Wirtschaft
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Boeings kranker Supervogel: Die Dreamliner-Diagnose

Von Martin Morcinek

Es ist ein harter Schlag für Boeing: Das Prestigeprojekt 787 Dreamliner kämpft um seine Betriebszulassung. Wenn die Ingenieure nicht schnell überzeugende Lösungen finden, droht der US-Luftfahrtindustrie eine ökonomische Katastrophe. Schon jetzt ist klar: Die Probleme sitzen tief - und lassen sich nicht so einfach beheben.

In der Boeing-Werft am Standort Everett: Irgendwo hier müssen die Fehlerquellen liegen.
In der Boeing-Werft am Standort Everett: Irgendwo hier müssen die Fehlerquellen liegen.(Foto: dpa)

Es beginnt im Sommer 2012: Zuerst ist es nur ein Triebwerk, das im Testbetrieb versagt. Wenige Monate später häufen sich die Berichte über Pannen im Alltagsbetrieb des Langstreckenjets Boeing 787 "Dreamliner": Umgeleitete Flüge, Notlandungen, Notfall-Evakuierung über Rettungsrutschen - plötzlich drängt die wichtigste Neuentwicklung des US-amerikanischen Flugzeugbaus seit Jahrzehnten mit undichten Ölleitungen, brüchigen Cockpitscheiben und qualmenden Bordbatterien in die Schlagzeilen.

Zunächst kann Boeing noch auf branchenübliche Kinderkrankheiten verweisen und dabei unter Experten durchaus mit Verständnis rechnen. Denn beim Bau der 787 betreten die Amerikaner gleich auf mehreren Gebieten komplett Neuland: Rumpf und Flügeln basieren zum Beispiel in weiten Teilen auf Verbundwerkstoffen aus Kohlefaser. Die neuen Materialen sollen das Gewicht und damit den Treibstoffverbrauch des Flugzeugs senken. Das Verkaufsargument liegt auf der Hand: Die anhaltend hohen Kerosinpreise und der scharfe Wettbewerb zwingen die Fluggesellschaften immer stärker in die Effizienz.

Bereits in der Entwicklungsphase hatte Boeing mit Anlaufschwierigkeiten gekämpft. Probleme bereitete nicht nur die komplizierte Zulieferstruktur, die Boeing vor ungewohnte Fragen an das Qualitätsmanagement stellte. Neuland betrat der Flugzeugbauer auch bei der Ausgestaltung der Bordelektrik: Bis ins Detail zielt die Konstruktion darauf ab, die Maschine möglichst spritsparend durch die Luft zu tragen. Jedes Bauteil zählt. Der Erstflug und die Auslieferung an die ungeduldig wartenden Kunden verzögerten sich um Jahre.

Feuer an Bord

Im Dezember setzte dann jene außergewöhnliche Pannenserie ein, die alle bisherigen Anfangsprobleme im Flugzeugbau übertraf und schließlich mit einem weltweiten geltenden Flugverbot einen neuen Höhepunkt erreichte: Binnen weniger Tage meldeten Boeing-Kunden aus aller Welt immer neue Probleme. Betroffen sind nicht nur das Computersystem, sondern offenbar unabhängig davon auch Lecks in Öl- und Treibstoffleitungen, Schwierigkeiten mit den Bremsen, brüchige Cockpit-Scheiben und immer wieder Qualm im Innenraum.

Passagiere reagieren verunsichert, Airlines und Piloten sind alarmiert. Als einfache Pannen lassen sich die Probleme nicht abtun. Zuletzt entschlossen sich die Luftfahrtbehörden zu einem dramatischen Schritt. Sie entzogen dem Prestigemodell des US-Flugzeugbauers bis auf Weiteres die Betriebszulassung - insgesamt eine Entscheidung, die Boeing als Unternehmen noch sehr hart treffen können. In den USA ist es das erste Mal seit 34 Jahren, dass die Luftsicherheitsbehörde FAA ein Flugverbot für alle Maschinen eines Typs verhängt hat. Die Notfall-Anordnung bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Feuergefahr, die von den an Bord verbauten Batterien offensichtlich ausgeht. Damit hat Boeing womöglich mehr als nur ein Imageproblem.

An der Batterie hängt der Bauplan

Denn im auf Effizenz getrimmten Dreamliner-Konzept gibt es für die fraglichen Hochleistungsstromspeicher bislang keine Alternative: Die großkalibrigen Lithium-Ionen-Akkus sollen wesentliche Funktionen der Bordelektronik im Fall eines Triebwerksausfalls oder beim Betrieb am Boden zuverlässig mit Strom versorgen. Weitaus stärker als ältere Boeing-Modelle ist die 787 auf eine zuverlässige Stromversorgung angewiesen. Viele hydraulische Systeme wurden durch Computersteuerungen ersetzt. Um die Batterien kommt Boeing nicht herum.

Das will niemand an Bord haben: Die US-Transportaufsichtsbehörde veröffentlichte die Aufnahme einer durchgeschmorten Dreamliner-Batterie.
Das will niemand an Bord haben: Die US-Transportaufsichtsbehörde veröffentlichte die Aufnahme einer durchgeschmorten Dreamliner-Batterie.(Foto: dpa)

Im Prinzip gleichen die betroffenen Stromspeicher den Akkus, wie sie in sehr viel kleinerem Maßstab auch in Handys, Digitalkameras oder Tablets zum Einsatz kommen. Hier wie dort nutzen Hersteller den Vorteil, viel Akku-Kapazität auf wenig Raum und mit wenig Gewicht unterbringen zu können. Im Fall der 787 speisen die Batterien unter anderem Teile der Steuerung. Der Ausfall einer Batterie ließe sich dabei noch leicht verkraften. Zur Sicherheit sind sie gleich an drei verschiedenen Stellen an Bord vorhanden. Akut bedrohlich ist dagegen die Feuergefahr: Denn im Vergleich zu den bisher im Flugzeugbau verwendeten, weniger leistungsfähigen Batterien neigen die Lithium-Ionen-Akkus dazu, sich unter ungünstigen Umständen zu erhitzen. Schlimmstenfalls kommt es zu starker Rauchentwicklung oder sogar zu offenem Feuer an Bord. Man kann wohl von Glück reden, dass es bislang noch zu keinem wirklich ernsten Zwischenfall gekommen ist.

Auslöser für das aktuelle Verbot war eine Notlandung eines japanischen "Dreamliners". Dort war, wie in mehreren früheren Fällen auch, eine der drei Hochleistungsbatterien durchgeschmort. US-Experten eilten umgehend nach Japan, um die Hauptbatterie des dortigen Pannenfliegers unter die Lupe zu nehmen. Die FAA will mit Boeing und den Fluggesellschaften zusammenarbeiten, um schnellstmöglich eine Lösung für das Batterieproblem zu finden. Für den US-amerikanischen Flugzeugbau steht sehr viel auf dem Spiel: Die Vorgaben sind hart und lassen sich kaum aufweichen. Einen Absturz kann sich niemand erlauben. Die Betriebszulassung liegt auf Eis, bis der Hersteller den Aufsehern in aller Welt überzeugend darlegen kann, dass von den Batterien kein Risiko mehr ausgeht.

Lahme Vögel in der Flotte

Sollte das den Ingenieuren bei Boeing nicht gelingen, müsste der Konzern den kompletten Konstruktionsplan des Fliegers auf den Prüfstand stellen und von Grund auf neu überarbeiten. Die Produktion müsste ausgesetzt werden, bereits fest vereinbarte Liefertermine wären nicht mehr zu halten. Der Rückschlag würde den US-Flugzeugbau um Jahre zurückwerfen. Zwar gibt es derzeit noch keinen Passagierjet, der es mit dem Dreamliner in Sachen Effizenz am Markt aufnehmen kann. Doch bei Airbus in Europa schreiten die Arbeiten am Großraummodell A350 immer weiter voran. Im Langstreckensegment könnte die neue Maschine Boeing durchaus enttäuschte Kunden abspenstig machen.

