Wirtschaft
"Man muss sich ununterbrochen auf seine Handgriffe konzentrieren."
"Man muss sich ununterbrochen auf seine Handgriffe konzentrieren."(Foto: REUTERS)

Akkordarbeit in China : Foxconn: Der Druck und die Selbstmorde

Von Marcel Grzanna, Schanghai

Wie viel Druck übt Foxconn auf seine Mitarbeiter aus? Da die Personalkosten in China rasant steigen, erhöht das Unternehmen die Arbeitsleistung pro Kopf. Für viele Mitarbeiter hat dies verheerende Folgen.

In den Morgenstunden des 19. April dieses Jahres machten Arbeiter einer Foxconn-Fabrik im westchinesischen Chongqing eine tragische Entdeckung. Ein junger Mann hatte sich von einem Gebäude im Wohnblock D06 in den Tod gestürzt. Der Tragödie war ein Streit zwischen dem Opfer und drei seiner Arbeitskollegen vorausgegangen. Der junge Mann hatte Schwierigkeiten, der Frequenz von Arbeitsschritten am Fließband zu folgen. Immer wieder musste der Fertigungsprozess von Notebooks des US-Herstellers Hewlett-Packard deshalb kurzzeitig unterbrochen werden. Das verärgerte die drei Schichtgenossen derart, dass sie ihn nach Dienstschluss zur Rede stellten und schließlich verprügelten. Sie waren sauer, weil sie auch nach Stückzahlen entlohnt werden. Wenn einer am Band strauchelt, verdienen alle weniger.

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Der Fall wirft Fragen zur erhöhten Produktionsgeschwindigkeit in den Foxconn-Fabriken des Landes auf. Der größte Elektronikproduzent der Welt mit rund einer Million Mitarbeitern allein in China, hat wegen seiner arbeitsintensiven Produktion erhebliche Zusatzkosten, seit in der Volksrepublik die Mindestlöhne so rasant gestiegen sind. Besonders die Auftragsunternehmen, die mit billigen Arbeitskräften der internationalen IT-Industrie die Basis für deren Milliardenprofite liefern, spüren den Druck. Um einen Teil der Kosten auszugleichen, erhöhte Foxconn unter anderem die Arbeitsleistung pro Kopf. Entsprechend gewachsen ist die Belastung der Arbeiter.

"Die menschliche Leistungsfähigkeit am Band wird bei Foxconn absolut ausgereizt", sagt ein Mitarbeiter der Sun-Yat-Sen-Universität in Guangzhou. Der Student schleuste sich für seine Recherchen unter anderem mehrere Wochen in die Foxconn-Fabrik in Chongqing ein und war an der Produktion von HP-Notebooks beteiligt. Für einen Zyklus, erinnert er sich, blieben ihm genau zwölf Sekunden Zeit. "Man muss sich ununterbrochen auf seine Handgriffe konzentrieren. Nur die Geschicktesten können sich durch ihre Geschwindigkeit vielleicht eine Sekunde Freiraum verschaffen", sagt er. Foxconn arbeite ständig daran, mit einer weiteren Aufschlüsselung der Fertigung noch schneller produzieren zu können. Der Rhythmus werde lediglich durch eine 30-minütige Mittagspause unterbrochen.

HP schweigt zu der Frage, ob der Selbstmord eine Prüfung der Frequenz der Arbeitsschritte ausgelöst hat. Die Firmenzentrale im kalifornischen Palo Alto teilte in einer schriftlichen Stellungnahme lediglich mit: "HP untersucht energisch alle Zwischenfälle und glaubwürdige Anschuldigungen." Man habe in den vergangenen Jahren "in Chongqing erheblich in einen steigenden Grad an Verantwortung der Arbeitskräfte und Trainingsprogramme für Aufseher investiert", heißt es. Tatsächlich hatte der Vorarbeiter der Produktionslinie D623 die drei Schläger und ihr Opfer zu einem gemeinsamen Gespräch gebeten. Am Morgen danach sprang der junge Mann in die Tiefe.

Bereits mehrere Todesfälle in Fabrik

Der Suizid war nicht der erste in der Fabrik. Seit Frühjahr 2013 kam es dort zu einer Reihe ähnlicher Fälle, deren Hintergründe unklar sind. Hewlett-Packard weiß davon, will sich aber auch dazu nicht konkret äußern. Arbeiter der Fabrik behaupten, es seien acht oder neun Todesfälle gewesen. HP sagt, die Zahl sei geringer. Foxconn reagiert nicht auf Anfragen. Mit der Mauertaktik fährt HP offenbar gut. Dem Unternehmen ist es bislang gelungen, einen internationalen Aufschrei wegen der Produktionsbedingungen in seinen Fabriken in China zu verhindern.

Apple hingegen stand vor allem im Jahr 2010 am Pranger. Damals hatten sich mehr als ein Dutzend Foxconn-Mitarbeiter in einer Fabrik in Südchina binnen weniger Monate das Leben genommen. Seitdem versucht Apple, das Image seiner Mitarbeiterfürsorge aufzupolieren. Unter anderem mit Hilfe der Fair Labor Association (FLA), einer amerikanischen Organisation, die von Wirtschaftsunternehmen finanziert wird, will das Unternehmen die Zustände in den Fabriken verbessern. Dabei stehen nicht nur Foxconn im Mittelpunkt, auch andere Zulieferer gelten als problematisch.

Kürzlich berichteten die Nichtregierungsorganisationen China Labor Watch (CLW) und Green America über anhaltende Defizite bei einem Industrie-Zulieferer. Dieser stellt Metallkomponenten her, die unter anderem von Apple, HP, Dell und Motorola verwendet werden. Die Fabrik in der ostchinesischen Provinz Jiangsu nördlich von Shanghai versorgt die Hersteller jedoch nur mittelbar mit ihren Komponenten, ist also selbst Zulieferer für Auftragsunternehmen wie Foxconn.

Betrieben wird die Fabrik von Catcher Technology, die wie die Foxconn-Mutter Hon Hai aus Taiwan stammt. Der Standort wurde bereits im vergangenen Jahr überprüft und das Management auf Mängel hingewiesen. Getan hat sich seitdem laut CWL kaum etwas. Die Aktivisten beklagen die Ausbeutung jugendlicher Angestellter, die für Überstunden teils nicht bezahlt worden sein sollen. Außerdem gebe es massive Sicherheitsmängel wegen einer zu hohen Staubkonzentration in der Luft. Im August waren 68 Menschen bei einer Explosion in einer Autoteilefabrik gestorben, weil die Entlüftung nicht ausreichte und der Staub sich entzündete.

Quelle: n-tv.de

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