Wirtschaft
Video

Der Lack ist ab: Eurokrise erwischt Autobauer

Die Krise erreicht die Autobauer: Daimler kassiert die Prognose, Peugeot Citroen braucht Staatshilfe, Ford schließt Werke, die Börsen sind entsetzt. Und doch könnte das erst der Anfang sein: Die schwindende Kauflust der Europäer kündigt dunkle Zeiten an.

Video

Die Nervosität bei Daimler war offenbar zu groß: Ursprünglich wollten die Stuttgarter ihre Zahlen erst am Donnerstag kurz vor Börsenstart in Deutschland bekanntgeben. Eine E-Mail-Panne à la Google zwang den Konzern dann zu einer früheren Mitteilung. Und was dann kam, war wenig erfreulich: "Angesichts der deutlichen Verschlechterung des Marktumfelds in wichtigen Märkten in den vergangenen Monaten sowie einer Intensivierung des Wettbewerbs habe man die Ergebniserwartungen angepasst."

An der Börse brachen Daimler zeitweise um mehr als drei Prozent ein und waren damit das Schlusslicht im Dax. "Die schrittweise Anpassung der Prognose belastet die Reputation des Managements genauso wie die Stimmung für die Daimler-Aktie", erklärte DZ-Bank-Analyst Michael Punzet. Wenig stützend ist da auch, dass die Bundesregierung offenbar bereit ist, 30 Euro je Aktie für die von Daimler gehaltenen EADS-Anteile zu zahlen: "Das stellt einen erheblichen Aufschlag dar", sagte ein Händler.

Auch an anderen europäischen Börsen geriet der Auto-Sektor nach den Daimler-Zahlen unter Druck und war mit Abschlägen von gut ein Prozent das Schlusslicht bei den Branchen. In Paris setzten die Aktien von Peugeot ihre Talfahrt fort und fielen zeitweise um fast vier Prozent auf 5,35 Euro. Damit notierten die Aktien so niedrig wie zuletzt im Januar 1986.

Staatshilfe schürt die Krise

Zahlreiche Analysten hatten den Titel zuvor heruntergestuft. Dass sich Peugeots Finanztochter mit sieben Mrd. Euro Garantien kräftig vom Staat unter die Arme greifen lässt, kommt an den Märkten nicht gut an. "Peugeot wird aus der Krise nicht alleine herauskommen", formuliert Autoexperte Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft die Sorgen vieler.

Staatshilfen sind aber nicht nur an den Märkten höchst umstritten. So sehen viele Experten die Abwrackprämie aus der letzten großen Branchenkrise als eine der Ursachen für das aktuelle Nachfrage-Tief an. Damals zogen viele Verbraucher die Autokäufe vor, nun stehen die Neuwagen bei den Herstellern auf dem Hof und können nur noch mit hohen Rabatten an den Mann gebracht werden.

Ärger mit Gewerkschaften

Mittelfristig dürfte PSA Peugeot Citroen dank der geplanten Zusammenarbeit mit Opel endlich ordentlich sparen können, glaubt Auto-Experte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch-Gladbach. Doch bis dahin muss der Konzern erst einmal durchhalten, aktuell verbrennt der Konzern Monat für Monat einen dreistelligen Betrag. GM werde über kurz oder lang einen substanziellen Anteil an Peugeot übernehmen müssen, um die Finanzierung des französischen Sorgenkindes zu sichern, vermutet Willi Diez.

Anschieben wird der Branche nicht viel helfen.
Anschieben wird der Branche nicht viel helfen.(Foto: dpa)

Hinzu kommt, dass die Zusammenarbeit mit PSA die Verhandlungen um Opels Zukunft erschweren. Die mächtige IG Metall verlangt den Erhalt aller vier Standorte in Deutschland inklusive Bochum. Es gilt jedoch als sehr unwahrscheinlich, dass alleine auf französischer Seite Werke geschlossen und Jobs abgebaut werden, sollten sich die Vertragspartner wirklich auf eine tiefere Kooperation, etwa in der Fertigung, einigen.

Auf Ärger mit Gewerkschaften muss sich auch Ford einstellen. Schließlich wären von der geplanten Werksschließung im belgischen Genk 4300 Stellen betroffen. Indirekt hängen weitere 5000 Arbeitsplätze nach Gewerkschaftsangaben an der Fabrik. Die belgischen Arbeitnehmervertreter rüsten sich bereits für eine Auseinandersetzung. Von ungefähr kommen die Schließungspläne nicht.

Wie Ford mitteilte, kostet die Absatzkrise in Europa den US-Autobauern dieses Jahr 1,5 Mrd. Dollar (1,2 Mrd Euro). Die Werksschließung in Belgien wird deshalb nicht die letzte sein: Ford plant weitere Einschnitte, so soll der Standort im südenglischen Southampton sowie der Standort Dagenheim dicht gemacht werden. In Southampton sind etwa 530 Mitarbeiter direkt betroffen.

Düstere Aussichten

Die tiefen Einschnitte sind für die Branchenbeobachter ein Beleg für die sehr düsteren Zukunftsaussichten der Branche. "Wenn die Hoffnung auf Besserung in 2014 oder 2015 bestünde, dann würde man das nicht machen", glaubt Diez.

Selbst VW-Chef Martin Winterkorn, der seinen Riesenkonzern bislang nur mit leichten Kratzern durch die Krise steuerte, erwartet für die nächsten vier Jahre keinen großen Wachstumsschub in Europa. Weil gerade die brachliegenden Märkte des Südens in absehbarer Zeit nicht wieder auf das Vorkrisenniveau klettern dürften, werde der alte Kontinent nicht um neue Werksschließungen herumkommen, heißt es in der Branche.

Dazu passt die Sorge, dass es nicht nur die durch die Krise klammen Portemonnaies sind, welche die Kunden vom Autokauf abhalten: "Immer weniger Menschen wollen ein eigenes Auto", stellte unlängst Ferdinand Dudenhöffer, Autoexperte der Uni Duisburg, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa fest. "Parkraum wird immer teurer und die Menschen brauchen kein Auto, das nach dem Kauf 23,5 Stunden am Tag vor der Haustür steht, deshalb werde Carsharing immer wichtiger", so Dudenhöffer. Und auf schnell nachwachsende Käufergenerationen kann die Branche kaum hoffen: "Der Führerschein muss nicht mehr sofort mit 18 Jahren sein, das Durchschnittsalter bei der Prüfung liegt heute deutlich über 24 Jahren." All das zusammen klingt, als ob der Branche in den nächsten Jahren eine schmerzhafte Konsolidierung bevorsteht.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen