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Händler an der Börse Schanghai: Die Kreditblase in China droht zu platzen.
Händler an der Börse Schanghai: Die Kreditblase in China droht zu platzen.(Foto: REUTERS)

Finanzpanik in China: Crash-Kurs in Schanghai

Von Hannes Vogel

China dreht seinem Finanzsektor den Geldhahn zu, an den Märkten herrscht Panik. Die vermeintlich fernöstliche Finanzkrise könnte bald Folgen für den Rest der Welt haben: Im Reich der Mitte haben Staatsbanken ein gigantisches Crashpotenzial geschaffen. Nun droht die Blase zu platzen.

Es waren dramatische Stunden: Die Zinsen stiegen auf immer neue Rekordhöhen, der Geldmarkt fror ein, Banken liehen sich aus Furcht vor drohenden Pleiten untereinander kein Geld mehr. So groß war die Panik, dass eine der größten Banken des Landes sich gezwungen sah, öffentlich ihre Zahlungsfähigkeit zu versichern.

Was wie eine historische Erzählung der Lehman-Pleite vor fünf Jahren klingt, hat sich erst am vergangenen Freitag am chinesischen Finanzmarkt abgespielt. Die chinesische Zentralbank hatte sich geweigert, weiter billiges Geld in den Markt zu pumpen. Die Notenbanker schickten damit am Montag die Börsen auf Talfahrt: Der Index in Shanghai rauschte um mehr als fünf Prozent in den Keller, auch der Dax rutschte 1,5 Prozent ab. Zu den größten Verlierern zählten konjunkturanfällige Werte wie Siemens, Lanxess oder ThyssenKrupp.

Der nächste Crash beginnt in Schanghai

Dass der Dax einbricht, wenn in China die Börse zittert, hat gute Gründe: Denn schlimmer als die unmittelbare Panik in Schanghai wäre für die Märkte, was im Rest der Welt passieren würde, sollten chinesische Banken Pleite gehen und das Wirtschaftswachstum im Reich der Mitte zusammenbrechen. Chinas Haushalte könnten sich keine deutschen Autos mehr leisten, die Konzerne keine deutschen Maschinen. Die Weltwirtschaft bekäme einen gehörigen Dämpfer.

Es wäre die chinesische Version der Finanzkrise, die vor fünf Jahren die Weltwirtschaft überrollte und in den Abgrund riss. Damals begann die Kernschmelze mit CDOs, ABS, CDS, obskuren Finanzprodukten, die bis dahin kaum jemand kannte, geschweige denn richtig aussprechen konnte, am US-Immobilienmarkt, einem Ort, der mit dem Rest der Welt scheinbar nichts zu tun hatte. Der nächste Crash könnte nun am anderen Ende der Welt in Schanghai, Peking oder Hongkong beginnen.

Staatliche Kreditorgie in China

Denn Chinas Regierung hat zu sehr auf den Exportboom gesetzt und die Wirtschaft dafür mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen angeschoben. Ihre Zentralbank hat das schwindelerregende Wirtschaftswunder in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt mit Billigkrediten angeheizt: Inzwischen ist die Gesamthöhe aller Darlehen doppelt so groß wie die reale Wirtschaftsleistung, schätzt die Ratingagentur Fitch.

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Das billige Geld suchte sich seine Kanäle: Die Schleuderkredite haben den Immobilienmarkt so stark aufgebläht, dass die Regierung nun die Notbremse zieht. Auf Immobiliendarlehen werden höhere Zinsen fällig, Käufer müssen höhere Anzahlungen leisten, eine 20-prozentige Steuer soll den heiß gelaufenen Markt abkühlen.

Chinas autoritäres Herrschaftssystem hat die Blase zusätzlich aufgepumpt. Banken vergeben im Reich der Mitte Kredite nicht nur nach wirtschaftlichen, sondern vor allem auch politischen Kriterien. Wenn der lokale Parteichef eine neue Fabrik braucht, um Arbeitsplätze zu schaffen und seine Macht zu sichern, macht er Druck auf die Geldhäuser seiner Provinz. Chinas Banken sitzen deshalb auf einem Berg fauler Kredite. Bis zu zwölf Prozent aller Darlehen könnten ausfallen und im Krisenfall über die Hälfte des gesamten Eigenkapitals aller chinesischen Banken ausradieren, warnte die Investmentbank Credit Suisse schon Ende 2011. Der Anteil fauler Kredite in einer Stichprobe war 2012 laut der Bank fast achtmal so hoch wie offiziell angegeben.

Immer mehr Geld versickert zudem in undurchsichtigen Kanälen: Zehntausende Geldverleiher, Treuhandfonds und dubiose Vermögensverwalter heizen Chinas Kreditrausch an und vergeben Darlehen an geldhungrige Lokalregierungen; große Staatskonzerne reichen ihre eigenen Kredite mit horrenden Aufschlägen an marode Firmen weiter, die keine Finanzierung bekommen – ein Schattenbankensystem ohne jegliche Kontrolle. Wo genau die Risiken hängen geblieben sind, weiß kaum jemand mehr. Credit Suisse schätzt, dass die Schatten-Darlehen inzwischen 44 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung ausmachen.

Alle Warnsignale leuchten rot

Chinas Zentralbank zieht nun die Zügel an und sendet für chinesische Verhältnisse erstaunlich klare Warnsignale. Die Panik ginge auf das Konto von Spekulanten und Schattenbanken, kritisierte die Nachrichtenagentur Xinhua, die als Sprachrohr der Regierung gilt. Die Finanzhäuser müssten besser auf Kreditrisiken achten und ihre Liquiditätssteuerung verbessern, mahnten die Notenbanker am Montag in einer offiziellen Stellungnahme.

Zudem hatten sie am Sonntag zum ersten Mal überhaupt einen Währungsswap mit der britischen Notenbank vereinbart, um die heimischen Banken im Krisenfall mit ausreichend Devisen versorgen zu können. Genau solche Währungstauschgeschäfte hatten 2011 auf dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise auch die US-Notenbank, Europäische Zentralbank und japanische Zentralbank abgeschlossen, um die Versorgung mit ausländischen Währungen zu sichern.

Europäische und amerikanische Banken sind diesmal zwar nicht so stark vernetzt mit dem Kreditmüllproblem in China wie mit dem Kreditmüllproblem am US-Immobilienmarkt 2007. Denn der chinesische Finanzsektor ist immer noch staatlich dominiert. Ausländische Investments bei den großen vier Geldhäusern Bank of China, Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), Agricultural Bank of China und China Construction Bank hat die Regierung ab 2005 nur in wohldosierten Maßen zugelassen. Trotz Börsengängen hält Peking weiter den Großteil der Aktien.

Sollte der chinesische Finanzsektor in ernste Schwierigkeiten geraten, dürften die Folgen dennoch von China aus die gesamte Welt erreichen. Goldman Sachs stieg 2007 kurz vor dem Crash mit aller Gewalt aus dem Geschäft am US-Immobilienmarkt aus. Ihre letzten Anteile an der chinesischen ICBC, der inzwischen größten Bank der Welt, haben die Goldmänner im Mai vollständig verkauft.

Quelle: n-tv.de

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