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Person der Woche: Wird Blessing Chef der Deutschen Bank?

Von Wolfram Weimer

Während die Deutsche Bank von Skandalen erschüttert ins Trudeln gerät, hat Martin Blessing die Commerzbank solide saniert. Späte Genugtuung für einen seriösen Banker mit langem Atem - und eine Option für die Zukunft.

Wenn Deutschlands Banken eine Familie wären, dann käme die Deutsche Bank als Vater in der Midlife-Crisis daher, die KfW wäre die Weltverbesserer-Tante im Staatsdienst, die DZ Bank stellte die basisdemokratisch beseelte Schwester aus der Provinz dar, die Unicredit-Hypo-Vereinsbank verkörperte den strebsamen Sohn im italienischen Maßanzug, die Landesbanken wären die Töchter, deren Studienzeit nie endet. Die Commerzbank aber wäre die Mutter, die eine schwere Krankheit endlich überstanden hat.

Der Arzt der Commerzbank: Martin Blessing.
Der Arzt der Commerzbank: Martin Blessing.(Foto: imago/Hannelore Förster)

Ihr Arzt heißt Martin Blessing. Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank hat den Patienten, der Ewigkeiten auf der Intensivstation lag, wieder zu einer erstaunlich gesunden Bank kuriert. Es waren schwerste, komplizierte Operationen nötig, mit tiefen Schnitten und schier endlosen Blutungen, die Bilanzsumme hat sich halbiert, Aktionäre sind daran fast bankrott gegangen. Doch das Eigenkapital verdoppelte er. Doktor Blessing hat in den Jahren der Dauer-OPs, als herkömmliche Skalpelle auszugehen schienen und selbst enge Angehörige der Finanzfamilie das Totenglöcklein läuteten, seine enorme Konzentration auf sachliche, kleinteilige Fortschritte nie verloren. Als andere auf Befreiungsschläge und riskante Deals setzten, wählte er den altmodischen, den redlichen Weg des Sich-Ehrlich-Machens. Blessing fällte die Entscheidung, bestimmte Spekulations-Geschäfte einfach nicht mehr zu machen, Bonusexzesse nicht mehr zuzulassen, unwägbare Risiken nicht mehr einzugehen. Er zog als einer der wenigen Banker Europas aus der Finanzkrise wirklich entschiedene Konsequenzen und suchte neue Wege.

Die Commerzbank-Werbekampagne mit den Kapuzenläufern ist zur Metapher für das Purgatorium geworden, das er seiner Bank abverlangte. Im Büßergewand zeigte man Reue und begab sich auf einen Weg der schrittweisen Besserung. Der Commerzbank wollte die (moralisch) bessere Bank werden. Doch lange Zeit sah es so aus, als sei das naiv und kostspielig. Jetzt ist die Genugtuung umso größer.

Mit norddeutschem (Blessing ist in Bremen geboren), fast britischem Understatement sagt er, dem jeder Horror der Finanzkrise, jede Bevormundung staatlicher Aufseher und jede Schmach konkurrierender Besserwisser vertraut geworden ist: "Es war ein ganz ordentliches Jahr."

Commerzbank macht sensationellen Gewinn

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Ordentlich? Es war sensationell! Deutschlands zweitgrößtes Geldhaus vervierfachte im vergangenen Jahr den Nettogewinn auf 1,06 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank meldet einen Verlust von 6,7 Milliarden Euro für 2015. Die Dividende dort fällt aus. Bei der Commerzbank hingegen werden nach jahrelanger Durststrecke wieder 20 Cent je Aktie gezahlt. Das dürfte auch Bundesfinanzminister Schäuble freuen, hält doch der Staat noch 15,6 Prozent an der Bank. Schäuble darf sich somit über eine Ausschüttung von 39 Millionen Euro freuen.

Wo immer man in der Commerzbank-Bilanz hinschaut, es überrascht positiv. Das operative Ergebnis hat sich mit 1,9 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Die Erträge vor Risikovorsorge sind auf 9,8 Milliarden Euro verbessert. Die harte Kernkapitalquote ist deutlich auf 12 Prozent gesteigert (Ende 2014: 9,3 Prozent). Die Risikovorsorge lag bei 696 Millionen Euro und ist damit rund 40 Prozent niedriger als im vorangegangenen Jahr. Dies ist ein harter Beleg für die inzwischen gute Qualität des Kreditbuches, die auch durch eine sehr niedrige Ausfall-Quote von 1,6 Prozent bestätigt wird. Im Vergleich zum Vorjahr steigerten die Segmente Privatkunden und Mittelstandsbank ihre Kreditvolumina im Jahresdurchschnitt um rund 8 Prozent beziehungsweise rund 4 Prozent. Die Privatkunden-Sparte hat in drei Jahren gut 800.000 Kunden gewonnen. 

Während die Konkurrenz sich also mit allerlei Skandalen, Verfahren, platzenden Krediten, Nullzinssorgen und Schieflagen in den Bilanzen herumplagt, hat Blessing seine Commerzbank besenrein gemacht. Kein Wunder, dass die Aktie - freilich nach Jahren der Kursmassaker - emporspringt wie der genesende Patient aus dem Krankenbett. Blessings Kur ist keine Wunderheilung. Es ist das Ergebnis einer schmerzlich geduldigen Rekonvaleszenz, einer Art Chemotherapie bei Krebskrediten.

Commerzbank war am Rand des Ruins

Dabei darf man nicht vergessen: Blessing hatte eine schwere Erblast auf den Weg bekommen. Sein Vorgänger Klaus-Peter Müller hatte der Commerzbank just zum Ausbruch der globalen Finanzkrise die Übernahme der Dresdner Bank aufgehalst. Dieser Deal brachte die Commerzbank an den Rand des Ruins. Strategisch vielleicht eine gute Idee, im Timing aber eine Katastrophe. Die Fusion kurz vor der Eskalation der Finanzkrise überforderte das Institut so sehr, dass der Staat mit mehr als 18 Milliarden Euro frischem Kapital einspringen musste. Kurzum: Müller ließ die Wanne volllaufen, Blessing hatte es auszubaden. Nun ist das Haus wieder trocken.

Umso bemerkenswerter ist, dass Blessing - dem nach Jahren der Dauerkritik jetzt allenthalben die Schultern geklopft werden - seinen Vertrag von sich aus nicht verlängert. Er könnte jetzt den Ruhm genießen und nach sieben mageren vielleicht sieben fette Jahre bei der Commerzbank hinlegen. Doch Blessing hört auf wie ein Preuße, der seinem Land meldet: Mission erfüllt. 

Der Übergangschef der Deutschen Bank, John Cryan, der aus dem Aufsichtsrat als Feuerwehrmann mal eben in den Vorstand geschickt wurde, würde sich wünschen, er sei mit den Aufräumarbeiten schon so weit wie Blessing. Denn zu lange wurde der Umbau der größten deutschen Bank von seinen Vorgängern hinausgezögert. Sie schreckten vor starken Einschnitten zurück und wählten lieber den bequemeren Weg, über spekulative Gewinne aus dem Investmentbanking die Bilanz zu polieren.

Doch vielleicht wird Blessing, der erst 52 Jahre alt ist, in ein, zwei Jahren selber neuer Chef der Deutschen Bank. Er wäre jung genug, erfahren genug, erfolgreich genug - der perfekte Mann, nach der Commerzbank nun auch die Deutsche Bank auf neue, solidere Pfade zu führen. Cryan könnte dann wieder in den Aufsichtsrat zurückwechseln. Die Rochade war ohnedies eher eine Notlösung. Für die Deutsche Bank wäre es im übrigen die Rückkehr eines vertrauten Namens. Denn der Vater von Martin Blessing (Werner Blessing) war seinerzeit selber Vorstand der Deutschen Bank, sein Großvater (Karl Blessing) gar Bundesbankpräsident. Der gute Name ist jedenfalls jetzt eine Frankfurter Tradition geworden. Martin Blessing könnte nach der Mutter nun auch den Vater der deutschen Bankenfamilie wieder auf den Weg bringen.

Quelle: n-tv.de

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