Wirtschaft
Klare Anhaltspunkte für die Jetpac-Software: Pier 7, keine Schnurrbärte, im Hintergrund das TransAmerica-Hochhaus - eindeutig San Francisco.
Klare Anhaltspunkte für die Jetpac-Software: Pier 7, keine Schnurrbärte, im Hintergrund das TransAmerica-Hochhaus - eindeutig San Francisco.(Foto: REUTERS)

Apple verliert Stadtführer-App: Google schnappt sich Jetpac

Von Martin Morcinek

Jubel in der kalifornischen Startup-Szene: Der US-Gigant Google übernimmt für eine bislang unbekannte Summe eine umstrittene App für Reisetipps. Jetpac wertet Nutzerbilder nach unbeabsichtigt veröffentlichten Hinweisen aus.

Der US-Konzern Google setzt seine Einkaufstour fort und stärkt das hauseigene Knowhow in der Auswertung großer Datenmengen mit der Stadtführer-App Jetpac. Nach der Übernahme werde die Anwendung in den kommenden Tagen aus dem App Store von Apple verschwinden, teilte Jetpac mit. Der sogenannte Support, also die technische Betreuung der Mobil-Anwendung im Apple-Betriebssystem, läuft den Angaben zufolge zum 15. September aus.

"Wir schließen uns Google an!", heißt auf der Homepage des Digital-Stadtführers euphorisch. "Wir freuen uns auf aufregende Projekte mit unseren Kollegen bei Google." Eine Übernahme durch einen Hightech-Riesen wie Google, Apple oder Facebook gilt in der Startup-Szene des Silicon Valley - und nicht nur dort - als größter anzunehmender Erfolg für Unternehmensgründer.

Das Unternehmen Jetpac besteht US-Medienberichten zufolge im Kern aus lediglich drei Köpfen: den beiden Gründern Julian Green und Derek Dukes sowie dem Software-Entwickler Chris Raynor, den sich Green und Dukes zur Unterstützung ins Boot geholt haben. Ein Kaufpreis wurde zunächst nicht genannt.

Bildanalyse ermittelt "Hipster-Dichte"

Jetpac bietet vergleichsweise überschaubare Dienste - die gleichwohl nicht überall unumstritten sind: Im Prinzip bindet der App-Entwickler aus San Francisco Fotos und Empfehlungen von Nutzern sozialer Netzwerke in das eigene Angebot ein, um Städtereisende in fremder Umgebung möglichst treffgenau zu Bars, Restaurants und Sehenswürdigkeiten zu leiten. Mittlerweile können Besitzer von Smartphones oder Tablets so bebilderte und vorsortierte Reisetipps aus angeblich bereits "mehr als 6000 Städten" in aller Welt abrufen.

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Das Besondere daran: Jetpac wertet Details der zum Beispiel bei dem Foto-Netzwerk Instagram hochgeladenen Aufnahmen aus, um die Treffer so gut wie irgendmöglich auf die Vorlieben und Gewohnheiten der Nutzer auszurichten. Eine automatischen Analyse-Software ermöglicht es dabei, ebenso ungewöhnliche wie merkwürdige und teils auch aufschlussreiche Ranglisten zu erstellen. So soll etwa ein Ranking nach Schnurrbart-Häufigkeit Nutzern Hinweise liefern, in welchen Stadtteilen oder Regionen mit einer bestimmten Modeströmung zu rechnen ist.

Soziale Schubladen

Von der sogenannten "Hipster-Dichte" schließt die Software zum Beispiel auf Unterhaltungsangebot, kulturelle Attraktivität und allgemeine Lebensqualität. Das Ziel: Nutzer sollen sich auch in einer fremden Stadt möglichst schnell in einem sozialen Milieu ihrer Wahl wiederfinden.

Andere Ranglisten von Jetpac sortieren Städte nicht nach Szene-Zielgruppen, sondern nach Schönwetterbildern, lächelnden Menschen oder schlicht nach der Häufung von Bars, Kinos oder klassischen Theatern. "Bei Instagram gibt es Milliarden Fotos, die bislang niemand als Datenschatz nutzt", zitierte der "Spiegel" im vergangenen Dezember einen der beiden Jetpac-Gründer. Diese Aufnahmen seien eine hervorragende Informationsquelle - insbesondere, wenn sie wie bei Instagram mit Geodaten verknüpft sind.

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Google kauft Knowhow

Wertvoll wird Jetpac für Google dabei vor allem durch das unter der Oberfläche arbeitende technische Knowhow: Hinter der einfach gehaltenen Kulisse aus Travel- und Touristik-Tipps verbirgt sich eine offenbar überzeugende Kombination aus Bildanalyse, Netzwerktechnik und Datenbankanbindung.

Damit kann Jetpac offenbar auch riesige Datenmengen automatisch auswerten und nach sozialen oder touristisch interessanten Hinweisen durchforsten, um sie anschließend mobil und sozial verknüpft zugänglich zu machen.

Die Übernahme des Mashup-Spezialisten passt Branchenkennern zufolge bei Google tatsächlich gut ins Bild: Der Internetgigant hatte zuletzt eine ganze Reihe von Unternehmen gekauft, um die Vermarktungsmaschinerie für Online-Werbung auf neue Geschäftsfelder auszuweiten und das Angebot für Nutzer stetig zu erweitern.

Überquellende Kriegskasse

Geld für Übernahmen steht bei Google reichlich zur Verfügung: Quartal für Quartal fährt der Suchmaschinenanbieter derzeit mehrere Milliarden an Reingewinn ein. Zuletzt lag das Ergebnis aus den Monaten April, Mai und Juni unterm Strich bei 3,42 Milliarden Dollar - das waren sechs Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz des Suchmaschinen-Betreibers erhöhte sich um mehr als ein Fünftel auf 15,96 Milliarden Dollar - im Vierteljahr, wohlgemerkt.

Mittlerweile expandiert der an der Technologiebörse Nasdaq notierte US-Konzern auch in futuristisch anmutende Geschäftsideen. Kürzlich stellte Google zum Beispiel den Prototypen eines selbstfahrenden Autos vor. Anfang des Jahres übernahm Google zudem für 3,2 Milliarden Dollar den Thermostat- und Feuermelder-Hersteller Nest, um in die digitale Vernetzung von Haushaltsgeräten einzusteigen. Daneben gab es Zukäufe wie Dropcam - ein Unternehmen, das Technik zur Wohnungsüberwachung anbietet - oder Skybox - einen Bild-Spezialisten, der eigene Satelliten in die Umlaufbahn bringen will.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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