Wirtschaft
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Fünf Wahrheiten über den Euro, Teil 3: Deutschland profitiert vom Euro

von Nikolas Neuhaus

Drohende Staatspleiten, Rettungsschirme und Sondergipfel: Der Euro steht derzeit vor allem für hohe Risiken und Schuldenexzesse - und Deutschland für den größten Zahlmeister. Dabei gerät in Vergessenheit, dass kein Land so stark vom Euro profitiert wie Deutschland - oder etwa doch nicht?

"Kein anderes Land in Europa profitiert so stark vom Euro wie Deutschland", werden Euro-Befürworter nicht müde zu wiederholen. Doch stimmt das wirklich? Auch nach Meinung vieler Leser ist das schlicht falsch. In ihren Kommentaren zu Analysen und Einschätzungen zum Euro sprechen sie reihenweise von einem gern wiederholten "pauschalen Märchen", einer "Lüge", mit der "die Elite den Euro schmackhaft machen" will. Sie kritisieren, dass "nicht Otto Normalverbraucher der Profiteur, sondern eh nur einige Wenige" die Gewinner seien und Deutschland seit der Einführung des Euro "nur Verluste gemacht" habe. Deutschland, der Euro-Profiteur - alles nur ein großer Irrtum?

Die deutsche Wirtschaft ist in den knapp zwei Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung bis zu den Auswirkungen der Finanzkrise gewachsen. In den Jahren zwischen 1991 und 2007 lag die durchschnittliche Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft bei 2,9 Prozent. In den Jahren 2008 und insbesondere 2009 hinterließen dann jedoch die Verwerfungen an den internationalen Finanzmärkten deutliche Bremsspuren auch im deutschen Wirtschaftswachstum.

Einen wesentlichen Anteil an diesem Wachstum hatte die deutsche Exportwirtschaft. Schon vor der Einführung des Euro waren die Ausfuhren das wohl stärkste Pfund, mit dem Deutschland im Kräftemessen mit den großen Wirtschaftsnationen der Welt wuchern konnten. Die offiziellen Zahlen belegen jedoch, dass ihre Bedeutung nach Einführung des Euro noch kräftig gestiegen ist: Zwischen 1991 und 1998 wuchsen die Exporte im Schnitt um jährlich 5 Prozent. Anfang 1999 wurden dann die Wechselkurse der Euro-Teilnehmerstaaten endgültig festgelegt, Banken und Unternehmen führten von nun an ihre Bücher in der neuen Währung. Von 1999 bis 2007, dem Jahr vor der Finanzkrise, lag die jährliche Wachstumsrate bei 8 Prozent.

Wie stark die Bedeutung des Exportwachstums für die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahren war, zeigt die Grafik. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs vor allem dank des stark gewachsenen Anteils der Exporte, der so genannten Exportquote (hellblauer Verlauf). Wurden 1991 noch Waren im Wert von 22 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ins Ausland verkauft, waren es 2008 bereits 39 Prozent.

Der Anteil des Exports am Bruttoinlandsprodukt ist stark gewachsen. (Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen)
Der Anteil des Exports am Bruttoinlandsprodukt ist stark gewachsen. (Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen)(Foto: n-tv.de-Grafik)

Seit 1999 die Wechselkurse der Euro-Staaten untereinander endgültig festgelegt wurden, kletterten unter allen Mitgliedern der ersten Stunde die deutschen Exporte mit am stärksten. Nach Zahlen der OECD stiegen die deutschen Güterexporte bis 2010 um 133 Prozent, lediglich die Niederlande zogen mit einem Plus von 163 Prozent deutlich an Deutschland vorbei. Frankreich als zweitstärkstes Exportland unter den Euro-Staaten kam im selben Zeitraum lediglich auf ein Ausfuhr-Plus von 60 Prozent.

Zu welchem exakten Anteil dieser Exporterfolg tatsächlich ausschließlich auf das Konto der Gemeinschaftswährung geht, ist indes nicht zu bestimmen. Zahlreiche Ökonomen haben in den vergangenen Jahren versucht, einen solchen Euro-Effekt aus den Statistiken herauszuschälen – mit unterschiedlichsten Ergebnissen. Wenn es jedoch auch nicht gelingt, eine Erfolgsrechnung mit einer präzisen Prozentzahl unter dem Strich aufzustellen, stellt das nicht in Frage, ob Deutschland überhaupt vom Euro profitiert.

Stabile Kurse

Deutsche Exportunternehmen erzielen durch eine große Gemeinschaftswährung in Europa dabei so etwas wie eine „doppelte Dividende“:

  • Innerhalb des Währungsgebiets stabilisiert der Euro die Preisentwicklung für deutsche Produkte, weil das Risiko eines schwankenden Devisenkurses der D-Mark wegfällt. Was für Urlauber praktisch ist, ist für Investitionsentscheidungen von Unternehmen innerhalb der Eurozone ein handfester Vorteil. Unsicherheit oder kostspielige Kurssicherungsgeschäfte werden damit hinfällig.
  • Außerhalb des Währungsgebiets führt der Euro für wirtschaftlich starke Länder wie Deutschland zu einem günstigeren Wechselkurs. Anders als die D-Mark spiegelt der Euro nicht nur Effizienz und Erfolg der hiesigen Wirtschaft wider, sondern die aller Euro-Staaten. Angesichts der deutschen Exporterfolge wäre der Devisenkurs der D-Mark deshalb höher als der Euro-Kurs, weil wirtschaftlich schwache Staaten ihn nicht herunterziehen würden. Auf den weltweiten Absatzmärkten ist ein schwächerer Euro ein unmittelbarer Kostenvorteil.

Was für Unternehmen positiv ist, muss jedoch nicht zwangsläufig auch für breite Teile der Bevölkerung eine gute Nachricht sein. Die Frage ist daher, inwieweit nicht nur Unternehmer und Anteilseigner am Euro verdient haben, sondern alle Bundesbürger. Hier sieht das Bild deutlich durchwachsener aus.

Die Arbeitnehmerentgelte, also die Löhne und Gehälter von Angestellten samt der Arbeitgeberanteile an den Sozialversicherungen, stiegen in den vergangenen elf Jahren seit der Euro-Einführung 1999 um 18 Prozent. Im selben Zeitraum kletterten die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 46 Prozent, also zweieinhalb Mal so stark.

Inflation frisst Zuwachs auf

Trotz der hohen Preisstabilität des Euro entwickeln sich die Verbraucherpreise in einem solch langen Zeitraum deutlich nach oben. Der Verbraucherpreisindex, der in Deutschland die Inflationsentwicklung darstellt, stieg zwischen 1999 und 2010 um 16,8 Prozent. Bei Arbeitnehmern ist daher von ihrem Anstieg auf dem Lohnzettel von 18 Prozent an zusätzlicher Kaufkraft quasi nichts übrig geblieben, sie treten im Schnitt seit vielen Jahren auf der Stelle – ganz anders als bei Unternehmern und Anteilseignern.

In keinem anderen Land der Eurozone ist diese unterschiedliche Entwicklung so groß wie in Deutschland. Das zeigen Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach war Deutschland der einzige Euro-Staat, in dem zwischen 2000 und 2008 die Arbeitnehmerbezüge nach Abzug der Inflation – die so genannten Reallöhne – sogar um 0,8 Prozent gesunken sind. In allen übrigen EU-Ländern verzeichneten Arbeitnehmer in diesem Zeitraum einen Anstieg, in Griechenland, Irland oder den Niederlanden sogar zweistellig.

Doch die Entwicklung der Einkünfte ist nur ein Teil der Wahrheit. So hat sich in den vergangenen Jahren die Situation am deutschen Arbeitsmarkt deutlich verbessert. Zählten die Statistiker 1999 noch 38,7 Millionen Erwerbstätige in Deutschland, waren es 2010 bereits 40,5 Millionen. Die Entwicklung ging dabei zwar nicht stetig nach oben, sondern verzeichnete zwischenzeitlich auch einen Rückgang, doch unter dem Strich erhöhte sich die Zahl der Menschen in Arbeit deutlich. Spiegelbildlich dazu ging die Zahl der Arbeitslosen deutlich zurück. Waren 1999 noch 4,1 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos gemeldet, waren es 2010 noch 2,95 Millionen. Die Arbeitslosenquote sank in dieser Zeit von 11,7 auf 7,7 Prozent.

Das kräftige Wirtschaftswachstum hat dabei neue Arbeitsplätze geschaffen. Damit kommt eine positive Konjunkturentwicklung, die auch durch den Euro befördert wird, am Arbeitsmarkt an. In erster Linie wurden im vergangenen Jahrzehnt keine regulären Arbeitsplätze geschaffen, sondern so genannte atypische Beschäftigung – eine sperrige Umschreibung für befristete Beschäftigung, Zeitarbeit, Teilzeitjobs oder 400-Euro-Jobs. 1999 waren nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Mikrozensus 19,7 Prozent aller Arbeitnehmer befristet, in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt. 2010 lag dieser Anteil, auch wegen des Booms der Zeitarbeit, bei 25,4 Prozent. Diese Entwicklung setzte jedoch nicht erst mit der Währungsunion ein. Der Anteil der Arbeitnehmer in einer Vollzeitbeschäftigung sank schon seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich.

Finger auf den Falschen

Die deutsche Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren deutlich vom Euro profitiert. Das lag vor allem am starken Exportgeschäft, das auch dem Arbeitsmarkt frischen Wind gebracht hat. Soweit so gut. Das Gehaltskonto vieler Bundesbürger hat ein positiver Euro-Effekt jedoch nicht erreicht. Mehr als ein knapper Inflationsausgleich war im Schnitt nicht drin. Bitterkeit und Ärger beim Lob für Deutschland als großem Euro-Profiteur sind daher nachvollziehbar und verständlich. Wunder hat jedoch mit dem Euro niemand versprochen.

Exportvorteile sind mit einer Währung unmittelbar zu erreichen, denn sie ist der Hebel für den Preis deutscher Produkte. Die Strukturen am deutschen Arbeitsmarkt und insbesondere die Entwicklung von Löhnen und Gehältern sind jedoch keine Frage von Devisenkursen, sondern der richtigen Beschäftigungs- und Lohnpolitik. Mehr Spielräume dafür hätte es angesichts vieler starker Jahre seit der Euro-Einführung gegeben.

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Quelle: n-tv.de

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