Wirtschaft
Fed-Chefin Yellen: Die kommende Zinswende wird die Welt durchrütteln.
Fed-Chefin Yellen: Die kommende Zinswende wird die Welt durchrütteln.(Foto: REUTERS)

Historische Zinswende: Die US-Notenbank beginnt eine neue Ära

Von Hannes Vogel

Ein kleiner Schritt für die Fed, ein großer Sprung für die Menschheit: Erstmals seit der Lehman-Pleite wird die US-Notenbank heute wohl die Zinsen anheben. Nach acht Jahren Dauerkrise geht die Ära des Billiggelds zu Ende. Die Welt wird die Folgen spüren.

0,25 Prozent. Das ist die Zahl, die die Welt seit dem 16. Dezember 2008 in Atem hält. Heute, auf den Tag genau sieben Jahre später, soll diese Zahl auf 0,5 Prozent steigen. Der winzige Anstieg würde kaum jemand interessieren, wenn dahinter nicht eine der wichtigsten Stellschrauben der Wirtschaft stecken würde: die US-Leitzinsen. Zum ersten Mal seit der Finanzkrise wollen die US-Notenbanker diese Stellschraube heute Abend anziehen und die Leitzinsen erhöhen. Der Anstieg scheint lächerlich klein. Doch die Folgen werden global sein.

Video

Schmetterlingseffekt nennt die Wissenschaft das: Der Flügelschlag eines Falters in Amerika löst auf der anderen Seite der Welt einen Sturm aus. So ist es auch mit der Entscheidung der US-Notenbank. Wie groß der Sturm wird, ist noch unklar. Sicher ist aber, dass der Flügelschlag der Federal Reserve Bank (Fed) unter ihrer Chefin Janet Yellen Börsen und Finanzmärkte in Europa und der ganzen Welt kräftig durcheinanderwirbeln wird. Er leitet den Beginn einer neuen Ära ein.

Seit fast acht Jahren ist die Welt im Krisenmodus. Die Finanzkrise vernichtete Millionen Jobs und radierte Billionenvermögen aus. Als Antwort senkte die Fed die Zinsen bis Ende 2008 von über fünf Prozent auf nahe Null. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) und die britische Notenbank zogen mit. Faktisch schafften die Hüter des Geldes damit die Zinsen ab. Seitdem regieren sie im permanenten Ausnahmezustand. Eine historische Notmaßnahme wurde Normalität: Geld kostet nichts mehr. Die Banken haben sich daran gewöhnt. Das rettete die Welt vor dem Kollaps. Doch genau da liegt nun auch das Problem.

Platzt die Börsenblase?

Die Kehrtwende der US-Notenbank ist wie eine Entzugskur für die Welt. Der erste US-Zinsanstieg seit fast einem Jahrzehnt sendet ein Signal in alle Handelssäle, Vorstandbüros und Regierungssitze: Geld gibt es ab sofort nicht mehr zum Nulltarif. Für die Börsen ist das eine Schreckensvorstellung. Denn vor allem die Billigknete der Notenbanken hat die Kurse seit der Finanzkrise angetrieben. Die Banken steckten den Großteil des Geldes nicht etwa in neue Kredite an Firmen oder Häuslebauer, wie die Notenbanker es wollten. Sondern pumpten es in die Aktienmärkte.

Kommt eine Kapitalflucht?

Video

Auch für die Staaten hat der Kurswechsel Konsequenzen. Weil sich durch die Niedrigzinsen in den USA kaum noch Geld verdienen lässt, sind Anleger stärker in andere Länder ausgewichen: erst nach Europa, dann in Schwellenländer wie Indien, China oder Brasilien. Dort ließ sich dank höherer Zinsen noch ordentlich Rendite machen. Sobald die Zinsen auf dem solidesten und größten Finanzmarkt in den USA wieder steigen, dürfte ein Teil des Geldes wohl wieder in diesen sicheren Hafen zurückfließen. Es fehlt dann in den Ländern, wo es bislang ist.

Sobald die Anleger Geld in die USA verlagern, geraten die Notenbanken in Europa, China, Brasilien und England unter Druck, die Zinsschraube ebenfalls anzuziehen. Doch so einfach geht das nicht. Denn Europa steckt weiter in der Konjunkturflaute und in der Eurokrise. Die EZB kann ihre eigene Nullzinspolitik noch nicht beenden. Sie weitet sie sogar noch aus und verlängert das Programm. Andernfalls könnten die Zinsen für Staatsanleihen der Euro-Schuldenländer wieder steigen.

Flaut das Wachstum ab?

Das ist das grundlegende Problem: Die Zinswende macht Sinn für die USA, aber nicht für den Rest der Welt. In Übersee brummt die Wirtschaft wieder, also spricht nichts dagegen, wenn die Fed mit steigenden Zinsen etwas auf die Bremse tritt. In Europa könnten steigende Zinsen den gerade aufkeimenden Aufschwung wieder abwürgen. Auch in China läuft es nicht gut. Wegen der abflauenden Konjunktur im Reich der Mitte hatte die Fed im September die Zinswende schon einmal abgeblasen. Die Weltwirtschaft könnte noch mehr an Fahrt verlieren, wenn Yellen und ihre Notenbanker nun wirklich Ernst machen.

Gibt es Panik an den Märkten?

Alles hängt davon ab, wie gut die Märkte den Schritt verdauen. Die Kehrtwende der US-Notenbank ist keine Überraschung. Seit langem spekulieren die Anleger nur noch wann sie kommt, nicht ob. Sie dürfte also bereits weitgehend eingepreist sein. "Wenn die Fed ihre Zinsen anheben sollte, dann wird das die am längsten vorbereitete Zinserhöhung in den USA sein", sagt Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel. Zudem wird der Umschwung wohl gemächlich und nicht ruckartig geschehen: Yellen will die Zinsen nur in kleinen Schritten anheben. Die Fed leitet heute Abend nur das Ende der Billiggeld-Ära ein. Doch bis sie endgültig vorbei ist, dauert es womöglich noch.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen