Wirtschaft
Paul Singers Geschäftsmodell ist einfach: Er erklagt sich seine Profite.
Paul Singers Geschäftsmodell ist einfach: Er erklagt sich seine Profite.(Foto: REUTERS)

Paul Singer kämpft mit Argentinien: Der "Aasgeier", der ein Land erpresst

Von Hannes Vogel

43 Millionen Argentiniern droht die Pleite, weil ein Mann über 1600 Prozent Rendite mit ihren Staatsanleihen machen will: Hedgefonds-Chef Paul Singer. Sein Traum vom ganz großen Geld könnte bald wahr werden.

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Viel ist nicht über Paul Singer bekannt, aber eines ist sicher: Er bringt etwas in Bewegung. Selbst den argentinischen Wirtschaftsminister Axel Kicillof. Der reiste in dieser Woche mit seinem Tross nach New York. Dort traf er sich mit einem Anwalt, der den jahrelangen Streit des Landes mit dem Hedgefonds-Chef schlichten soll.

Es ist ein Duell der Sturköpfe: Singer und andere Investoren fordern von Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner, dass sie endlich alte Schulden bezahlt. Keiner von beiden weicht zurück. Doch wenn sie sich nicht bald einigen, könnte Argentinien Ende Juli wieder pleite sein.

Schon 2001 war das Land bankrott – und zahlte Anleihen von rund 100 Milliarden Dollar nicht zurück. Die Regierung in Buenos Aires einigte sich mit den meisten Gläubigern: Sie tauschten ihre alten Anleihen in neue Papiere und verzichteten dabei auf fast 70 Prozent ihres Geldes. Doch nicht alle Geldgeber machten bei dem Schuldenschnitt mit.

Singers Hedgefonds Elliott Management kaufte die restlichen Schrottanleihen billig auf und pocht seitdem darauf, dass das Land seine Schulden vollständig bezahlt. Für die einen ist Singer deswegen ein Held, der eine unfähige Regierung zwingt, nicht weiter über ihre Verhältnisse zu leben. Für die anderen ist er ein rücksichtsloser Spekulant, der die Pleite eines Landes mit 43 Millionen Menschen in Kauf nimmt, um eine Rendite von mehr als 1600 Prozent zu machen.

Erzkonservativer Guru des Geldes

"Technischer Zahlungsausfall"

Wenn Argentinien nicht fälligen Verpflichtungen nachkommt, droht ein sogenannter "technischer Zahlungsausfall" ("technical Default"). Das klingt dramatisch, ist aber keine Staatspleite. Das Land ist nicht tatsächlich zahlungsunfähig. Die Konsequenzen gleichen jedoch nach Ansicht von Experten denen eines "normalen" Defaults, einer tatsächlichen Pleite: Die Ratingagenturen würden das Land herunterstufen, Kreditausfallversicherungen würden ausgelöst. Es wäre für Argentinien noch schwieriger, wieder an die Finanzmärkte zu kommen.

Seine Masche hat Singer zu einem der reichsten US-Amerikaner gemacht: Das Magazin "Forbes" schätzt sein Vermögen auf rund 1,5 Milliarden Dollar. Singers Hedgefonds Elliott Management verwaltet laut Bloomberg mehr als 24 Milliarden Dollar und gehört zu den 20 größten der Welt. Sein Geld setzt der 69-Jährige gezielt ein, um in den USA Politik zu machen: Singer ist der Top-Spender der Republikaner.

Im Wahlkampf unterstützte er 2012 Obamas Gegner Mitt Romney. Als Aufsichtsratschef steht Singer dem Manhattan Institute vor, einem rechtskonservativen Think Tank. Gleichzeitig setzt er sich wie kein anderer Geld-Manager für die Rechte Homosexueller in den USA ein. Er hat Millionen in Kampagnen für die Homo-Ehe gepumpt - einer seiner Söhne ist homosexuell.

