Wirtschaft
Der drohende Brexit sorgt bei den britischen Wettbüros für reichlich Umsatz.
Der drohende Brexit sorgt bei den britischen Wettbüros für reichlich Umsatz.

So verdienen Wettbüros am Brexit: 100.000 Pfund auf "Remain"

Von Hannes Vogel

Nicht nur Meinungsforscher, auch Buchmacher haben dank des drohenden EU-Austritts der Briten Hochkonjunktur. Manche setzen ein kleines Vermögen. Bei den Wettbüros klingeln die Kassen wie nie zuvor.

Wenn die Briten am Freitagmorgen über den Brexit abgestimmt haben, ist bei einer Frau in London womöglich Zahltag. Sie hat 100.000 Pfund darauf gesetzt, dass ihre Landsleute Teil Europas bleiben wollen. Setzen sich die EU-Befürworter durch, gewinnt sie 40.000 Pfund. Entscheiden sich die Briten auszutreten, ist ihr Geld futsch.

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Der Name der Frau ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass sie die Wette bei William Hill, einem der größten britischen Wettanbieter platziert hat, der die Geschichte verbreitet. Und dass sie zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben getippt haben soll.

Nicht nur für die Frau aus London, sondern viele Otto-Normal-Verbraucher in Großbritannien ist die Brexit-Abstimmung inzwischen mehr Tippspiel als historisches Referendum. Die Buchmacher überschlagen sich mit Angeboten. Man kann nicht nur auf das Ergebnis setzen, sondern auch die Wahlbeteiligung tippen, wie groß der Anteil der Unterstützer ausfallen wird, welche Stadt die größte Brexit-Hochburg wird, ob in England mehr Leute als in Schottland für den Austritt stimmen oder Premierminister David Cameron nach dem Referendum abdankt.

"Größtes Wettereignis der britischen Geschichte"

Nicht nur im Vereinigten Königreich ist das Interesse riesig: "Wir haben unter anderem Wetten aus Andorra, Argentinien, Österreich, Kanada, Finnland, Holland, Japan, Malaysia, Malta, Russland, Schweden, der Schweiz und der Ukraine angenommen", sagt ein Sprecher von William Hill.

Der Anbieter Betfair hat nach eigenen Angaben schon Einsätze von insgesamt 40,5 Millionen Pfund gesammelt. Beim Unabhängigkeitsreferendum der Schotten vor zwei Jahren kamen 21 Millionen Pfund zusammen. Auch den bisherigen Weltrekord für politische Wettereignisse - die US-Präsidentschaftswahl 2012 - hat die Brexit-Abstimmung schon geknackt. Damals lag der Gesamteinsatz bei Betfair bei 40 Millionen Pfund. Der britische "Guardian" nennt das Brexit-Referendum deshalb "das größte Wettereignis der britischen Geschichte".

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Ob US-Wahl, Schottland-Referendum oder Brexit - Polit-Tipps werden bei den britischen Spielern immer beliebter. Kein Wunder, denn die Quoten sind verlockend. Schon 2014 setzte ein Mann 900.000 Pfund darauf, dass die Schotten Teil des Vereinigten Königreichs bleiben würden - und gewann fast 200.000 Pfund.

Zudem haben Buchmacher in Großbritannien eine jahrhundertealte Tradition. Im Vereinigten Königreich kann man so ziemlich auf alles setzen: Fußballspiele, Pferderennen, Boxkämpfe, den Ausgang von Castingshows, Tennis-Matches, Hunderennen - und von Wahlen.

Das richtige Geld machen die Profis

"Die Lust am Wetten auf die Politik wächst, das hat uns das schottische Unabhängigkeitsvotum gezeigt", zitiert der "Guardian" einen Sprecher von William Hill. "Das hat sich von einem Nischenmarkt für Polit-Insider wegentwickelt. Es gibt jetzt ein viel breiteres Interesse".

Wohl auch deswegen, weil die bunten Läden von Coral, Betfred, Stan James und Paddy Power auf immer mehr Straßen zu finden sind. Rund 9000 lizensierte Wettbüros gibt es laut dem Branchenverband ABB in Großbritannien, neben vielen illegalen Anbietern auf dem Schwarzmarkt. Die größten Firmen William Hill und Ladbrokes sind inzwischen sogar börsennotiert. Millionen Briten bescheren ihnen Jahr für Jahr volle Kassen.

Auch deshalb lassen sich die Quoten der Buchmacher als Wahlprognose interpretieren. Sie spiegeln wider, welches Abstimmungsergebnis die Leute erwarten. Der Fondsmanager Eckhard Sauren nutzt die Daten der 20 größten Wettanbieter schon seit Wochen zur Vorhersage. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Briten in der EU bleiben bei 75,8 Prozent. Die große Mehrheit der Spieler tippt auch darauf: Rund zwei Drittel der Umsätze bei William Hill wurden auf eine weitere EU-Mitgliedschaft Großbritanniens gesetzt.

Das richtig große Geld mit dem Brexit machen allerdings nicht die kleinen Leute, sondern  Profi-Investoren. Sie wetten schon seit Wochen. Und nicht bei Ladbrokes an der Ecke, sondern im größten Casino der Welt: dem Devisenmarkt. "Ein Ja zum Brexit würde einige Leute sehr reich machen", sagt George Soros, der 1992 selbst als Spekulant auf den Ausstieg Großbritanniens aus dem europäischen Wechselkurssystem wettete - und gewann.

Quelle: n-tv.de

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