Wirtschaft
Blick auf die Rocky Mountains. Dort treffen sich die wichtigsten Zentralbanker.
Blick auf die Rocky Mountains. Dort treffen sich die wichtigsten Zentralbanker.(Foto: AP)

Finanzkompetenz in Jackson Hole: Das große Orakel der Zentralbanken

Die entwickelten Volkswirtschaften wachsen größtenteils nicht so schnell wie prognostiziert. "Die globale Erholung ist bisher enttäuschend", bringt es Fed-Vize Fischer auf den Punkt. Viel Stoff für das Treffen der Zentralbanker im beschaulichen Jackson Hole.

Wenn sich die wichtigsten Zentralbanker der Welt in einem abgelegenen Wintersportörtchen in den Rocky Mountains treffen, werden sie viel über die Weltwirtschaft rätseln. Die globale Konjunktur hat abermals enttäuscht. In der Folge sträuben sich die Notenbanken in einigen Ländern dagegen, der ultralockeren Geldpolitik den Hahn zuzudrehen, den sie nach der Finanzkrise im Jahr 2008 öffneten, um das Wachstum zu fördern.

Vertreter der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) etwa versuchen immer noch, sich einen Reim auf die aktuelle Kombination aus launischem Wirtschaftswachstum und robustem Jobwachstum in den USA zu machen. Bevor sie zu einer Zinserhöhung greifen, wollen sie noch mehr Belege dafür sehen, dass das Beschäftigungswachstum auch weiterhin stark bleibt.

Anderswo wird gelockert statt gezurrt

Anderswo wiederum debattieren die Geldpolitiker, ob sie nicht besser noch mehr lockern sollten - nicht weniger. China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nach den USA, schafft kaum die von der Regierung ausgerufenen Wachstumsziele. Einige Marktanalysten rechnen deshalb mit Zinssenkungen. In Japan, der drittgrößten Volkswirtschaft, stottert die Konjunktur, seitdem die Regierung die Mehrwertsteuer erhöht hat. Die japanische Zentralbank nimmt deshalb kräftig Fahrt auf mit ihrem Anleihekaufprogramm, welches das Wachstum im Land anschieben soll.

Video

Die deutsche Wirtschaft, die viertgrößte der Welt, ist im zweiten Quartal geschrumpft. Die Europäische Zentralbank (EZB) experimentiert bereits mit negativen Zinsen. Und die britische Wirtschaft schneidet vermutlich weltweit gerade am besten ab, aber die dortigen Zentralbankspitzen wollen die kurzfristigen Zinsen nicht allzu schnell erhöhen.

"Die globale Erholung ist bisher enttäuschend", sagte der Vizechef der Federal Reserve, Stanley Fischer, Anfang August in einer Rede in Stockholm. "Abgesehen von wenigen Ausnahmen lag das Wachstum in den entwickelten Volkswirtschaften, die den Ausweg aus der Rezession geschafft haben, unterhalb der Wachstumserwartungen. Jedes Jahr aufs Neue müssen wir ab der Jahresmitte erklären, warum die globale Wachstumsrate gerade erst vor zwei Quartalen abermals niedriger war als vorhergesagt", sagte Fischer.

Das bringt die Zentralbanker in eine unbequeme Position. Viele fürchten, dass die Niedrigzinsen, mit denen sie die Kreditvergabe und das Wachstum anzutreiben versuchen, eine neue Finanzblase erzeugen könnten. In London und Vancouver sind die Immobilienpreise bereits in die Höhe geschnellt, und beunruhigt beobachten die Fed-Vertreter einen Boom bei der Darlehensvergabe an hoch verschuldete Kreditnehmer sowie einen Boom auf dem Ramschanleihemarkt. Noch verlassen sie sich auf eine neuartige und unerprobte Politik der Marktregulierung, um eine weitere Krise zu verhindern. Die Politik der Niedrigzinsen behalten sie gleichwohl bei.

Wann wird die Fed die Leitzinsen erhöhen?

Die Fed ist auf bestem Wege, ihr Anreizprogramm massiver Staatsanleihekäufe im Oktober zu beenden. Seit Monaten gilt den Geldpolitikern die Zeit um Mitte 2015 - möglicherweise auch später - als der Termin, an dem sie die Leitzinsen in den USA wohl erstmals wieder von ihrem Stand nahe Null anheben werden. Aber die US-Arbeitslosenrate ist zwischen Juli vergangenen Jahres und Juli dieses Jahres rapide von 7 Prozent auf 6,2 Prozent gesunken, zudem haben sich andere Arbeitsmarktkennzahlen verbessert und die Inflation ist nur mäßig gestiegen.

