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Putin hat einen langen Weg zurückgelegt.
Putin hat einen langen Weg zurückgelegt.(Foto: AP)

Person der Woche: Wladimir Putin in sieben Punkten

Von Wolfram Weimer

Wladimir Putin ist derzeit der Bösewicht der Weltpolitk: Ein eiskalter Despot, der Gegner inhaftieren, Homosexuelle verfolgen und Nachbarstaaten überfallen lässt. Alles richtig - und doch ist das nicht die ganze Geschichte.

These 1: Putin ist ein ordinärer Despot

Er regiert Russland mit einer Mischung aus stalinistischer Unterdrückung, Fassadendemokratie und Neureichenkult. Ob Oligarchen wie Michail Chodorkowski oder schräge Aktivisten wie Pussy Riot – wer seiner Machterhaltung auch nur im geringsten in die Quere kommt, der endet im Gefängnis. Putins Russland ist immer noch weit entfernt von einem demokratischen Rechtsstaat. Homosexuelle müssen Repressionen erleiden, Regimekritiker werden attackiert, Medien werden gelenkt und genießen keine echte Pressefreiheit. Menschen-, Minderheits- und Bürgerrechte gibt es nur im Bonsai-Format.

These 2: Putin ist ein militaristischer Geheimdienstregent

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Sein Aufstieg vom randständigen KGB-Offizier in der DDR im Zeitraffertempo zum ersten Mann im russischen Staat zehn Jahre später erklärt sich nur durch die mächtigen Netzwerke des Geheimdienstes. Sein Denken und Handeln ist tief gepägt vom subversiven Kampf, von militärischen Kategorien und einem machiavellistischen Machtverständnis. Sein KGB-Hass auf Amerika ist zeitlebens nie gewichen. Putin begreift seine Legitimation immer auch militärisch, er sucht permanent die Nähe zu den Stahlhelmern. Eine seiner ersten Amtshandlungen im Januar 2000 war die Anhebung der Militärausgaben um 50 Prozent und die drakonische Offensive im Tschetschenien-Krieg. Insofern ist ihm Krieg – von Tschetschenien über Georgien bis zur Krim – eine selbstverständliche Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

These 3: Putin regiert oligarchisch und zaristisch

Putin hat Russland durch ein dichtes Netzwerk an Lehensnehmern unter Kontrolle. Wie einst der Zar mit seinem Hochadel so regiert er das Land durch kontrollierte Abhängigkeiten. Personen sind dabei wichtiger als Strukturen, und alle wichtigen Posten im Land – vom Gazprom-Chef bis zum Fernsehdirektor - besetzt er persönlich. Putin agiert wie ein politischer Oligarch mit Günstlingsofferten und einem System der Angst. Der Putinismus verbindet damit traditionelle mit modernen, repressive mit motivierenden Instrumenten der Loyalitätsbindung.

These 4: Putin hat Erfolg und innere Akzeptanz

Der Putinismus wird von der Mehrheit der russischen Bevölkerung nicht nur akzeptiert, sondern sogar befürwortet. Putin hat ein relativ hohes Maß an innerer Akzeptanz, auch wenn westliche Medien das gerne übersehen. Bei der Präsidentschaftswahl vor zwei Jahren erhielt er 63,6 Prozent der Stimmen. Putin wird auch deshalb gefolgt, weil er Russland nach Jahren des post-kommunistischen Chaos stabilisiert hat, weil sich Russland unter seiner Ägide einen erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Erfolg erarbeitet hat. Der im Putinismus zielsicher befeuerte Nationalismus bis hin zur systematischen Unterstützung der national-orthodoxen Kirche hat überdies ein neues kollektives Selbstbewusstsein etabliert.

