Wirtschaft

Angst vor Inflation: EZB bekämpft das kleinere Übel

von Jan Gänger

Angesichts der Euro-Krise werden die Stimmen lauter, die ein massives Eingreifen der EZB fordern. Doch in Deutschland stößt das auf Widerstand. Grund ist die tief verwurzelte Angst vor Inflation - gerade mit Blick in die Geschichte. Dieser müsste aber deutlich machen: Es droht Schlimmeres.

EZB-Präsident Mario Draghi.
EZB-Präsident Mario Draghi.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Eurozone steckt in einer existenziellen Krise. Der einzige Ausweg scheint eine lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zu sein. Doch Eurobonds oder das Aufkaufen von europäischen Staatsanleihen durch die EZB lösen in Deutschland heftigen Widerwillen aus.

Im Verlauf der gesamten Wirtschafts- und Finanzkrise verstummen hierzulande die Warnungen vor einer unausweichlichen Inflation als Folge lockerer Geldpolitik nicht. Daran ändern selbst niedrige Inflationsraten, Rezession und hohe Arbeitslosigkeit in weiten Teilen der Eurozone sowie eine sich verschärfende Finanzkrise nichts.

Diese Fixierung auf reale oder vermeintliche Inflationsgefahren in Deutschland wird häufig mit historischen Erfahrungen erklärt. Und tatsächlich: die Hyperinflation Anfang der 20er Jahre hat sich in das kollektives Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Schlimmer noch: Sie spielte den Nationalsozialisten in die Karten und verhalf Hitler zum Aufstieg, heißt es.

Dabei wird aber vergessen, dass nicht nur die Hyperinflation Hitler den Weg bereitete, sondern vor allem die den "Goldenen 20ern" folgende Weltwirtschaftskrise mit ihrer Massenarbeitslosigkeit – verschärft von einer fatalen Wirtschaftspolitik von Reichskanzler Heinrich Brüning, der als "Hungerkanzler" in Erinnerung bleibt.

"Gesundschrumpfen" und Massenarbeitslosigkeit

Brüning setzte auf eine strikte Spar- und Deflationspolitik und verschlimmerte damit die Situation für Millionen Deutsche. Seine Regierung strich staatliche Leistungen zusammen und strebte sinkende Löhne und Gehälter an. Ziel war es, die deutsche Wirtschaft "gesundschrumpfen" zu lassen. Brüning ging irrigerweise davon aus, so den Haushalt sanieren und durch billigere Produkte die Exporte ankurbeln zu können.

Der Hyperinflation folgte zudem das Dogma der harten Währung. Deutschland koppelte seine Mark an Gold und hielt daran trotz der Wirtschaftskrise fest. So verständlich das vor dem Hintergrund der außer Kontrolle geratenen Inflation Anfang der 20er auch war: Es war ein großer Fehler. Der Zentralbank waren geldpolitisch die Hände gebunden, sie konnte die Folgen der Weltwirtschaftkrise nicht mildern.

Großbritannien löste sich 1931 vom Goldstandard, die Arbeitslosigkeit sank innerhalb von zwei Jahren um etwa ein Drittel. In Deutschland dagegen verloren immer mehr Menschen ihren Job. Deutschland erlebte eine Massenarbeitslosigkeit und durchlitt eine Depression, die wohl größer als die der USA war.

Sparen verschärft Rezessionen

Obgleich historische Vergleiche immer problematisch sind, lassen sich Lehren aus der Geschichte ziehen. Eine wichtige Lektion der Weltwirtschaftkrise ist, dass es Zeiten gibt, in denen Zentralbank und Staat Deflation mit aller Macht bekämpfen müssen. Mit Sparen ließ sich die tiefe Krise damals nicht lösen – sie wurde nur noch schlimmer. Heute ist es wieder an der Zeit: Regierungen sehen sich zu einem Sparkurs gezwungen, der die Volkswirtschaften in die Rezession treibt. Die wirtschaftliche Misere verschärft sich – ein Teufelskreis.

Hinzu kommt, dass der Euro in gewisser Weise mit dem Goldstandard vergleichbar ist. Für die Krisenländer ist er eine Zwangsjacke: Sie haben nicht die Möglichkeit, ihre Währung abzuwerten oder die Geldpolitik zu lockern und damit die Auswirkungen der Krise auf die Konjunktur zu mildern.

Bei allem Verständnis für die Europäische Zentralbank: Es ist wohl sinnvoll, das kleinere Übel in Kauf zu nehmen, um das größere zu bekämpfen. Andernfalls rutscht der Kontinent in eine tiefe Depression.

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Quelle: n-tv.de

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