Wirtschaft
Unter das kleine Schirmchen passt nicht viel mehr als Griechenland.
Unter das kleine Schirmchen passt nicht viel mehr als Griechenland.(Foto: picture alliance / dpa)

"Man lullt sich da ein": Bankenkrise größer als Griechenland

Griechenland ist ohne fremde Hilfe zahlungsunfähig. Bei einem Anteil am BIP der EU von rund 3 Prozent ist das für sich genommen nicht tragisch. Wären da nicht die Banken. Immer mehr Stimmen warnen davor, dass weitere Euroländer pleite gehen und die europäischen Banken mit in den Abgrund gerissen werden könnten. Der 440 Milliarden Euro schwere Rettungsschirm EFSF soll letztlich die Banken im Fall einer Griechenlandpleite abschirmen. Aber das wird nicht reichen, sagt der Bankenexperte Martin Faust von der Frankfurt School of Finance im Interview mit n-tv.de. Die Politik hat längst nicht alle Risiken "unterm Schirm".

n-tv.de: Die europäische Schuldenkrise droht die europäischen Banken mit in den Abgrund zu reißen. Wie ernst ist die Lage?

Martin Faust: Die Banken haben relativ viel Geld in den vergangenen Jahren in Wertpapiere, insbesondere von Staaten wie Griechenland, Italien, Spanien und anderen Euro-Ländern investiert. Für das einzelne Land gesehen – nehmen wir jetzt mal Griechenland – sind die Volumina nicht so groß, dass die Banken in Schwierigkeiten kommen könnten. Die große Gefahr besteht darin, dass andere Länder, insbesondere Spanien und Italien, da mit reingezogen werden.

Hatten die Finanzinstitute nicht ausreichend Zeit, die ausfallgefährdeten Anleihen zu verkaufen?

Dann hätten relativ hohe Kursverluste realisiert werden müssen. Die Banken standen vor der Entscheidung, entweder die Anleihen zu einem niedrigeren Kurs zu verkaufen oder darauf zu warten, dass sie am Ende doch ihre Rückzahlung bekommen. Viele Banken haben diese Papiere gehalten, weil sie davon ausgehen, dass am Ende doch eine Rückzahlung erfolgt, nicht zuletzt, weil sie über die Rettungsschirme ihre Rückzahlung bekommen.

Wird es zu Bankenpleiten kommen?

Ich bin fest überzeugt, dass keine Bank pleitegehen wird. Es geht derzeit darum, die für einige Banken gravierenden Folgen eines Ausfalls von Griechenland abzumildern, um den Domino-Effekt zu verhindern. Ich kann die Banken einmal dadurch retten, dass ich Griechenland rette. Das ist sehr teuer. Oder ich lasse Griechenland fallen und versuche nur denen zu helfen, die dann tatsächlich in Schwierigkeiten stecken. Dafür brauche ich deutlich weniger Geld.

Martin Faust ist Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance und Management.
Martin Faust ist Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance und Management.

Dem Rettungsschirm EFSF stehen effektive Mittel im Volumen von 440 Milliarden Euro zur Verfügung. Reicht die Summe aus, um die Banken im Fall einer Griechenlandpleite abzuschirmen oder muss der Rettungsschirm am Ende doch ausgeweitet werden?

Der EFSF wurde zu dem Zweck gegründet, Staatsanleihen aufzukaufen. Neu ist die Diskussion, ob man auch Banken helfen sollte. Das war so nicht vorgesehen. 440 Milliarden Euro waren auf den ersten Blick sehr viel, aber nur, solange man zum Beispiel Griechenland mal ein Jahr lang unterstützen und Staatsanleihen aufkaufen würde. Man ging davon aus, dass Griechenland danach wieder fähig sein würde, selber an den Kapitalmarkt zu gehen. Das hat man völlig falsch eingeschätzt. Um Griechenland ein Jahr lang die Anleihen, die zurückgezahlt werden sollten, sozusagen zu subventionieren, hätten vielleicht 60 oder 70 Milliarden Euro ausgereicht. Müssen die gesamten griechischen Staatsschulden oder die gesamten Anleihen auf den EFSF übertragen werden, kommen viel größere Summen zusammen. Damit allein ist der Rettungsschirm so gut wie ausgeschöpft.

Es wird viel über eine Erhöhung des Finanzvolumens über eine "Hebelung" des Rettungsschirms gesprochen. Was bedeutet das?

Die Politik tut sich schwer, den Bürgern klar zu machen, dass dies keine einmalige Aktion ist, sondern dass das wahrscheinlich noch ein paar Jahre so weiter gehen wird. Die Pakete werden deshalb zu klein geschnürt. Das hat zur Folge, dass sie über die nächsten Jahre immer weiter aufgestockt werden müssen. Die Frage ist, wie viel Legitimation eine Regierung dafür braucht. Kann sie das bestimmen oder muss das Parlament zustimmen? Immer mehr Länder in Europa befürchten, dass klammheimlich die Volumina immer weiter vergrößert werden und die Parlamente nicht mitbestimmen können. Wir brauchen eine Transferunion. Es reicht nicht, nur die Staatsschulden zu subventionieren, sondern im Endeffekt müssen wir auch frisches Geld zur Verfügung stellen, damit die Griechen ihre Wirtschaft neu strukturieren können.

