Wirtschaft
Der Gründer der Müller-Drogerie will 47 Millionen von der Schweizer Sarasin-Bank zurück.
Der Gründer der Müller-Drogerie will 47 Millionen von der Schweizer Sarasin-Bank zurück.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Erwin Müller kämpft gegen Schweizer Bank: Die Millionen-Deals des Drogerie-Königs

Von Hannes Vogel

Die Drogeriekette Müller ist nicht gerade für riskante Geschäfte bekannt. Doch hinter der biederen Fassade rumort es: Ihr Gründer Erwin Müller will von seiner Schweizer Bank 47 Millionen Euro zurück - für windige Geschäfte, die längst die Staatsanwaltschaft untersucht.

Der schwäbische Drogerie-König Erwin Müller ist riskanten Geschäften nicht abgeneigt.
Der schwäbische Drogerie-König Erwin Müller ist riskanten Geschäften nicht abgeneigt.(Foto: picture alliance / dpa)

Zahncreme, Parfüm, Strumpfhosen - man kann nicht behaupten, dass Erwin Müllers Geschäfte schwer zu verstehen sind. Der Ulmer Geschäftsmann ist so etwas wie der Prototyp des schwäbischen Unternehmers. Mit harter Arbeit und grundsoliden Geschäften hat sich der Selfmade-Man ein Imperium geschaffen: Die Müller-Gruppe, Deutschlands drittgrößte Drogeriekette.

Müller ist dabei vom Friseur zum Milliardär geworden, seine Firma zum Inbegriff des deutschen Familienunternehmens: 2,9 Milliarden Euro Umsatz, ein Bollwerk der Tüchtigkeit, mit 695 Filialen in Deutschland und sechs anderen europäischen Ländern. Doch hinter der Fassade des schwäbischen Fleißarbeiters verbirgt sich womöglich eine Zockernatur. Müller hat sich noch auf ganz andere Geschäfte eingelassen. Und die sind alles andere als leicht zu begreifen.

Der schwäbische Patriarch liegt mit der Schweizer Privatbank Sarasin im Clinch: Müller will 47 Millionen Euro zurück und klagt deshalb als Privatmann vor dem Landgericht Ulm. Die Bank habe ihn durch falsche Beratung betrogen, sagt Müller. Die Bank weist die Vorwürfe zurück. Die Geschäfte, um die es in dem Streit geht, dienten offenbar dazu, den deutschen Fiskus um Steuern zu betrügen: "Die Anleger wurden als Vehikel für Geschäfte missbraucht, die nur dazu dienten, sich Kapitalertragssteuer erstatten zu lassen, die nie gezahlt wurde", sagt Müllers Anwalt Eckart Seith.

Windige Aktiengeschäfte

Möglich wurden die Deals, weil das Finanzministerium fast zehn Jahre brauchte, um eine Gesetzeslücke zu schließen. Banken nutzten das Schlupfloch fleißig, um den Staat zu plündern: Sie verkauften Aktien rund um den Dividendenstichtag so rasend schnell hin und her, dass der Fiskus nicht mehr wusste, wer an dem entscheidenden Stichtag Eigentümer der Aktie war. Und damit Anspruch auf die Dividende hatte - und die Steuergutschrift, die mit der Auszahlung entsteht.

Sie kommt durch sogenannte Leerverkäufe zustande: Dabei leiht sich die Bank Aktien, die sie noch gar nicht selbst besitzt, und verkauft sie. Weil bis zur Lieferung der Papiere zum vereinbarten Zeitpunkt unklar bleibt, wem die Aktie gehört, werden zwei Steuergutschriften ausgestellt. Die Geldhäuser konnten sich so vom Fiskus mehr Steuern erstatten lassen, als sie in Wirklichkeit gezahlt hatten. Der Staat sah jahrelang bei diesem Treiben zu, tat aber nichts.  

Müller will vom Steuerbetrug nichts gewusst haben

Findige Banker bauten aus dem sogenannten Dividendenstripping ein Geschäftsmodell, um den Fiskus systematisch zu betrügen: Mehrere Banken sollen die Staatskasse mit den Aktientricks insgesamt um mehr als zehn Milliarden Euro geprellt haben. Bei der Hypo-Vereinsbank (HVB) gab es deshalb Ende 2012 eine Razzia, seitdem ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen Steuerhinterziehung. Auch die Sarasin-Bank haben die Fahnder im Blick.  

Denn Müllers Vermögensverwalter stieg offenbar besonders aggressiv in das windige Geschäft ein - obwohl die Aktiendeals laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" intern als "steuerrechtlich nicht ok" eingestuft worden waren. Sarasin sammelte bei Anlegern wie Müller 220 Millionen Euro für einen Fonds ein, der im großen Stil Aktien handelte und dann riesige Steuergutschriften beantragte.

Weil die Geschäfte unter Betrugsverdacht stehen, weigert sich die Staatskasse nun aber, das Geld herauszurücken. Müller bekommt deshalb ebenfalls nichts und verklagt nun die Sarasin-Bank. Dass sein Investment auf den organisierten Betrug der Steuerzahler ausgerichtet war, davon will Müller nichts gewusst haben: "Ihm wurde gesagt, es handle sich um ein risikoarmes Geschäft, bei dem deutsche Blue-Chip-Aktien gekauft würden, und alles sei obendrein noch durch die Allianz versichert", sagt Müllers Anwalt Seith.

Douglas und Derivate

Dabei scheut der schwäbische Drogerie-König offenbar grundsätzlich nicht vor riskanten Geschäften zurück und könnte die Millionen aus der Schweiz daher gut gebrauchen. Müllers Drogerie-Imperium ist eine verschachtelte Holding mit 71 Firmen. Das Firmengeflecht steuert der 81-jährige Patriarch - inzwischen gemeinsam mit zwei Geschäftsführern - über eine Limited in London. 2012 hat Müller sich mit seiner Firma kräftig verzockt - und 235 Millionen Euro mit Wetten gegen den Schweizer Franken verloren.

Als schwäbischer Geschäftsmann wollte Müller Miete sparen. Ein Drittel ihrer Drogerie-Filialen betreibt Müllers Kette deshalb in eigenen Gebäuden. Mehr als 1,1 Milliarden Euro Immobilienvermögen hat sich so im Konzern des Drogerie-Königs angesammelt. Um die Käufe zu finanzieren, verschuldete sich Müller. Weil die Zinsen in der Schweiz lange niedriger waren als in der Eurozone, nahm Müller die Kredite mithilfe von Währungsderivaten in Franken auf. Doch die Wette ging nach hinten los.

Sein Imperium brachte das unter Druck: Um die Verluste aus den Zockergeschäften abzusichern, musste Müller Ende 2012 seinen Anteil an der Parfümerie Douglas für 162 Millionen Euro an einen US-Finanzinvestor verkaufen. Und er musste neue Kredite bei seinen Hausbanken aufnehmen, die das Währungsriskiko mit einem dreistelligen Millionenbetrag absichern. Müllers Kampf mit der Sarasin-Bank dürfte dagegen noch eine Weile weitergehen: Bislang sind sich der schwäbische Drogerie-König und die Schweizer Banker noch nicht einmal einig, welches Gericht zuständig ist. Eine Entscheidung soll erst im Januar fallen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen