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Polizisten und Soldaten sichern Brüssel. Solche Szenen schrecken viele Touristen ab.
Polizisten und Soldaten sichern Brüssel. Solche Szenen schrecken viele Touristen ab.(Foto: REUTERS)

Angebliche "Islamisten-Hochburg": Brüssel will Terror-Image abstreifen

Belgiens Hauptstadt Brüssel will nicht länger als Terror-Hochburg gelten. Denn die Touristen bleiben weg. Stadt und Bürger versuchen mit aller Kraft, den ramponierten Ruf wieder aufzupolieren.

Eine große Art-Déco-Kirche ragt über den Platz, auf dem Bert De Bisschop steht. Gegenüber liegen eine Apotheke mit arabischem Schriftzug, ein asiatisches Restaurant, eine marokkanische Teestube. Muslimische Frauen mit Kinderwagen trotzen der Winterkälte, eine Gruppe blonder Teenager kichert an der Straßenecke. "Guck, wie vielfältig es hier ist", sagt der Touristenführer. "Der Unterschied zwischen dem, was Menschen über diesen Bezirk lesen, und was sie hier tatsächlich sehen, ist riesig." Er will dafür sorgen, dass das Bild von Molenbeek zurechtgerückt wird. Denn seit dem 13. November steht die Brüsseler Stadtgemeinde vor allem für eins: Terrorismus. Nach den Pariser Attentaten, bei denen Killerkommandos 130 Menschen umbrachten, führte eine Spur nach Molenbeek. In dem Bezirk der belgischen Hauptstadt lebten einige der Extremisten, die mit den Anschlägen in Verbindung gebracht wurden.  Es folgten Durchsuchungen, Festnahmen, weitere Razzien.

Die Touristen in Brüssel bleiben aufgrund der Terroranschläge von Paris weg.
Die Touristen in Brüssel bleiben aufgrund der Terroranschläge von Paris weg.(Foto: REUTERS)

Molenbeek, wo hauptsächlich Menschen mit Migrationshintergrund leben, wurde in den Medien als "Islamisten-Hochburg" hingestellt. Ende November 2015 wurde in Brüssel wegen akuter Terrorgefahr die höchste Sicherheitswarnstufe ausgerufen. Fünf Tage lang kam das öffentliche Leben zum Erliegen. Und zum Jahreswechsel sagte die Stadt das traditionelle Silvesterfeuerwerk ab - wegen erneuter Terrordrohungen. "Seit Wochen stellen internationale Medien Brüssel als Kriegszone dar, die Touristen vermeiden sollten", schreibt die Tourismusbehörde Visit.Brussels. Bilder von Panzern auf den Straßen und bewaffneten Soldaten vor U-Bahn-Eingängen gingen um die Welt. Diese Fotos hätten ein verzerrtes Bild einer belagerten oder abgeriegelten Stadt dargestellt, klagt Bürgermeister Yvan Mayeur. Die Zahl der Touristen in Brüssel sei daraufhin im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent gesunken.

Der Stadteil Molenbeek ist negativ in die Schlagzeilen geraten.
Der Stadteil Molenbeek ist negativ in die Schlagzeilen geraten.(Foto: imago/Winfried Rothermel)

Das Image-Problem trifft die Tourismusbranche besonders hart. Der Brüsseler Hotelverband (BHA) schätzt den Verlust für seine Mitglieder, die insgesamt 15 000 Zimmer in Brüssel und Umgebung anbieten, auf insgesamt 25 Millionen Euro im November und Dezember."Noch nie gab es solch einen Rückgang der Auslastung in so einem kurzen Zeitraum", sagt BHA-Präsidentin Sophie Blondel. Insgesamt hätten die Pariser Anschläge und die darauffolgenden Terrordrohungen in Brüssel der belgischen Wirtschaft in einer Woche rund 145 Millionen Euro gekostet, rechnet der Verband Belgischer Unternehmen vor. Das seien 0,04 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts. Einige Touristen lassen sich von den Terrorwarnungen nicht beirren. "Wir wollten unsere Pläne nicht ändern", sagt die Kanadierin Janine, die mit ihrer Tochter die Grand-Place im Herzen der Stadt besichtigt. Doch gezögert habe die 54-Jährige vor der Reise schon. "Wir haben die Bilder der Panzer auf den Straßen gesehen." Ein Paar aus den Niederlanden sagt, es habe zwar nicht daran gedacht, die Städtereise abzusagen. "Aber wir haben nicht vor, uns Molenbeek anzugucken", sagen sie, nervös lachend.