Trotzdem darf man Singer mit Fug und Recht einen Erzkonservativen nennen. Er versucht die schärfere Regulierung der Finanzindustrie zurückzudrehen, die die Obama-Regierung nach dem großen Crash von 2008 verabschiedet hat. Singer wettert gegen die Niedrigzins-Politik der US-Notenbank und verteidigt leidenschaftlich den freien Markt – und den globalen Finanzkapitalismus. Keine Geschichte zeigt die extremen Auswüchse dieses Systems besser als sein Dauer-Krieg mit der argentinischen Regierung.

Singer erklagt sich seine Profite

Anzeige Argentiniens in der FAZ vom 9.7.2014.
Anzeige Argentiniens in der FAZ vom 9.7.2014.

Singers Geschäftsmodell ist so einfach wie umstritten: Er kauft Schulden bankrotter Firmen und Staaten auf und zwingt sie, zu zahlen. So erzielt er seit fast 40 Jahren Traumrenditen von zehn Prozent und mehr, jedes Jahr. Singer erklagt sich seine Profite - von den ärmsten Ländern der Welt. Die einen nennen Singer deswegen Erpresser, die anderen einen Vollstrecker des freien Marktes. Mit Schrottanleihen von Kongo und Peru hat Singer schon früher Millionenprofite gemacht. Doch der Kampf mit Argentinien ist seine größte Nummer.

Zehn Jahre lang hat Singer gegen das Land prozessiert. Er schreckte vor nichts zurück: 2012 setzte er ein Segelschiff der argentinischen Marine in Ghana fest, um Kirchner zu zwingen, endlich zu zahlen. 2013 versuchte er sogar, ihre Präsidentenmaschine zu pfänden. Im Juni wendete sich das Blatt: Der oberste Gerichtshof der USA gab Singer recht.

Argentinien hat noch bis Ende Juli Zeit, die geforderten 1,3 Milliarden Dollar an die letzten hartnäckigen Investoren zu überweisen. Singers Fonds hat nach dem Urteil Anspruch auf 832 Millionen Dollar. Gemessen an den 48,7 Millionen Dollar, die Singer 2008 laut Argentinien für die Schrottanleihen bezahlt haben soll, wäre das eine Rendite von 1608 Prozent.

"Keinen Cent für die Aasgeier"

Präsidentin Kirchner will das mit allen Mitteln verhindern: "Keinen Cent für die Aasgeier", hetzt sie öffentlichkeitswirksam gegen Singer. Denn wenn sie nachgibt, könnten auch andere Gläubiger einen Nachschlag verlangen, nicht nur Singer. Um ihn zu diskreditieren und Argentiniens Ruf am Finanzmarkt zu retten, hat sie eine PR-Offensive gestartet und weltweit Anzeigen gegen den Mann geschaltet, der ihr Land erpresst.

"Dieser Hinweis wird zu dem Zweck veröffentlicht, den Inhabern von Staatsanleihen mitzuteilen, dass die Republik Argentinien ihren Verpflichtungen nachkommt", heißt es darin. Die Schuld an dem Schlamassel schiebt sie auf Singer und die US-Richter: "Die Republik Argentinien weist jede Verantwortung zurück, die ihr durch gerichtliche Beschlüsse zugeschrieben werden soll".

Allzu laut braucht man um Kirchner aber nicht zu weinen. Denn ihre Bilanz ist mindestens genauso kritikwürdig wie Singers: Seit der Pleite 2001 ist Argentinien das Griechenland Südamerikas geblieben. Reformen gab es kaum. Die Inflation galoppiert. Trotz guter Jahre hat Kirchners Regierung Singer und den anderen "Geierfonds" nie ein Angebot gemacht. Obwohl sie dank hoher Devisenreserven eigentlich genug Geld hatte, um sie wenigstens teilweise auszuzahlen.

Kirchners Regierung bleibt stur, aber es bleibt ihr kaum ein Ausweg. Solange Argentinien seine Schulden bei Singer nicht beglichen hat, darf das Land auch den anderen Alt-Gläubigern nichts zahlen, haben die US-Richter verfügt. Ende Juli werden Zinsen über 900 Millionen Dollar endgültig fällig. Bleibt Kirchner bis dahin hart, schlittert Argentinien in die zweite Pleite in nur 15 Jahren. Auch Singer bekäme dann erstmal kein Geld. Aber er könnte neue Schrottanleihen kaufen.

Quelle: n-tv.de

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