Wirtschaft
Wladimir Putin hat im Wirtschaftskrieg kaum ein Mittel gegen eine Waffe des Westens: Geld.
Wladimir Putin hat im Wirtschaftskrieg kaum ein Mittel gegen eine Waffe des Westens: Geld.(Foto: picture alliance / dpa)

Sanktionen treffen Russland hart: Geht Wladimir Putin das Geld aus?

Von Hannes Vogel

Der Rubel stürzt ab, das Kapital flüchtet, die Staatsfirmen bekommen keine Kredite mehr: Um seine Banken und Ölriesen zu retten, plündert Wladimir Putin nun sogar die Rentenkasse. Mittelfristig droht der Kreml-Wirtschaft der Kollaps.

Wenn Wladimir Putin öffentlich über die Sanktionen des Westens spricht, gibt er sich betont gelassen. Als EU und USA am Wochenende ihre Strafmaßnahmen ausweiteten, nannte Russlands Präsident sie "wenig effektiv". Und betonte: "Je weniger unsere Beamten und Unternehmenschefs ins Ausland reisen, und je mehr sie sich stattdessen um die laufenden Geschäfte kümmern, desto besser".

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Insgeheim dürfte ihm mulmiger zumute gewesen sein. Der Rubel stürzt immer weiter ab. Die Wirtschaft sorge sich um die "Wagenburgmentalität" im Land, sagt der frühere Finanzminister Alexej Kudrin, ein ausgewiesener Putin-Gegner. Aber selbst Putins eigenes Finanzministerium warnte schon im Juni, dass umfassendere Sanktionen einen "erheblichen negativen Effekt" haben werden. Den Fachleuten geht es sicher nicht darum, dass die Russen keinen Parmesankäse mehr kaufen können. Wenn der Wirtschaftskrieg mit dem Westen länger dauert, droht Russland schlicht das Geld auszugehen.

Putin plündert die Rentenkasse

Schon immer bunkern die reichen Russen ihr Geld im Ausland. Doch seit der Annexion der Krim verlässt das Kapital fluchtartig das Land. Allein bis Ende Juni flossen rund 75 Milliarden Dollar ab, mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Über 100 Milliarden könnten es noch werden, fürchtet die Weltbank. Während der Finanzkrise waren es rund 134 Milliarden.

Putin hat wohl verstanden, dass die Pleitegefahr real ist. Russland will im kommenden Jahr einen milliardenschweren Rettungsfonds für Firmen auflegen, die unter den Sanktionen ächzen. Dafür plündert Putin die Rentenkasse: Der Fonds soll sich aus Geldern speisen, die eigentlich für den staatlichen Pensionsfonds vorgesehen waren, sowie aus übriggebliebenen Haushaltsmitteln.

Denn die neuen Sanktionen des Westens bringen Russlands Firmen in echte Bedrängnis. Bisher hingen sie am Kredittropf des Westens: Der russische Kapitalmarkt allein ist zu schwach, um die Mega-Investitionen der Ölgiganten und Staatsbanken zu finanzieren, die der Kreml kontrolliert. Seit wenigen Tagen sind Gazprom, Rosneft, Sberbank und Co. aber faktisch von den Kapitalmärkten abgeschnitten. In Europa dürfen sie sich kein Geld mehr für länger als 30 Tage leihen. Die US-Sanktionen haben den gleichen Effekt. Um sie nicht zu verletzen, falls die russischen Staatsfirmen das Geld nicht pünktlich zurückzahlen, dürften viele Banken wohl lieber ganz die Finger von neuen Geschäften mit Moskau lassen.

Der Kreml-Wirtschaft droht die Pleite

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Zwar können sich russische Firmen noch im Nahen Osten oder in Asien Geld leihen. Doch das Kapital aus der EU und den USA dürfte das kaum ersetzen. Bleibt also nur der Kreml selbst: Russland sitzt auf einem gigantischen Devisenschatz von 465 Milliarden Dollar - das entspricht etwa einem Fünftel seiner Wirtschaftsleistung.

Eigentlich sollte das reichen, um dem Westen die Stirn zu bieten. Doch die Zahlen seiner eigenen Zentralbank entlarven die Coolness des Kreml-Chefs. Die Rechnung ist einfach: Die Auslandsschulden russischer Banken und anderer Staatsfirmen liegen mit rund 647 Milliarden Euro weit über Russlands Währungsreserven. Der Kreml-Wirtschaft droht mittelfristig die Insolvenz, falls die Sanktionen weitergehen.

Igor Setschin, der Chef des Ölriesen Rosneft, hat bei Putin bereits um 1,5 Billionen Rubel (31 Milliarden Euro) an Hilfen gebeten. Ein Großteil der ausländischen Kredite an die Banken und Staatsfirmen des Kremls läuft Ende nächsten Jahres aus. Bis dahin müssen sie mehr als 150 Milliarden Dollar zurückzahlen.

Krim-Soli soll Russland retten

Putin bleiben wenig Möglichkeiten, um gegenzusteuern: Die Ölpreise sinken, mit explodierenden Deviseneinnahmen kann er nicht rechnen. Der Kreml versucht deshalb seine Oligarchen anzuzapfen. Die reichsten Russen, die mehr als eine Million Rubel (20.000 Euro) monatlich verdienen, sollen laut einem Gesetzesentwurf künftig einen "Krim-Soli" zahlen: Im Dienste von Mütterchen Russland stiege ihr Steuersatz von 13 auf bis zu 30 Prozent. Doch das würde die Kapitalflucht nur verstärken. Und die Wirtschaft weiter abwürgen, die schon jetzt mit Volldampf Richtung Rezession rasselt.

Der riesige Devisenschatz, mit dem Putin die russische Staatswirtschaft retten könnte, ist zudem schon verplant. Die russische Zentralbank stützt damit massiv den Rubel. Als im Februar und März die Krim-Krise eskalierte, warfen die Währungshüter fast 27 Milliarden Dollar auf den Markt, um den Wechselkurs zu stabilisieren - mehr als im September 2008, als die US-Bank Lehman Brothers zusammenbrach. Die Finanzkrise zeigt, wie schnell Putins Kriegskasse aufgebraucht sein könnte: Damals pumpte die Zentralbank in nur vier Monaten rund 180 Milliarden Dollar in den Markt, um den Rubel zu retten.

Ab 2015 will die Zentralbank den Wechselkurs eigentlich freigeben. Kaum vorstellbar, dass Putin den Plan durchzieht: Dann dürfte der Rubel vollends abschmieren. Der Kreml-Chef müsste sich entscheiden, ob er mit seinem Devisenschatz lieber Russlands Währung oder seine Wirtschaft rettet. Wenn die Sanktionen andauern, reicht für beides womöglich das Geld nicht.

Quelle: n-tv.de

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