These 5: Putin ist geltungsbedürftig

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Die Olympischen Spiele in Sotschi haben aller Welt gezeigt, dass Putin es aller Welt gerne zeigen will. Er hat ein enormes Bedürfnis nach Anerkennung – seit frühester Kindheit und den Demütigungen in den Leningrader Armenvierteln ist das so. Er musste sich buchstäblich durchs Leben schlagen und braucht den Applaus mehr als alle anderen Regierungschefs Europas. Selbst einen Doktortitel wollte er noch in späten Jahren unbedingt. So promovierte Putin 1997 mit einer 218 Seiten langen Arbeit zur staatlichen Bewirtschaftung von Naturressourcen. Diese Arbeit besteht nach Aussage des amerikanischen Ökonomen Clifford Gaddy in wesentlichen Teilen aus dreisten Abschriften und Plagiaten der US-Ökonomen William Kind und David Cleland von der Universität Pittsburgh. Putin empfindet es als persönliche Erniedrigung, wenn der Westen ihn nicht respektiert - wie bei seiner letzten Amtseinführungsfeier. Doch diese Sehnsucht nach westlicher Anerkennung könnte auch eine Chance des Westens sein, mit ihm politisch besser ins Geschäft zu kommen.

These 6: Putin hängt an Deutschland und braucht Europa

Putin spricht nicht nur leidlich Deutsch. Er hängt an Deutschland. Entscheidende Jahre seiner KGB-Karriere hat er in der DDR verbracht, er verfolgt die Dinge in Deutschland sehr genau, er ist mit einer Deutschlehrerin verheiratet und hat seine beiden Töchter Maria und Jekaterina (sogar in Dresden geboren) auf die Deutsche Schule in Moskau geschickt. Seine Freundschaft zu Ex-Kanzler Gerhard Schröder ist vital, und von allen westlichen Staaten würde er sich von Deutschland am meisten sagen lassen. Die Chancen der deutschen Diplomatie sind in der Ukraine-Krise daher durchaus gut. Überdies weiß Putin, dass eine erfolgreiche Zukunft Russlands nur mit einem dauerhaft konstruktiven, guten Verhältnis zu Europa gelingen kann. Gerade seine Abneigung gegen Amerika, seine Distanz zu China und seine Feindschaft zu Arabien macht aus seiner Perspektive Europa zum einzigen strategischen Partner. Russland kann sich eine Isolation auf Dauer nicht leisten, - Europa ist der wichtigste Absatzmarkt für russische Rohstoffe. Auch hier gibt es also Ansatzpunkte zum Brückenbauen.

These 7: Putin sollte eingebunden werden

Bei aller Verteufelung Putins sollte in der Ukraine-Krise nicht übersehen werden, dass die Strategie Europas und der USA im Umgang mit dem Staatszerfall der Ukraine bislang nicht wirklich überzeugend ist. Nüchtern betrachtet könnte eine Teilung des Riesenstaates in einen pro-russischen Osten und pro-europäischen Westen die langfristig bessere Lösung für Ukrainer, Russen und Europäer werden. Wenn die überwältigende Mehrheit der Menschen auf der Krim zu Russland gehören will, muss man das nicht gewähren lassen? Was ist dort mit dem Selbstbestimmunsgrecht der Völker? Kann Europa das einfach ignorieren? Man sollte mit Putin verhandeln, welchen Weg man diplomatisch aus der Krise findet. Er ist kein Demokrat, er ist auch kein angenehmer Nachbar, er ist sogar ein denkbar schwieriger Partner. Aber er könnte doch ein Partner der Räson für Europa sein. Da Krieg keine Option ist, sollte man mit ihm Frieden schließen - und die Ukraine teilen.

Wolfram Weimer ist einer der renommiertesten Publizisten Deutschlands. Er war Chefredakteur der Tageszeitungen "Die Welt" und "Berliner Morgenpost" sowie des "Focus". Weimer ist außerdem Gründungsherausgeber des von ihm 2004 geschaffenen Politik-Magazins "Cicero". Seit 2012 gibt er als Verleger in der Weimer Media Group eine Reihe von  Wirtschaftsmedien wie den "Wirtschaftskurier" und die "Börse am Sonntag" heraus.

Quelle: n-tv.de

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