Stadt startet Kampagne

Gerade diesen berüchtigten Bezirk will Bert De Bisschop Touristen aber zeigen. "Mit den Führungen wollen wir wieder etwas Nuance in die Debatte um Molenbeek reinbringen", sagt der 42-Jährige, während er sich eine Zigarette rollt. Etwa 100 Menschen meldeten sich für die erste Führung durch Molenbeek an, die das Unternehmen Brukselbinnenstebuiten - "Brüssel auf den Kopf gestellt" auf Niederländisch - nach den Pariser Anschlägen kostenlos anbot. De Bisschop weiß, warum die meisten Menschen neugierig sind. Ihm wurde etwa die Frage gestellt, wo denn der flüchtige Salah Abdeslam, der mutmaßlich an den Pariser Attentaten beteiligt war, wohnte. "Wir wollen diese Neugierde aber nutzen, um den Besuchern zu zeigen, dass Molenbeek ganz anders ist, als was sie in den Nachrichten lesen", sagt der 42-Jährige. Die Führungen von Brukselbinnenstebuiten sind seiner Meinung nach keine Stadtbesichtigungen, sondern Bildungstouren. Er läuft an Sozialwohnungen, kommunalen Gärten und einem Kulturzentrum vorbei. Er zeigt einen neuen Spielplatz, der von der Gemeinde auf einem Gelände der Stadt errichtet wurde, das nach dem Bau der U-Bahn leer stand. Viel sei in den letzten Jahren in Molenbeek investiert worden, sagt er. Doch viel müsse noch getan werden.

Auch die Stadt versucht, nach den Terrordrohungen der letzten Monate ihr Image aufzupolieren. Wie zeigt man der Welt, dass Brüssel keine Kriegszone ist? Mit der Kampagne #CallBrussels sollten Bürger selber von ihrer Heimatstadt erzählen. Fünf Tage lang konnten Menschen aus aller Welt über eine Webseite drei eigens für die Kampagne aufgestellte Telefonzellen anrufen. 12.688 Anrufe gingen Visit.Brussels zufolge aus 154 Ländern ein. "Ich habe im Internet gelesen, dass es gefährlich ist, Ihre Stadt zu besuchen", sagt ein Anrufer in dem Kampagnen-Video. Sein Gesprächspartner am Brüsseler Place Flagey versichert ihm: "Eigentlich sind es die Medien, die einen riesen Wirbel gemacht haben, aber hier passiert nichts."

Ein Bürger Molenbeeks sagt seinem Anrufer, "hör nicht auf CNN oder BBC oder auf irgendwas anderes - ganz ehrlich, dies ist eine toller Bezirk!". Das Video wurde auf Facebook mehr als 2,3 Millionen Mal angeschaut. Langsam erholt sich die Stadt von dem Fluch der Terrordrohungen. Noch immer patrouillieren Soldaten an Bahnhöfen und in den Gassen der Altstadt; Militär-Trucks düsen durch die Straßen. Der Hotelverband von Brüssel befürchtet, dass einige Hotels noch monatelang die Nachwirkungen des "Lockdowns" spüren werden. Doch de Bisschop ist überzeugt: «Noch drei, vier Monate, dann ist der ganze Trubel vorbei."

Quelle: n-tv.de

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