Wirtschaft
Im Vergleich zur Lösung der Griechenland-Krise ist der Aufstieg auf die Akropolis ein Kinderspiel.
Im Vergleich zur Lösung der Griechenland-Krise ist der Aufstieg auf die Akropolis ein Kinderspiel.(Foto: REUTERS)

Eurogruppe sucht Lösung: "Grexit wird extrem teuer"

Die Eurozone muss versuchen, den Grexit zu vermeiden, sagt Grünen-Politiker Gerhard Schick. Ein Austritt Griechenlands würde Milliarden kosten - und die Probleme wären nicht gelöst. Mit dem Bundestagsabgeordneten sprach n-tv.de über Reformen, Schulden - und darüber, wie die Griechen unter der Krise leiden.

n-tv.de: In Deutschland, Griechenland und dem Rest der Eurozone scheint eine Mischung aus Fatalismus und Frustration zu herrschen. Ist es nicht ehrlicher, nach dem ergebnislosen Gezerre die Scheidung einzureichen?

Gerhard Schick ist finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.
Gerhard Schick ist finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.(Foto: picture alliance / dpa)

Gerhard Schick: Nein. Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone wird extrem teuer – für Griechenland und für den Rest der Eurozone. Auch wenn man sich über manches ärgert: Es ist sinnvoller zu schauen, was die richtige Lösung ist. Ich bin mit vielem, was in Griechenland in den letzten Jahren passiert ist, mitnichten zufrieden. Dennoch sollten wir versuchen, einen Grexit zu vermeiden. Denn dann gibt es nur Verlierer.

An den Finanzmärkten nimmt die Unsicherheit spürbar zu, weil der Zusammenhalt der Eurozone infrage gestellt wird. Die Risikoaufschläge von Anleihen Spaniens, Portugals, Italiens aber auch Frankreichs sind gestiegen. Der Grexit stellt die Eurozone prinzipiell in Frage, die Ansteckungsgefahren sind daher unvorhersehbar.

Hier könnte man einwenden: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ist es nicht viel teurer, Griechenland weiter zu unterstützen?

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Nein. Die Befürworter eines Grexits sollen endlich mal ehrlich sagen, wie teuer die Folgen sind und wer diese Kosten zu tragen hat. Das kostet Deutschland mindestens 70 Milliarden Euro. Auch nach einem Austritt aus dem Euro würde Griechenland massive Unterstützung brauchen. Die Hilfskredite müssten wohl komplett abgeschrieben werden und die Probleme Griechenlands würden trotzdem bestehen bleiben.

Die Arbeitslosigkeit in Griechenland beträgt 25 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit ist doppelt so hoch. Die bisherige Rettungspolitik ist offensichtlich gescheitert …

In der Summe hat sie nicht funktioniert, obwohl einige Reformen umgesetzt wurden. Denn wir haben eine regelrechte Kaputtspar-Politik erlebt, die vor allem von der Bundesregierung durchgesetzt wurde. Und ohne ein klares Bekenntnis zum Euro investiert doch keiner in Griechenland. Deswegen ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch und die Investitionsquote so niedrig. Mit dieser Politik kommt das Land nicht auf die Beine, und viele Griechen sorgen sich zurecht um die wirtschaftliche Zukunft.

Trauen Sie der griechischen Regierung zu, den Staat zu reformieren?

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Es gibt Punkte, wo das der Fall ist. Die neue griechische Regierung hat eindeutig ein Mandat bekommen, mit dem alten Klientelsystem aufzuräumen. Sie ist da glaubwürdiger als die alten Parteien Pasok und Nea Dimokratia, die das Land an den Abgrund geführt haben. Was mir allerdings fehlt: Die griechische Regierung unterbreitet keine konkreten Vorschläge, wie es wirtschaftspolitisch weitergehen soll. Viele Märkte, viele Branchen sind verkrustet, die Justizverwaltung ineffizient. Ich habe bei meinen Gesprächen in Griechenland auf die Frage, was denn da passieren soll, sehr dünne Antworten bekommen. Doch ohne eine funktionierende wirtschaftliche Basis können die Schulden nie zurückgezahlt werden. 

Kommen wir an einem Schuldenschnitt vorbei?

Griechenland braucht auf jeden Fall eine Neustrukturierung seiner Schulden. Das muss nicht ein Haircut, also ein Schnitt im traditionellen, engeren Sinne sein. Wir Grünen wollen, dass Griechenland aus der Spirale herauskommt, mit immer neuen Krediten alte Kredite abzubezahlen und jedes Mal Unsicherheit über die Zahlungsfähigkeit um sich greift. Uns muss gelingen, die Schulden Griechenlands auf ein paar Jahre zu stunden. Nur so kann das Land durchgreifende Reformen angehen und wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen. Griechenland erwirtschaftet bereits  einen Primärüberschuss. Diese Reformdividende sollte zunächst im Land bleiben, anstatt ausländische Gläubiger zu bedienen.

Sie waren Anfang des Monats ein paar Tage als Bundestagsabgeordneter in Athen. Welche Eindrücke haben sie mitgebracht?

Viele Griechen mussten drastische Einkommensverluste hinnehmen. Die Renten sind teilweise um die Hälfte gestrichen worden. In vielen Familien sind die Großeltern die einzigen, die durch die Rente ein Einkommen haben. Es gibt viele Menschen, die in Suppenküchen gehen müssen. Einigen wurde der Strom abgestellt, weil sie die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten. In Griechenland leiden viele Menschen massiv unter der Krise. Was wäre in Deutschland los, wenn wir solche drastischen Einschnitte in unseren Lebensstandard hinnehmen müssten?

Mit Gerhard Schick sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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