Und das hat innerhalb der Fed die Debatte darüber verschärft, ob eine Zinserhöhung nicht schon früher erfolgen sollte, vielleicht sogar schon im März nächsten Jahres. Vorerst aber wollen die Fed-Oberen zunächst mehr Anhaltspunkte dafür sehen, dass sich die Gewinne am Arbeitsmarkt aufrechterhalten lassen.

John Williams, Präsident der Notenbank von San Francisco, sagte in einem Interview mit dem "Wall Street Journal", er rechne damit, dass die Fed die Zinsen bis nächsten Sommer nicht anrührt. Er könnte seine Einschätzung ändern und seine Erwartung an eine Zinswende nach vorne verlagern, sollte die Arbeitslosenrate auch weiterhin mit einem derart schnellen Tempo von einem Prozentpunkt im Jahr sinken.

Janet Yellen gibt bei dem Treffen den Takt vor.
Janet Yellen gibt bei dem Treffen den Takt vor.(Foto: dpa)

Williams aber glaubt nach eigenen Angaben nicht daran und betont, dass sich die Arbeitslosenrate schon in den vergangenen vier Monaten nicht großartig bewegt habe. Er sorgt sich unter anderem um die ungleichmäßige globale Wachstumsdynamik. "Diese Gegenströme sind wirklich stark", sagte er. "Normalerweise bewegen sich Länder zusammen."

Fed-Chefin Janet Yellen wird in einer Rede zu den Entwicklungen am Arbeitsmarkt den Grundtenor für das Treffen in Jackson Hole vorgeben. Bisher hat sie in diesem Jahr größtenteils die Kraftlosigkeit des US-Arbeitsmarktes hervorgehoben und etwa auf die Fülle an Teilzeitbeschäftigten verwiesen, die lieber Vollzeit arbeiten wollen. Diese Lage am Arbeitsmarkt hält in ihren Augen die Inflation und das Lohnwachstum im Zaum. Trotzdem sind die meisten Fed-Experten überrascht, wie schnell sich der US-Arbeitsmarkt in diesem Jahr verbessert hat, obwohl die Gesamtwirtschaft noch im ersten Quartal geschrumpft war.

Angst vor den Unruhen in der Ukraine

Auch in Großbritannien bleiben die Geldpolitiker auf der Hut. Laut Prognosen des Internationalen Währungsfonds wird die britische Wirtschaft nach mehreren Jahren der Beinahe-Stagnation im Jahr 2014 so schnell wachsen wie keine andere in der industrialisierten Welt. Die Bank of England (BoE) rechnet in ihrer jüngsten Vorhersage damit, dass die britische Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 3,5 Prozent zunehmen wird. Das rasche Wachstum hat bereits die Arbeitslosenquote kräftig nach unten gedrückt.

Zwei der neun britischen Zentralbankentscheider - Martin Weale und Ian McCafferty - forderten erst im August, die BoE möge den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt erhöhen, um die Inflation zu bremsen. Das geht aus einer Mitschrift der internen Diskussionen hervor. Aber der britische Notenbankgouverneur Mark Carney hält eine Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht, und die meisten seiner Kollegen teilen seine Ansicht.

Sie glauben, dass das schwache Lohnwachstum von einer Konjunkturdelle zeugt, welche die Preise in Schach halten werde. Sie monieren zudem, dass Briten unter höheren Kosten für die Kreditaufnahme leiden könnten, was möglicherweise das Wachstum bremsen könnte. Schließlich fürchten die Geldpolitiker wirtschaftliche Bedrohungen aus dem Ausland - etwa eine verzögerte Erholung der Konjunktur in der Eurozone oder Unruhen in der Ukraine und im Nahen Osten.

"Eine nachhaltige wirtschaftliche Dynamik wirkt gesicherter", sagte Carney am 13. August. Aber er sagte auch, dass das Wirtschaftswachstum in Großbritannien "einigen Herausforderungen gegenübersteht" und dass es die Geldpolitiker mit Zinserhöhungen nicht eilig hätten, solange der Inflationsdruck nicht spürbar sei.
Im Juni unternahm die BoE erste Schritte, um die riskante Hypothekenvergabe im Land einzudämmen. Damit versucht sie, einen neuen destabilisierenden Häuserboom zu verhindern. Aber bisher hat sie sich vor allem darauf konzentriert sicherzustellen, dass die britischen Banken stark genug sind, um unerwartete Verluste abzufedern. Die Notenbankvertreter räumen selbst ein, dass die Geldpolitik an sich wenig ausrichten kann, um eine globale Risikobereitschaft abzukühlen, die letztlich zu einem großen Teil von der ultralockeren Geldpolitik der Fed angeheizt wird.

