Wirtschaft
Finanzminister Schäuble  (rechts) redet, sein portugiesischer Kollege Gaspar (erste Reihe links) hört zu.
Finanzminister Schäuble (rechts) redet, sein portugiesischer Kollege Gaspar (erste Reihe links) hört zu.
Donnerstag, 20. September 2012

Portugal in der Euro-Krise: Der Sparmeister und sein Musterschüler

Von Hannes Vogel

In Portugal und Griechenland demonstrieren Zehntausende gegen die Sparwut der Regierung, doch während Athen die Pläne aufweichen will, hält Lissabon eisern Kurs. Man begreift, warum, wenn man Finanzminister Schäuble und seinen portugiesischen Kollegen Gaspar beim Bertelsmann-Euro-Talk beobachtet.

Schäuble ist zufrieden. Er hat dem Vortrag seines portugiesischen Kollegen nichts hinzuzufügen.
Schäuble ist zufrieden. Er hat dem Vortrag seines portugiesischen Kollegen nichts hinzuzufügen.

Die Zeiten könnten wahrlich leichter sein für Wolfgang Schäuble. Seit die Euro-Krise begonnen hat, ist für den deutschen Finanzminister kaum ein Tag ohne neue Horrormeldungen vergangen. Sie kommen meist aus Griechenland, doch neuerdings scheint es, als ob halb Europa gegen das Spardiktat aus Berlin und Brüssel auf die Straße geht: Nicht nur in Athen, sondern auch in Spanien und Portugal gibt es schwere soziale Probleme durch die Sparpolitik - am Wochenende demonstrierten gut eine Million Menschen in Lissabon und Madrid.

Man könnte daher meinen, dass ein Treffen des deutschen und portugiesischen Finanzministers eine unangenehme Sache werden würde. Beim Bertelsmann-Euro-Talk mit Portugals Finanzminister Vitor Gaspar war nichts davon zu spüren. Am Nachmittag war Gaspar nach Berlin gekommen, um Schäuble über den Fortschritt der Reformen in Portugal zu unterrichten. Dem Vortrag seines Amtskollegen am Abend stattete Schäuble daher nur einen Blitzbesuch ab. Auch ein Gespräch über die Euro-Krise auf offener Bühne wollte Schäuble mit Gaspar nicht führen.

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Und dennoch wurde bei der Begegnung der beiden Finanzminister für einen seltenen Moment sichtbar, was sonst in Brüsseler Hinterzimmern verborgen bleibt: Anders als sein griechischer Kollege gilt Gaspar in Berliner Kreisen als jemand, auf den man sich verlassen kann. Das erklärt vielleicht, warum Portugal ohne große Diskussion ein Jahr mehr Zeit bis 2014 bekommen wird, um sein Haushaltsdefizit wie geplant zu verringern. Und warum sich die Bundesregierung mit Händen und Füßen dagegen sperrt, Athens Sparplan um zwei Jahre zu verlängern.       

"Die Last für die Gesellschaft ist schwer", lobt Schäuble die Sparbemühungen Portugals überschwänglich. "Was uns noch fehlt, ist das Vertrauen der Märkte. Und wir haben zu viel Kommunikation in Europa, das schafft zu hohe Erwartungen", sinniert der Finanzminister. Es ist kaum zu glauben, dass sich an diesem Abend mit Schäuble und Gaspar Gläubiger und Schuldner begegnen. "Kernländer" und "Randländer" der Euro-Zone nennt der Portugiese sie in seinem Vortrag. Über die Ursachen der Euro-Krise, die Reformen des Euro-Raums, die Sparpolitik Portugals will Gaspar sprechen - "und all das in weniger als 20 Minuten. Wolfgang Schäuble hat uns gesagt, wir sollten in Europa nicht zu viel reden". Der Portugiese und der Deutsche sprechen nicht dieselbe Sprache und trotzdem verstehen sie sich.

Der Sparmeister ist zufrieden

Gaspar wirbt für Portugals Sparpolitik. Immer wieder sucht er den Augenkontakt mit Schäuble.
Gaspar wirbt für Portugals Sparpolitik. Immer wieder sucht er den Augenkontakt mit Schäuble.(Foto: picture alliance / dpa)

Gaspar stürzt sich in Grafiken und Charts und referiert die Gründe für die Schuldenkrise: Der Euro hat Portugals Zinskosten künstlich gesenkt, die Regierung sich deshalb zu hoch verschuldet, das Land insgesamt ein riesiges Handelsdefizit aufgehäuft. Immer wieder schaut Gaspar, der einst für die EU-Kommission und die EZB arbeitete, dabei zu Schäuble, als wolle er sich rückversichern. Der Finanzminister wirft ihm wohlwollende Blicke zu. Der Sparmeister ist zufrieden mit seinem Musterschüler.

Zwischen all den Zahlen, Linien und Schaubildern, mit denen Gaspar Portugals Sparpolitik bewirbt, bekommt man eine Ahnung davon, welche Anstrengungen das Land macht und welche Härten die Reformen den Menschen abverlangen. Um 1,7 Prozent ist die Wirtschaft 2011 geschrumpft, 2012 werden es sogar drei Prozent sein. "Die interne Nachfrage geht zurück", sagt Gaspar. Für die Menschen heißt das: Rekordarbeitslosigkeit von 15 Prozent, massive Rentenkürzungen, Steuererhöhungen, die die Wirtschaft abwürgen. Doch steigende Exporte federn den Einbruch ab. Portugals Handelsdefizit geht heute so schnell zurück wie 1983, als das Land nach dem Ende der Diktatur schon einmal mit Krediten vom Internationalen Währungsfonds (IWF) gerettet wurde - damals hatte Portugal aber noch eine eigene Währung, die es abwerten konnte.

Der Erfolg kann sich sehen lassen. Die Zinsen sinken, ab 2014 will sich Portugal wieder vollständig über die Kapitalmärkte finanzieren, ein zweites Hilfsprogramm werde Lissabon nicht brauchen, versichert Gaspar im Gespräch mit n-tv Moderator Heiner Bremer. Ob die Portugiesen vielleicht einsichtiger seien als die Griechen, will Bremer wissen. Das wolle er nicht kommentieren, weicht Gaspar aus. "Das Motto der Demonstranten ist: Wir wollen die Troika loswerden. Denen sage ich: Jeder andere Weg wäre länger und schmerzhafter." Die Leute seien bereit, Opfer zu bringen, solange sie fair unter den verschiedenen Ländern aufgeteilt würden.

All das bekommt Wolfgang Schäuble gar nicht mehr mit. Der Finanzminister hatte noch vor Gaspars Podiumsgespräch mit Bremer den Rückweg ins Ministerium angetreten. "Ich stimme allem zu, was Sie gesagt haben", hatte Schäuble seinem Kollegen nach dessen Vortrag noch kurz zugeraunt und ihm dabei heftig die Hände geschüttelt, dann war er auch schon verschwunden. Er hatte ja keinen Grund, zu befürchten, dass Gaspar noch etwas anderes sagen würde als er selbst.

Quelle: n-tv.de

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