Wirtschaft
Jürgen Fitschen und Anshu Jain, Co-Chefs der Deutschen Bank.
Jürgen Fitschen und Anshu Jain, Co-Chefs der Deutschen Bank.(Foto: picture alliance / dpa)

Skandale bei der Deutschen Bank: Führung ohne Verantwortung

Ein Kommentar von Hannes Vogel

Ob die Vorstände juristisch für das Sündenregister der Deutschen Bank haften müssen, ist offen. Viel schwerer wiegt, dass die Chefetage keine Verantwortung für die Skandale übernimmt: Anshu Jain taucht ab - und Jürgen Fitschen leidet offenbar unter derselben Wahrnehmungsstörung wie Ex-Präsident Wulff.

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Mit diesem Anruf hat sich Jürgen Fitschen wirklich keinen Gefallen getan. Seit bekannt wurde, dass der Co-Chef der Deutschen Bank bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier intervenierte, um sich über die fatale Außenwirkung der Razzia zu beschweren, überschütten Politiker aller Parteien den Banker mit Kritik.

Jürgen Fitschen hat sich öffentlich und persönlich bei Bouffier entschuldigt. Zudem fühlt sich der Bankchef, der in der Finanzwelt als Verkörperung des ehrbaren Bankers gilt, ungerecht von der Staatsanwaltschaft behandelt, die wegen den schmutzigen Geschäften einiger seiner Händler mit Steuerbetrügern nun auch gegen ihn ermittelt. Dabei ist Fitschen im CO2-Betrugsskandal wohl wirklich eher Zufallsopfer, weil er es war, der die umstrittene Umsatzsteuererklärung der Bank unterschrieben hat.

Dennoch kann Fitschen sich kaum beklagen: Mit den Ermittlungen gegen ihn kommt die Frage der Verantwortung für die dunkle Vergangenheit der Deutschen Bank da an, wo sie hingehört - in der Chefetage. Dort will sich ihr bislang niemand persönlich stellen. Jahrelange Manipulationen der Libor-Zinssätze? Keine Anhaltspunkte für eine Beteiligung des aktuellen oder früheren Managements, sagt die Bank. Die Klageflut von Investoren, die sich mit faulen Wertpapieren betrogen fühlen, die die Bank vor dem Crash 2007 als sichere Investments verkaufte? Es sei bedauerlich, dass  einzelnen Mitarbeitern ganz offenkundig beim Drang etwas zu leisten der Kompass verloren gegangen sei, sagt Fitschen. Die Zusammenarbeit mit einem Ring von Betrügern beim Emissionshandel? Anders als die Staatsanwaltschaft vertrete man die Auffassung, dass die Korrektur der Umsatzsteuererklärung rechtzeitig erfolgte.

Kultur der Verantwortungslosigkeit

Routiniert zieht sich die Bank mit dem Hinweis aus der Affäre, juristisch korrekt gehandelt zu haben. Gebetsmühlenartig wiederholt sie die Verteidigung, die Führung habe nichts gewusst und müsse folglich auch keine persönlichen Konsequenzen ziehen. Erstens wird das immer unglaubwürdiger, je ranghöher die Beteiligten sind: Laut Medienberichten soll ein Manager in London gegen Geld das Geschäft mit den CO2-Betrügern angekurbelt haben. Und es war die Chefetage, die vor der Krise gezielt das Geschäft mit US-Ramschhypotheken forcierte.

Zweitens verengt die Bank den Blick auf die rein rechtliche Frage zu den vielen fragwürdigen Geschäften: Wer trägt juristisch die Schuld? Die Deutsche Bank soll ihre Kunden betrogen, mit Verbrechern Geschäfte gemacht, Aufseher belogen haben. Die eigentliche Frage lautet daher: Wer trägt die Verantwortung? Auf diese Frage hat die Bank keine Antwort. Dabei liegt sie nahe: Schmutzige Geschäfte mit Steuerbetrügern, manipulierte Zinsen, windige Verkäufe von verbrieften Immobilienkrediten: Jahrelang fanden alle diese Entgleisungen im Investmentbanking unter der Verantwortung von Anshu Jain statt. Heute sitzt er gemeinsam mit Jürgen Fitschen im Chefsessel der Bank.

Wahrnehmungsstörung in der Chefetage

Schwerer noch als diese Kultur der Verantwortungslosigkeit wiegt jedoch die Geisteshaltung, die offenbar in der Chefetage herrscht: Mit seinem Anruf bei Bouffier hat Bankchef Fitschen den fatalen Eindruck erweckt, dass die Bank nicht nur keine Verantwortung für ihre Vergangenheit übernehmen will, sondern schlicht kein Unrechtsbewusstsein hat.

Denn in Fitschens Logik war nicht das eigentliche Fehlverhalten seiner Mitarbeiter, sondern der Besuch bewaffneter Ermittler in den Zwillingstürmen fatal für das Außenbild der Bank - deshalb griff er zum Hörer. Es ist derselbe Realitätsverlust, unter dem auch Ex-Bundespräsident Christian Wulff litt: Ja, wir haben zwar Fehler gemacht. Aber die Schuld tragen trotzdem andere. Fitschen hat damit seine Glaubwürdigkeit beschädigt - und das Vertrauen der Öffentlichkeit, dass er den Kulturwandel bei Deutschlands größtem Geldhaus vertreten kann.

Spätestens seit Wulffs Rücktritt müsste jedoch auch die Führung der Deutschen Bank wissen: Es kommt nicht auf den Skandal an, sondern vielmehr die Wahrnehmung, die davon bleibt. Zurücktreten musste Wulff nicht wegen der Affäre um seinen Hauskredit, sondern wegen seines Umgangs mit dem Skandal, der die Arroganz entlarvte, die er Bürgern, Ermittlern, Medien entgegenbrachte. Der Chefetage der Deutschen Bank kann das eigentlich nur eine Warnung sein.

Quelle: n-tv.de

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