China stemmt sich gegen die Wachstumsschwäche

Für China meldete die Bank HSBC am Donnerstag neue, unerwartet schwache Daten, die das wachsende Dilemma der chinesischen Wirtschaft deutlich machen. "Die wirtschaftliche Erholung hält an, aber die Dynamik hat sich erneut verlangsamt", sagte HSBC-Volkswirt Qu Hongbin über das Ergebnis des chinesischen Einkaufsmanagerindexes für die Industrie, der im August auf ein Dreimonatstief gefallen ist.

Sitz der chinesischen Zentralbank in Peking.
Sitz der chinesischen Zentralbank in Peking.(Foto: picture alliance / dpa)

Die verhaltenen Daten aus Chinas Fabriken erschienen nur eine Woche nachdem die chinesische Zentralbank wegen der Lage auf dem Kreditmarkt Alarm geschlagen hatte. Demnach zeigt die allgemeinste Messgröße, dass die Vergabe neuer Kredite in China zwischen Juni und Juli um zwei Drittel eingebrochen ist. Das deutet darauf hin, dass ein mehrere Monate währendes "Mini-Stimulus-Programm", bei dem die Regierung verstärkt Geld für Infrastruktur, Transport und Informationstechnologie ausgegeben und die Zentralbank die Liquidität erhöht hat, die Gesamtwirtschaft bisher kaum beflügelt hat.

"Wir halten an unseren Vorhersagen von zwei Zinssenkungen (in der zweiten Jahreshälfte) fest", schrieben Analysten der Bank Barclays nach der Veröffentlichung der Daten. Diese Zinssenkungen würden dazu dienen, die "Schuldenbelastung zu lindern, die Nachfrage zu stützen und Finanzrisiken zu verringern". Nach Ansicht der Barclays-Analysten steckt die chinesische Regierung angesichts einer Korrektur am Häusermarkt und einer unsicheren Nachfrage aus dem Ausland in der Zwickmühle, entweder ein "niedrigeres Wachstum zu tolerieren" oder "mehr Stimulus auszupacken".

Japans Geldpolitiker kaufen und kaufen und kaufen

Die japanische Zentralbank machte bei der großen Welle geldpolitischer Anreizmaßnahmen, die Notenbanken weltweit nach der Finanzkrise 2008 in Gang setzten, erst recht spät mit. Im Gegensatz zur Fed etwa steht die Bank of Japan (BoJ) noch ganz am Anfang eines umfangreichen Programms, bei dem sie Staatsanleihen der japanischen Regierung kauft und damit massig Geld in die Volkswirtschaft pumpt.

Diese Anleihekäufe, die im Fachjargon auch als "Quantitative Easing" oder quantitative Lockerung bekannt sind, sollen das Wachstum ankurbeln. Die japanische Zentralbank hat sich verpflichtet, zeitlich unbefristet Wertpapiere im jährlichen Umfang von 60 Billionen bis 70 Billionen Yen (rund 435 Milliarden bis 507 Milliarden Euro) zu kaufen.

Die große Debatte in Japan dreht sich nun jedoch nicht darum, wann die Zentralbank ihre Anleihekäufe wohl reduziert. Vielmehr lautet die Frage, ob sie dieses Programm nicht besser noch ausweiten sollte. Eine Reihe schwacher Sommerdaten nach einer Umsatzsteuererhöhung im April hätten den geldpolitischen Entscheidern "gute Gründe geliefert, noch mehr zu tun", schrieb die Marktforschung Capital Economics in einem Bericht.

Und trotz des großen Optimismus, den die japanische Zentralbank über die Widerstandskraft der Binnennachfrage in Japan verbreitet, nennen die Entscheider regelmäßig die Unsicherheit über die Fortdauer der globalen Erholung als das größte Risiko für Japans Aufschwung.

"Ich verfolge mit größter Aufmerksamkeit das Risiko eines unerwartet schwächeren Wachstums für die chinesische Wirtschaft", sagte Takahide Kiuchi, Ratsmitglied der BoJ, Ende Juli in einer Rede vor regionalen Unternehmenslenkern.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen