und auch bei den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz deutet sich an, dass der Erfolg der AfD der Linkspartei den Garaus machen könnte - selbst der Einzug in die Parlamente ist inzwischen zweifelhaft. Ein ungewöhnlich großer Anteil der Linken-Wähler erklärt in Umfragen Verständnis für die Pegida-Demonstrationen, sogar mit dem höchsten Wert aller im Bundestag vertretenen Parteien und dreimal so hoch wie bei den Sozialdemokraten. Wagenknechts Ausfallschritte nach rechts sind keine unüberlegten Fehltritte, sie sind Feuerspiele einer professionellen Extremistin.

Quelle: n-tv.de

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