Wirtschaft
Muss am Mittwoch aller Voraussicht nach den ersten Quartalsverlust seit Jahren verkünden: VW-Chef Matthias Müller.
Muss am Mittwoch aller Voraussicht nach den ersten Quartalsverlust seit Jahren verkünden: VW-Chef Matthias Müller.(Foto: REUTERS)

"Je tiefer wir graben": Ermittler knöpfen sich VW-Manager vor

Jetzt wird es ernst: Im Abgas-Skandal leitet die Staatsanwaltschaft Braunschweig Ermittlungsverfahren gegen mehrere VW-Mitarbeiter ein. Bei den Bestellungen spürt der Konzern noch keine Folgen. Im dritten Quartal dürfte VW jedoch rote Zahlen schreiben.

Die juristische Aufarbeitung des VW-Abgasskandals kommt offenbar ins Rollen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitete gegen mehrere Mitarbeiter des Autobauers Ermittlungsverfahren ein. Eine Sprecherin der Behörde bestätigte damit einen Bericht der Branchenzeitung "Automobilwoche".

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Bislang lief bereits ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Betrug, zunächst allerdings noch gegen unbekannt. Jetzt richten sich offenbar konkrete Verdachtsmomente gegen einzelne Führungskräfte. Zur Identität der Beschuldigten wollte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Anfrage keine Angaben machen. Es gehe allerdings nicht um die erste Führungsriege des Konzerns, betonte sie.

"Tendenziell mehr Beschuldigte"

Das Verfahren könne sich noch ausweiten, heißt es. "Tendenziell werden es mehr als weniger Beschuldigte, je tiefer wir graben", sagte ein Sprecher der Braunschweiger Staatsanwaltschaft. Grundlage der neuen Untersuchungen sind womöglich Beweise, die den Behörden vor wenigen Wochen in die Hände gefallen waren.

Anfang Oktober hatten die Ermittler bei einer Razzia in der Wolfsburger Konzernzentrale Unterlagen und Datenträgern beschlagnahmt. Europas größter Autokonzern hatte rund drei Wochen vor dieser Aktion eingeräumt, mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert zu haben.

Bestellungen im Blickfeld

Im betrieblichen Alltag spürt der VW-Konzern unterdessen trotz der Unwägbarkeiten des Abgasskandals noch keine Auswirkungen. Der Bestelleingang - für Autobauer wie VW eine wichtige Kennziffer - entwickelt sich offenbar sogar zufriedenstellend. In Deutschland wachse seit dem Bekanntwerden der Manipulationen vor rund einem Monat die Zahl der Bestellungen, hieß es aus dem Umfeld des Konzernvertriebs.

Europaweit ist das Bild beim Bestelleingang dagegen uneinheitlich. So seien die Diesel-Bestellungen in Großbritannien abgesackt, was man bei VW dem Vernehmen nach als direkte Folge der Affäre wertet. Unter dem Strich schlage der Skandal aber bislang nicht aufs Geschäft durch, heißt es aus Wolfsburg.

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Bisher war nur bekannt, dass der Pkw-Absatz - also die Kennziffer, die auf die Bestellungen folgt - nicht unter den Auswirkungen des Skandals zu leiden scheint. Im deutschen Automarkt vergehen zumindest bei den privaten Pkw-Käufen in der Regel Wochen oder Monate zwischen dem Bestellen per Auftragseingang und der Auslieferung, also dem eigentlichen Absatz. Teuer wird die Aufarbeitung für VW aber in jedem Fall, nicht zuletzt wegen der umfangreichen Nacharbeiten an den betroffenen Fahrzeugen.

Erstmals seit Jahren im Minus

Europas größtem Automobilkonzern drohen Milliardenkosten durch Strafzahlungen und Klagen. Der Wolfsburger Autobauer hatte bereits 6,5 Milliarden Euro als Reserve zurückgestellt. Die Summe schlägt im dritten Quartal voll zu Buche, wie VW bereits angekündigt hatte. Daher dürfte der Autokonzern an diesem Mittwoch den ersten Quartalsverlust seit vielen Jahren ausweisen.

VW muss für die Nachbesserung der manipulierten Dieselfahrzeuge bis zu 10.000 verschiedene Lösungen ausarbeiten, wie zuletzt aus Konzernkreisen zu erfahren war. Demnach ergibt sich die enorme Anzahl aus der Zahl der betroffenen Motorvarianten. Sie unterscheiden sich nicht nur beim Hubraum (2,0 sowie 1,6 und 1,2 Liter), sondern etwa in der Auslegung auf Getriebe (Automatik, 5- oder 6-Gang), unterschiedliche Marken (etwa Volkswagen-Pkw, Seat, Skoda oder Audi) und auch bei den betroffenen Modelljahren oder Märkten weltweit.

Wiederverkaufswert sinkt

Ab Januar 2016 soll laut Plan mit den Nachbesserungen begonnen werden. Dabei geht es um Softwarelösungen, aber teils auch um neue Bauteile. Unterhalb der Konzernebene zeichnet sich bereits ab, dass der Skandal die Konzern-Finanztochter auf jeden Fall belasten wird: Im Portfolio der Volkswagen-Financial-Services AG finden sich bis zu eine Million betroffene Diesel-Autos. Das geht aus einem Brief der Finanztochter an Geschäftspartner hervor. Für die VW-Bank könnte das teure Folgen haben, denn der Skandal schmälert möglicherweise den Wiederverkaufswert dieser Fahrzeuge, die VW etwa am Ende der Leasinglaufzeit zurücknehmen muss.

Die Ermittlungen der Braunschweiger Staatsanwaltschaft sind im Land Niedersachsen - das als einer der wichtigsten Anteilseigner eigene Vertreter in den Aufsichtsrat des Autobauers entsendet - längst ein Politikum. Gleich zu Beginn der juristischen Aufarbeitung gab es zunächst einige Verwirrung um die Ermittlungen der Behörden. Die Staatsanwaltschaft hatte am 28. September mitgeteilt, wegen der weltweiten Abgas-Manipulationen an Diesel-Fahrzeugen aufgrund von Strafanzeigen gegen Winterkorn ein Ermittlungsverfahren gegen den Ex-VW-Chef eingeleitet zu haben, musste sich aber anschließend korrigieren. Tatsächlich gab es zu diesem Zeitpunkt lediglich ein Verfahren ohne konkrete Beschuldigte. Sowohl die Behörde als auch Niedersachsens Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz hatten sich für die Panne bei Winterkorn persönlich entschuldigt.

Quelle: n-tv.de

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