Wirtschaft

Chefwechsel bei ThyssenKrupp: Herrn Hiesingers Gespür für Stahl

von Nikolas Neuhaus

ThyssenKrupp steht vor einer Zäsur. Auf der Hauptversammlung übergibt Ekkehard Schulz das Ruder von Deutschlands größtem Stahlkocher an Ex-Siemens-Manager Heinrich Hiesinger. Weil dem Neuen der Stallgeruch fehlt, wird der Chefsessel für ihn gleich doppelt zur Bewährungsprobe.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn sich ein künftiger Vorstandschef von ThyssenKrupp in seinem ersten strategischen Statement zur Stahlbranche bekennt, ist das ein Signal. Es deutet nicht nur an, wohin auch künftig die Reise in der Essener Konzernzentrale geht, sondern spiegelt gleichsam die Unsicherheit darüber wider, dass mit Heinrich Hiesinger erstmals ein Manager an die Spitze des Stahlkonzerns rückt, der seine Sporen nicht im Dunstkreis von Hochöfen und Kokskohle verdient hat.

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Der Neue aus dem Schwabenland verspricht eine "Weiterentwicklung ohne Bruch". Keine Kulturrevolution an der Ruhr also, sondern eine Neujustierung der Gewichte in der Unternehmensstruktur. Hiesingers Botschaft an die 180.000 Mitarbeiter ist deutlich: Auch künftig wird der Stahl eine tragende Säule des Unternehmens sein, wenn auch nicht die Einzige.

Unruhe im Unternehmen, der technologieaffine Konzernlenker könnte das Traditionsgeschäft vernachlässigen, wäre das Letzte, was der Branchenwechsler zum Auftakt seiner neuen Aufgabe gebrauchen könnte. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt, denn Hiesingers Augenmerk dürfte tatsächlich zunächst auf dem Technologiebereich liegen. Das Geschäft mit Anlagenbau, Aufzügen und Werften hat bei Investitionen jüngst stets den Kürzeren gezogen, denn das Geld wurde für massive Investitionen in neue Stahlwerke in Brasilien und den USA gebraucht. Nun sollen die beiden Bereiche wieder austariert werden: "Wir werden dafür sorgen, dass die Mittel gleichmäßig verteilt werden."

Finanzsorgen

Der scheidende ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz, intern auch "eiserner Ekki" genannt.
Der scheidende ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz, intern auch "eiserner Ekki" genannt.(Foto: picture alliance / dpa)

Hiesingers größtes Problem dabei ist, dass ThyssenKrupp nichts zu verteilen hat. Sein Vorgänger Ekkehard Schulz hat den Konzern nach dem Krisenjahr 2008/09 zwar wieder sicher in die Gewinnzone geführt, dabei jedoch Schulden von 3,8 Mrd. Euro hinterlassen. Wegen dieser hohen Außenstände hatte die Ratingagentur Standard & Poor's die Bonitätsnote von ThyssenKrupp sogar auf Ramschstatus gesenkt. Das könnte den Konzern schon mittelfristig teuer zu stehen kommen, denn spätestens im Geschäftsjahr 2012/13 werden Anleihen von ThyssenKrupp fällig. Hat ThyssenKrupp sein Rating bis dahin nicht zumindest wieder aus der Schmuddelzone gearbeitet, würde die Refinanzierung dank üppiger Zinsen richtig teuer.

Ausgerechnet in dieser Lage steht ThyssenKrupp auf der Finanzseite jedoch blank da: Finanzvorstand Alan Hippe hatte sich in den knapp zwei Jahren seit seinem Wechsel vom Autozulieferer Continental zu ThyssenKrupp unter seinen neuen Kollegen wenige Freunde gemacht. Am Ende hatte er sich mit ihnen dem Vernehmen nach so weit überworfen, dass er Anfang 2011 beschloss, seine Sachen zu packen. Seitdem ist ThyssenKrupp auf der Suche nach einem neuen Finanzchef. Möglicherweise muss Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der bereits Hiesingers Wechsel von Siemens zu ThyssenKrupp einfädelte, noch einmal seine guten Drähte nach München nutzen.

