Wirtschaft
Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner.
Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner.(Foto: REUTERS)

Hedgefonds erzwingen Gespräche: Argentinien muss zahlen

Von Jan Gänger

Ein Gang nach Canossa soll es nicht werden, doch Argentiniens Finanzminister steht vor einer ähnlich unerfreulichen Aufgabe. Er muss mit Hedgefonds über ihre milliardenschweren Forderungen sprechen. Und diese sitzen am Drücker.

Zu beneiden ist Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner derzeit nicht, steckt sie doch in einer überaus unangenehmen Lage. Entweder bricht sie ihren Schwur, die Forderungen verhasster Hedgefonds niemals zu erfüllen - oder sie lässt ihr Land technisch pleitegehen.

Die Zeit drängt: bis Ende des Monats muss sich Argentinien mit den Gläubigern einigen. Und so schickt Kirchner ihren Finanzminister nach New York, um dort mit den Hedgefonds zu verhandeln. Das erste Treffen wird am Montag stattfinden.

"Technischer Zahlungsausfall"

Wenn Argentinien nicht fälligen Verpflichtungen nachkommt, droht ein sogenannter "technischer Zahlungsausfall" ("technical Default"). Das klingt dramatisch, ist aber keine Staatspleite. Das Land ist nicht tatsächlich zahlungsunfähig. Die Konsequenzen gleichen jedoch nach Ansicht von Experten denen eines "normalen" Defaults, einer tatsächlichen Pleite: Die Ratingagenturen würden das Land herunterstufen, Kreditausfallversicherungen würden ausgelöst. Es wäre für Argentinien noch schwieriger, wieder an die Finanzmärkte zu kommen.

Für die Hedgefonds ist das ein Triumph, für Kirchner eine schwere Niederlage. Verhandlungen hatte die Präsidentin bislang kategorisch ausgeschlossen. Die von einem US-Gericht erzwungenen Gespräche müssen ihr wie ein Kotau und damit eine schwere Demütigung erscheinen. Schließlich bezeichnet sie die Gläubiger um den Investor Paul Singer regelmäßig als Aasgeier, die das Land in Stücke reißen wollen. Das Gerichtsurteil ist für sie reine Erpressung."Wir werden niemals zahlen", hatte sie einst verkündet.

Ihr Kabinettschef legte am Wochenende nach, und warf der US-Justiz vor, eine Unabhängigkeit von den Geierfonds nur vorzutäuschen: "Ihre Entscheidungen sind eindeutig parteiisch", so Jorge Capitanich.

Trotz der scharfen Töne sieht es derzeit allerdings danach aus, dass Argentinien sehr wohl zahlen wird. Das liegt vor allem daran, dass ein Staatsbankrott das schlimmere Übel ist. Zudem ist Kirchner das Schicksal ihres Vor-Vorgängers Fernando de la Rua sicher in lebhafter Erinnerung. Im Jahre 2001 war der damalige Präsident im Zuge einer Wirtschafts- und Finanzkrise mit dem Hubschrauber außer Landes geflohen. Bei Ausschreitungen kamen Dutzende ums Leben. Kurz darauf kündigte die Regierung an, ausstehende Anleihen im Volumen von knapp 100 Milliarden. Dollar nicht mehr zu bedienen. Das Land war damit faktisch pleite und ist seither von den internationalen Finanzmärkten abgeschnitten.

Segelschulschiff gepfändet

Präsident Nestor Kirchner, Ehemann und Amtsvorgänger der derzeitigen Staatschefin, handelte in den Jahren 2005 und 2010 einen Schuldenschnitt aus. Fast alle Gläubiger verzichteten wie von Argentinien verlangt auf 70 Prozent ihrer Forderungen. Mehr als 90 Prozent der Titel wurden in neue Anleihen getauscht. Denn die Alternative lautete: Sonst bekommt ihr gar nichts.

Vor diesem Hintergrund entbehrt der Vorwurf der Erpressung in Richtung Milliardär Singer nicht einer gewissen Ironie. Das ändert nichts daran, dass sein Vorgehen nicht gerade die feine englische Art ist. Er hatte Anleihen im Zuge der Umstrukturierung billig gekauft - und verlangte dann im Gegensatz zu anderen Investoren von der Regierung, diese komplett zu bedienen. Als diese sich weigerte, zog er vor Gericht. Zwischendurch gelang es ihm sogar, ein Segelschulschiff der argentinischen Marine zu pfänden. Singers aggressive Strategie ist überaus erfolgreich. Ähnlich wie mit Argentinien verfuhr er schon mit Peru und dem Kongo

In der Fehde mit Kirchner geht es um 1,3 Milliarden Dollar. Das ist eine vergleichsweise geringe Summe. Doch knickt die Präsidentin vor Singer ein, können auch die anderen Inhaber der Bonds auf Auszahlungen hoffen, die sich nicht an der Umstrukturierung beteiligt haben. Insgesamt handelt es sich angeblich um ein Volumen von 15 Milliarden Dollar. Das entspricht nach Angaben der Regierung der Hälfte der Devisenreserven der Zentralbank.

Das klingt dramatisch. Doch Argentinien ist nach Einschätzung von Finanzexperten wohl in der Lage, seine Schulden begleichen - auch wenn es weh tun würde. Zudem ist die Regierung Kircher für diese unkomfortable Lage mitverantwortlich. Sie weigerte sich hartnäckig, mit der Gruppe um Singer zu sprechen. Argentinien schloss aus, ihnen mehr zu zahlen als den Gläubigern, die auf den Großteil ihrer Forderungen verzichtet hatten.

Gleichzeitig ist es für Kirchner bequem, ihr Land als Opfer habgieriger Spekulanten darzustellen. Dabei übersieht sie geflissentlich, dass Argentinien ein großes Risiko einging, als es sich in Dollar verschuldete, um an billiges Geld zu kommen. Denn Schulden in einer fremden Währung kann ein Land nicht begleichen, indem die eigene Notenbank das nötige Geld druckt.

Nicht zuletzt hat Argentinien mehrere Jahre einen Exportüberschuss erwirtschaftet und zwischenzeitlich Devisenreserven von 50 Milliarden Dollar aufgebaut. Doch das Geld wurde nicht dazu verwendet, die Schuldensituation zu lösen. Das rächt sich jetzt.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen