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Auch wenn die Entscheidungen dem VfL Wolfsburg nicht imer gefallen: Der Unparteiische Gräfe macht in einem heiklen Spiel alles richtig.
Auch wenn die Entscheidungen dem VfL Wolfsburg nicht imer gefallen: Der Unparteiische Gräfe macht in einem heiklen Spiel alles richtig.(Foto: imago/Claus Bergmann)

"Collinas Erben" erleichtert: Gräfe erspart DFB unbequeme Debatten

Von Alex Feuerherdt

Anders als befürchtet wird der Unparteiische beim Relegationsduell in Hamburg nicht zum Thema. Drei seiner Kollegen stehen am 34. Spieltag derweil zum letzten Mal auf dem Platz. Trotzdem werden sie weiter im Einsatz sein.

Obwohl Manuel Gräfe das entscheidende, nervenzehrende Relegationsvermeidungsspiel zwischen dem Hamburger SV und dem VfL Wolfsburg (2:1) souverän über die Bühne gebracht hatte, fand Markus Gisdol auf der Pressekonferenz nach dem Schlusspfiff deutlich kritische Worte zur Ansetzung des Schiedsrichters durch den Deutschen Fußball-Bund. Der Berliner Referee sei von den Zuständigen beim Verband in eine "extrem schwierige Situation gebracht" worden, fand der Hamburger Trainer. Ja, der DFB habe sogar "verantwortungslos gegenüber dem Schiedsrichter" gehandelt. Das sei "eine Sache, die absolut nicht geht".

Den Hintergrund für Gisdols Äußerung bildete das Rückspiel des HSV beim Karlsruher SC in der Relegation vor zwei Jahren. Gräfe hatte damals kurz vor Schluss beim Stand von 1:0 für den KSC einen umstrittenen Freistoß für die Norddeutschen gegeben, der zum Ausgleich geführt hatte. In der folgenden Verlängerung setzte sich der Erstligist schließlich durch und hielt die Klasse. Dass derselbe Unparteiische nun erneut eine existenziell wichtige Partie mit Beteiligung der Hamburger leiten sollte, sahen deshalb viele kritisch, darunter auch die früheren Fifa-Referees Markus Merk und Bernd Heynemann.

Befürchtet wurde, dass die Personalie das Spiel belasten und den Schiedsrichter unnötig in den Fokus rücken könnte. Denn bei weiteren strittigen Pfiffen zugunsten des HSV hätte man Gräfe womöglich unterstellt, Sympathien für den "Liga-Dino" zu haben, also nicht neutral zu sein. Bei fragwürdigen Entscheidungen zum Vorteil der "Wölfe" wiederum hätte es vielleicht geheißen, er habe offenbar aus schlechtem Gewissen gehandelt. Unter diesen Voraussetzungen hätte Manuel Gräfe stets im Mittelpunkt gestanden und nur verlieren können, völlig unabhängig von seiner tatsächlichen Leistung.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

"Das war eine unglaublich schlechte Entscheidung vom DFB", wurde Markus Gisdol deshalb nach dem Abpfiff deutlich. Vor der Begegnung hatte er sich – wie auch sein Gegenüber Andries Jonker – dagegen bewusst zurückgehalten, um die Debatte nicht noch anzuheizen. Man mag dieses sportlich anständige Verhalten selbstverständlich finden, doch es gibt immer wieder Spiele, vor denen Spieler, Trainer oder Funktionäre über die Medien einen gewissen Druck auf die Unparteiischen ausüben, um sie in ihrem Sinne zu beeinflussen. Deshalb waren Gisdols und Jonkers leise Töne sehr wohl bemerkenswert.

Abgeklärter Gräfe trotzt dem Druck

Noch bemerkenswerter war es, wie Manuel Gräfe mit der Situation umging. Gewiss, er hatte auch das Glück, dass es nicht zu – von ihm weder zu vermeidenden noch zu verantwortenden – engen, kritischen Szenen kam, bei denen seine Entscheidungen den Ausgang des Spiels beeinflussten. Dennoch waren die Ruhe, mit der er diese phasenweise hektische und hitzige Partie leitete, seine Nervenstärke und Unaufgeregtheit, seine Konsequenz und Akzeptanz beachtlich, vor allem angesichts der für ihn so schwierigen Umstände.