Teuer eingekauft: Die polnische Airline LOT muss ihre nagelneue 787 am Boden halten.
Teuer eingekauft: Die polnische Airline LOT muss ihre nagelneue 787 am Boden halten.(Foto: dpa)

Abgesehen davon muss Boeing mittlerweile nicht nur erhebliche Mehrkosten für Nachbesserungen einplanen. Zusätzlich stehen auch mögliche Schadenersatzklagen entnervter Fluggesellschaften ins Haus. Erste Anzeichen für solche Entscheidungen zeichnen sich bereits ab: Die polnische Fluggesellschaft LOT kündigte bereits entsprechende Schritte an. "Wir analysieren den Vertrag mit Boeing mit Blick auf unsere Möglichkeiten, Kompensationen zu fordern", sagte LOT-Vize-Chef Tomasz Balcerzak. Die Verträge will die Airline aber nach eigenen Angaben einhalten. LOT soll bis Ende März drei weitere Dreamliner erhalten. Ob die Polen dann damit abheben dürfen, ist derzeit höchst ungewiss. Die Annahme weiterer Maschinen will LOT davon abhängig machen, ob die technischen Mängel bis dahin behoben wurden.

Wer fliegt mit dem Dreamliner?

Bislang hat Boeing 50 "Dreamliner" ausgeliefert, die Hälfte davon ging nach Japan. Von dort kommt auch der Erstkunde. Die Fluggesellschaft All Nippon Airways (ANA) baut große Teile der eigenen Imagewerbung auf dem Dreamliner auf und muss nun mit entsprechenden Schäden rechnen.

Insgesamt liegen Boeing derzeit rund 800 Bestellungen für die jeweils etwa 200 Mio. US-Dollar teuren Flieger vor. In den USA konnte bislang lediglich United Airlines 787-Modelle in Empfang nehmen. Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin hat 15 Maschinen bestellt. Tui Travel will 13 Einheiten abnehmen. Daneben halten Qatar Airways und Ethiopian Airlines Dreamliner in nennenswerter Anzahl ihrer Flotte. In Indien muss die Fluglinie Air India nun ihre sechs Maschinen des Typs vorerst am Boden lassen. Gleiches gilt für die drei Jets von LAN Airlines aus Chile. In Europa hat bislang nur LOT Dreamliner in Betrieb. Auch sie müssen auf eine neue Freigabe warten.

Analysten: Stornierungen entscheiden

An den Aktienmärkten sorgte das Flugverbot umgehend für Turbulenzen: Im US-Handel drehten die Aktien von United Airlines ins Minus. In Japan gerieten die Titel verschiedener Boeing-Zulieferer unter Druck. Auch für Boeing selbst droht es an den Börsen ungemütlich zu werden. Im europäischen Handel bezeichnete ein Händler die Nachrichtenlage zurückhaltend als "sehr förderlich für die EADS-Stimmung". Echte Gefahr für Boeing entstehe jedoch erst, wenn einzelne Kunden tatsächlich abspringen sollten.

Bislang scheinen die Kunden Boeing noch die Stange halten zu wollen. "Das einzig relevante Kriterium für Boeing ist, ob oder ob es nicht zu Auftragsstornierungen kommen wird", heißt es am Markt. Dafür gibt es keine Anzeichen. Auch bei der EADS-Tochter Airbus hält man sich wohlweislich zurück. Nur zu gut werden sich die Ingenieure dort an die eigenen Startschwierigkeiten zum Beispiel mit den Haarrissen in den Flügeln des Riesenjets A380 erinnern.

Sicherheitshalber verwies ein Sprecher allerdings schon einmal darauf, dass das künftige Konkurrenzmodell A350 über eine andere Elektronik als der Dreamliner verfügt. Wenn sich das Batterieproblem nicht schnell beheben lässt, dürfte die Pannenserie Airbus tatsächlich eine Menge neuer Kunden in die Arme treiben. Dafür müsste der europäische Flugzeugbau allerdings erst noch beweisen, dass sich ein neues Modell auch ohne die notorischen Kinderkrankheiten in den Praxisbetrieb überführen lässt. Beim Airbus A350 hat die Endmontage bereits begonnen. Der Erstflug steht - den bisherigen Planungen zufolge - noch in diesem Frühjahr an.

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Quelle: n-tv.de

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