Bei den Derivategeschäften, vor allem Ausfallversicherungen (CDS) auf Staatspapiere schlummern viel größere Risiken als bei den Staatsanleihen, sagen die Bankexperten. Ist das ganze Ausmaß der Risiken bei den Banken überhaupt zu überblicken?

Die Derivatemärkte wurden in den vergangenen Jahren enorm aufgebläht. Das Problem ist, dass Banken nur Risiken mit Kapital unterlegen müssen. Auf den ersten Blick hat man bei Derivaten aber keine Risiken. Deshalb tauchen sie auch in den Bankenbilanzen nicht auf, weil sie in dem Sinne keine Kreditaufnahmen oder Geldanlagen sind. Man lullt sich da ein bisschen ein. Man hat das Gefühl, dass eigentlich alles abgesichert ist. Aber dann stellt man fest, dass die Versicherung pleite ist und die Bank auch nicht mehr in der Lage ist zu zahlen. Dann stellt sich wieder die Frage, ob der Staat nicht wieder einspringen muss.

Der Himmel über Frankfurt reißt auf. Der Anleihentausch ist ein "guter Deal".
Der Himmel über Frankfurt reißt auf. Der Anleihentausch ist ein "guter Deal".(Foto: picture alliance / dpa)

Die Banken werden sich an den Hilfsmaßnahmen für Griechenland beteiligen. 90 Prozent der privaten Gläubiger haben einem Anleihentausch zugestimmt. Eine gute Lösung?

Die Banken tauschen ihre Papiere in Anleihen, die gesichert sind durch den EFSF. Damit kommen sie sehr gut weg. Sie stimmen einem moderaten Schuldenerlass zu und übertragen das Risiko für die Zukunft auf den Rettungsschirm.

Im Ernstfall bedeutet das also, dass wieder die Schulden auf alle Steuerzahler verteilt und damit sozialisiert werden?

Richtig. Die Banken haben zwar auch Verluste erlitten, aber die Verluste sind ausgesprochen moderat. An der zukünftigen Entwicklung sind die Finanzhäuser nicht mehr beteiligt.

Die Banken sind fein raus und die Banker profitieren wieder durch maßlose Boni? Ist das die nächste Debatte, die wir führen müssen?

Wichtig ist, dass die Regulierung jetzt wieder stärker einsetzt. Das heißt, wir müssen versuchen, dass es in Zukunft nicht wieder zu solchen Erpressbarkeiten kommt.

Vor kurzem war der Jahrestag der Lehman-Pleite. Sind die Regulierungsversuche und die verschärfte Eigenkapitalvorschriften durch Basel III ohne Wirkung geblieben?

Die Wirkung ist schon da. Durch Basel III müssen die Banken mehr Eigenkapital vorhalten. Aber diese ganzen Vorschriften sind ja nicht sofort gültig. Es gibt Übergangsfristen und so weiter. Was man verpasst hat, aus meiner Sicht, ist direkt in das Geschäft der Banken einzugreifen. Man sagt zwar, ihr müsst mehr Eigenkapital halten, aber man müsste den Banken eigentlich sagen, die und die Geschäfte dürft ihr nicht mehr machen. Da scheuen sich einfach Aufsicht und Politik.

Die Bankenbranche wehrt sich erwartungsgemäß gegen Reglementierungen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann argumentiert, dass die Realwirtschaft Schaden nehmen würde. Ist das übertrieben?

Die Banken müssen sich viel stärker auf ihre eigentliche Funktion konzentrieren, nämlich die Wirtschaft mit Krediten zu versorgen. Das, was wir in der Vergangenheit erlebt haben, waren ja nicht die Probleme in den klassischen Bereichen, sondern  das waren Transaktionen auf den Märkten. Insofern halte ich die Argumentation von Herrn Ackermann für nicht treffend. Wenn ich bestimmte Marktrisiken nicht mehr eingehen kann, hindert mich das ja nicht daran, klassisches Kreditgeschäft zu betreiben.

Ist Griechenland und sind die Banken Ihrer Ansicht nach noch zu retten?

Die Entscheidung, ob Athen weiteres Geld von EU und IWF erhält, fällt im Oktober.
Die Entscheidung, ob Athen weiteres Geld von EU und IWF erhält, fällt im Oktober.(Foto: picture alliance / dpa)

Es wird zum Schuldenschnitt in Griechenland kommen, der härter aussieht als das, was wir im Augenblick sehen oder auch diskutieren. Aus meiner Sicht hängt sehr viel davon ab, wie sich die Situation jetzt in anderen Staaten darstellt. Sollten jetzt auch andere Staaten in Schwierigkeiten kommen, insbesondere Spanien oder Italien, dann werden die Folgen deutlich gravierender sein, auch für die Banken. Und dann werden auch alle Banken sehr sehr massiv davon betroffen sein. Wenn es auf Griechenland beschränkt bleibt, dann sind die Folgen aus meiner Sicht sehr gut überschaubar. Ich bin noch kein Pessimist, es hängt am Ende sehr viel davon ab, wie die Entwicklung in den anderen Ländern weitergeht. Die Diskussion wird uns noch mehrere Jahre begleiten.

Mit Martin Faust sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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