Der Referee kühlte die Gemüter immer wieder mit kurzen Ansprachen und einer – für ihn typischen – kargen, aber klaren Gestik ab. Taktische Fouls, etwa von HSV-Kapitän Gotoku Sakai und dem Wolfsburger Vieirinha, ahndete er folgerichtig mit Gelben Karten. Kryiakos Papadopoulos wurde für seinen Ellbogeneinsatz gegen Paul-Georges Ntep ebenfalls zu Recht verwarnt, wie auch Josuha Guilavogui für sein Beinstellen gegen Nicolai Müller. Hinzu kamen korrekte Entscheidungen von Gräfe in potenziell heiklen Szenen. Dazu gehörte es beispielsweise, in der 51. Minute keinen Elfmeter für Wolfsburg zu geben, als Albin Ekdal den Ball nach einem Schubser von Yannick Gerhardt unabsichtlich mit der Hand spielte.

Am Ende war also alles gut gegangen, der Unparteiische hatte die Partie mit seiner ganzen Persönlichkeit und Routine bewältigt. Auch beim DFB dürfte deshalb so manch einer aufgeatmet haben. Zur Begründung für die Ansetzung von Gräfe hatte es geheißen, andere Spitzenschiedsrichter stünden gerade nicht zur Verfügung oder seien – wie Deniz Aytekin mit dem DFB-Pokal-Endspiel oder Felix Brych mit dem Champions-League-Finale – bereits mit der Leitung von ebenfalls entscheidenden Spielen betraut. Sonderlich überzeugend war dieses Argument allerdings nicht – schließlich hätte es auch unter den verbleibenden Bundesliga-Referees genügend hochwertige Alternativen gegeben.

Trio hört auf – und macht doch weiter

Wie zum Beweis wurde auch in den anderen Stadien an diesem letzten Spieltag der Saison 2016/17 kaum einmal über die Entscheidungen der Unparteiischen diskutiert – und das, obwohl vielerorts noch eine Menge auf dem Spiel stand. Besonders überzeugend pfiff Robert Hartmann, der die Partie zwischen dem 1. FC Köln und dem 1. FSV Mainz 05 zu beaufsichtigen hatte. Die intensive, prickelnde und temporeiche Partie verlangte dem Schiedsrichter aus dem Allgäu einiges ab, doch der 37-Jährige versah sein Amt mit viel Umsicht und großer Aufmerksamkeit.

Für drei Referees bedeutete der Schlusspfiff auf dem Rasen am vergangenen Samstag um 17.20 Uhr zugleich auch den Abpfiff für ihre Laufbahn als Schiedsrichter: Wolfgang Stark, der die Begegnung zwischen Borussia Mönchengladbach und Darmstadt 98 leitete, Günter Perl (Borussia Dortmund – Werder Bremen) und Jochen Drees (Bayern München – SC Freiburg) müssen ihre Karriere auf dem Feld beenden, weil sie die Altersgrenze von 47 Jahren erreicht haben. Stark hört dabei als neuer Rekordhalter mit 345 Bundesligaspielen auf, wird in der kommenden Saison jedoch wie Perl und Drees als Video-Assistent eingesetzt. Auf diese Weise bleiben die drei also im operativen Geschäft – und ihre Erfahrung kommt der Bundesliga weiterhin zugute.

Wolfgang Stark hatte sich für sein letztes Spiel als Schiedsrichter übrigens etwas Besonderes überlegt: Wie vor ihm Markus Merk, der nach seinem finalen Abpfiff in der Bundesliga im Jahr 2008 sein Trikot mit Oliver Kahn getauscht hatte, gab auch er sein Jersey für das Leibchen eines Spielers – nämlich für das des Gladbachers Christoph Kramer. Der Weltmeister war dann auch ganz einverstanden mit dieser ungewöhnlichen Aktion: "Ich bin eh ein leidenschaftlicher Trikotsammler", sagte er gegenüber dem Bezahlsender Sky. "Jetzt habe ich ein Schiedsrichtertrikot. Das ist auch mal schön."

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Quelle: n-tv.de

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