Reise
Es muss nicht immer ein Schreibtisch im Büro sein.
Es muss nicht immer ein Schreibtisch im Büro sein.(Foto: imago/Westend61)
Mittwoch, 16. August 2017

Mit dem Laptop nach Brasilien: Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Von Juliane Kipper

Für einige Jobs braucht es heutzutage nicht mehr als einen Laptop und eine stabile Internetverbindung. Immer mehr können deswegen von fast überall auf der Welt arbeiten – auch dort, wo andere Urlaub machen. Eine Region ist besonders beliebt.

Vor fünf Jahren kündigt Felicia Hargarten ihren Job und nimmt sich eine sechsmonatige Auszeit – sie will reisen. Gemeinsam mit ihrem Freund Marcus Meurer fliegt sie nach Südostasien. Der Vertrag für einen neuen Job nach ihrer Reise ist bereits unterschrieben. Damit Freunde und Familie an ihrem Abenteuer teilhaben können, stellen Hargarten und Meurer ihre Urlaubsbilder aus Thailand, den Philippinen, Malaysia, Indonesien und Singapur auf einen Blog ins Internet. "Plötzlich bekamen wir die ersten Anfragen von Firmen. Unterwegs haben wir dann schon während der Auszeit als Freelancer ungeplant unser erstes Geld verdient", sagt die 35-Jährige im Gespräch mit n-tv.de.

Heute arbeiten die beiden an den unterschiedlichsten Orten. Das Internet ermöglicht ihnen, ihren Beruf ortsungebunden ohne einen festen Arbeitsplatz als digitale Nomaden auszuführen. Gewöhnlich arbeiten die modernen Wanderarbeiter in Cafés, Coworking Spaces oder öffentlichen Bibliotheken. Viele von ihnen sind Autoren, Übersetzer, Grafikdesigner oder Softwarenentwickler. Eine überwiegende Mehrheit verdient ihr Geld mit Online-Marketing oder durch Werbung auf Blogs – so wie Hargarten und Meurer. Das Paar kooperiert inzwischen unter anderem mit Tourismusunternehmen oder empfiehlt seinen Lesern eine Reiseversicherung oder eine Kreditkarte. Kauft jemand ihre beworbenen Produkte, werden sie am Gewinn beteiligt.

"Ich bin sehr freiheitsliebend. Jeden Tag in das gleiche Büro zu gehen, hat mich schon immer gestört. Ich liebe die Herausforderung und die Abwechslung", sagt Hargarten. Ständig wolle sie noch mehr lernen und ausprobieren. Die Selbstständigkeit und das Reisen gebe ihr die perfekte Möglichkeit, persönlich zu wachsen. Trotzdem habe sie sich erst ziemlich spät gegen ihren neuen Job entschieden. Seitdem ist sie gemeinsam mit ihrem Freund unterwegs.

Koh Phangan, Bali und Brasilien

Ihre Arbeitsplätze auf Zeit sucht sich das Paar nach verschiedenen Kriterien aus. Warm muss es sein, denn Hargarten ist kein Wintertyp. Skandinavien und Deutschland mit seinen kalten Wintern kommen deswegen höchstens für ein paar Wochen infrage. "Aber auch nur, wenn ich weiß, dass ich danach wieder unterwegs bin", sagt die 35-Jährige. Gerne sei sie an Orten, in denen nicht so viel los ist. "Gerade in Städten ist die Ablenkung groß. Aber je mehr Ruhe ich habe, desto entspannter, ausgeglichener und kreativer bin ich."

Die besten Städte für digitale Nomaden

1. Berlin, Deutschland

2. Budapest, Ungarn

3. Bangkok, Thailand

4. Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam

5. Chiang Mai, Thailand

6. Moskau, Russland

7. Kiew, Ukraine

8. Timisoara, Rumänien

9. Richmond, Virginia/USA

10. Lwiw, Ukraine

11. Tel Aviv, Israel

12. London, Vereinigtes Königreich

13. Canggu, Bali

14. Daejeon, Südkorea

15. Wien, Österreich

16. Daegu, Südkorea

17. Dallas, Texas/USA

18. Cluji, Rumänien

19. Kuala Lumpur, Malaysia

20. Chattanooga, Tennessee/USA

Quelle: https://nomadlist.com

Stand: 15. August 2017

Achten würde sie zudem immer auch darauf, dass sie sich vor Ort gesund ernähren kann. Die USA und Australien kommen wegen ihrer Fast-Food-Kultur für sie deswegen nicht infrage. Eher ziehe es sie an Orte, an denen es ein großes veganes Angebot gibt - wie zum Beispiel auf der thailändische Insel Koh Phangan, auf Bali und in Brasilien.

Zudem sollen es Orte sein, an denen Hargarten Sport machen kann. "Marcus und ich fahren oft in Länder, in denen wir gut kitesurfen können. Uns macht das einfach super Spaß und es ist ein willkommener Ausgleich zur Arbeit." Aufs Wasser könne man den Laptop eben nicht mitnehmen. Stattdessen biete der Sport die perfekte Möglichkeit zum Abschalten und um neue kreative Ideen zu entwickeln. "Wenn es nicht kitesurfen ist, kann man in Asien zum Beispiel aber auch super Yoga machen." Schließlich ginge es den beiden außerdem immer darum, dass sie von einer inspirierenden Community umgeben sind.

Südostasien ist besonders beliebt

Anfangs finden Freunde und Familie das neue Arbeitsmodel von Hargarten und Meurer noch befremdlich. Aber mit der Zeit hätten viele immer mehr verstanden, dass sie es ernst meinen, unterwegs bleiben und auch wirklich Geld verdienen. "Uns geht es nicht darum, mit möglichst wenig Geld über die Runden zu kommen und an billigen Orten zu leben. Viele mögen darunter digitales Nomadentum verstehen und es mag auch Leute geben, die das genauso machen. Unser Ziel ist es aber nicht."

Menschen, die ihren 9-to-5-Job aufgeben und ortsunabhängig arbeiten wollen, rät Hargarten, genau zu überlegen: Was bringe ich mit, was habe ich vielleicht in meinem beruflichen Leben schon gelernt, was weiß ich, weil ich mich persönlich dafür interessiere? Und sie können vom Wissen anderer profitieren und denjenigen Löcher in den Bauch fragen, die schon als digitale Nomaden leben.

Bilderserie

Ein ähnliches Konzept verfolgt die "Nomad List", die der 28-jährige Pieter Levels aus Amsterdam ins Leben gerufen hat. Die gleichnamige Website listet die besten Städte für Menschen auf, die ortsunabhängig arbeiten wollen. Das Ranking errechnet sich unter anderem aus den Lebenshaltungskosten, der Internetgeschwindigkeit, dem Wetter und der Sicherheit des jeweiligen Landes. Die Werte für die Berechnung liefern Nutzer in Echtzeit – und so verändert sich die Rangfolge der 823 gelisteten Städte ständig.

Mit Bangkok in Thailand auf Platz drei, Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam auf Platz vier und Chiang Mai ebenfalls in Thailand auf Platz fünf sind momentan gleich drei Städte in Südostasien in der Top 5 vertreten. Das Klima dort ist warm und das Leben vergleichsweise günstig: Eine Mahlzeit in einem Restaurant kostet in Bangkok beispielsweise nur knapp zwei Euro und einen Coworking Space gibt es schon für ungefähr 120 Euro im Monat.

Ungeachtet von Grenzen und Nationalitäten

"Mit den steigenden Lebenshaltungskosten in der westlichen Welt, die ein absurdes Ausmaß annehmen, ist es für unsere Generation  - also all diejenigen, die nach 1980 geboren sind - fast unmöglich, ein erfülltes Leben zu führen und wie unsere Eltern gleichzeitig etwas vom Gehalt beiseite zu legen", sagte Levels dem "Telegraph". Mit immer mehr Menschen, die in die Großstädte strömen, steigen die Lebenshaltungskosten. Anders als Hargarten sieht Levels hier schon die Motivation vieler Menschen begründet, ihr Heimatland zu verlassen und einen Ort zu finden, an dem sie das beste Leben für möglichst wenig Geld führen können.

"Wir 'fliehen' nicht aus unseren Heimatländern, weil wir es dort zu nichts gebracht haben - vielmehr bringen es die Länder selbst nicht. Wir wollen internationale Firmen aufbauen – ungeachtet von Grenzen und Nationalitäten. Das ist es, worum es dem digitalen Nomadentum geht. Wir müssen uns von dem Bild des Typen am Strand mit seinem Laptop im Schoß verabschieden", sagt Levels.

Auch Hargarten weiß jeden Tag ganz genau, welche Aufgaben erledigt werden müssen, steht früh auf und macht sich nach ihrer Morgenroutine an die Arbeit. Zwar kann ihr Tag schon mal aus einer zweistündigen Mittagspause bestehen, in der sie dann gerne kitesurfen geht - dafür ist ihr Arbeitstag aber eben auch länger. Diese Freiheit und das Privileg, an den tollsten Orten auf der Welt zu leben, schätzt Hargarten am meisten an ihrem Leben als digitale Nomadin.

Heute will sie sich nicht festlegen, wie lange sie dieses Leben so noch führen will. "Wieso soll ich mich festlegen, was ich den Rest meines Lebens machen will? Ich kann mein Leben jede Minute anpassen und einen neuen Weg einschlagen."

Quelle: n-tv.de

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