Frisch ans Werk

Sorgen am Zuckerhut: Das Werk in Brasilien bereitet ThyssenKrupp Ärger.
Sorgen am Zuckerhut: Das Werk in Brasilien bereitet ThyssenKrupp Ärger.(Foto: picture alliance / dpa)

Doch nicht nur finanziell und personell warten drängende Probleme auf den neuen Stahl-Lehrling: Die Milliardeninvestitionen in neue Hütten in Brasilien und den USA laufen alles andere als planmäßig. Das gilt insbesondere für die Anlage in Brasilien, die immer mehr Geld verschlingt als ursprünglich eingeplant. Statt ursprünglich veranschlagter 3,5 Mrd. Euro schlägt das Werk bereits mit mehr als 5 Mrd. Euro zu Buche. Offen ist auch, ob das Management gravierende Umweltprobleme in den Griff bekommt, etwa den silbernen Regen aus Grafitstaub. Nach bereits verhängten Millionen-Bußgeldern könnten den Verantwortlichen vor Ort sogar bis zu 19 Jahre Haft, eine Stilllegung des Werks sowie gestrichene Steuersubventionen blühen. Die Folgen spürt jedoch nicht nur der neue Standort: Läuft es in Brasilien nicht rund, betrifft das zudem auch die neue Hütte im US-Staat Alabama, wo die Vorprodukte aus Brasilien weiterverarbeitet werden sollen. Nach bisheriger Planung sollen die Standorte USA und Brasilien spätestens im Geschäftsjahr 2012/13 die Gewinnschwelle erreichen - nach Investitionen von rund 10 Mrd. Euro.

Die kräftige Erholung der weltweiten Stahlnachfrage war 2010 ein Segen für ThyssenKrupp. Insbesondere der Boom in der Automobilindustrie bescherte dem Konzern volle Auftragsbücher beim Flachstahl, zudem ieferte der Konzern den Stahl zur Produktion von Maschinen. Doch die Aufholjagd in der Branche dürfte sich schon bald abkühlen. Der Branchenverband Wirtschaftsvereinigung Stahl rechnet nach dem außergewöhnlichen Anstieg der deutschen Stahlproduktion von 34 Prozent im vergangenen Jahr nun lediglich mit einem Jahresplus von knapp zwei Prozent. Ungemach droht der ganzen Branche zudem an der Preisfront: Das Angebot von Eisenerz liegt fest in der Hand der drei großen Anbieter Vale, Rio Tinto und BHP Billiton. Statt jährlichen Verhandlungen werden die Lieferkonditionen für das Erz nun quartalsweise neu ausgemacht und damit deutlich anfälliger für starke Schwankungen an den Rohstoffmärkten.

Konjunkturpuffer

Wie wichtig neben dem Stahlgeschäft auch weniger konjunkturabhängige Sparten für den Erfolg des ganzen Unternehmens sind, hat das Krisenjahr 2009 gezeigt. Die Technologiegeschäfte bewahrten ThyssenKrupp vor einem noch stärkeren Einbruch, als die weltweite Rezession mit ihrer Vollbremsung für die Stahlnachfrage mit sich brachte. Hiesinger muss deshalb ausreizen, was die finanzielle Lage an Zukunftsinvestitionen gestattet, beispielsweise in der Aufzugsparte. ThyssenKrupp bemühte sich zwar in den vergangenen Jahren um einen größeren Zukauf, etwa den finnischen Rivalen Kone, doch bisher blieben diese Bemühungen stets ohne Ergebnis.

Das Edelstahlgeschäft Nirosta wird in Deutschland am Standort Krefeld konzentriert.
Das Edelstahlgeschäft Nirosta wird in Deutschland am Standort Krefeld konzentriert.(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Flucht nach vorne wird auch in der Edelstahlsparte das Gebot der Stunde für Hiesinger sein. Neben dem Stahlgeschäft in Amerika war dies der einzige Bereich, der auch im Erholungsjahr 2010 rote Zahlen schrieb. Das Geschäft mit Edelstahl leidet unter Überkapazitäten und stark schwankenden Preisen für den Rohstoff Nickel. Als eine seiner letzten Amtshandlungen hatte Hiesingers Vorgänger Schulz hier noch die Weichen gestellt und die Schließung eines über 100 Jahre alten Werks nahe Düsseldorf eingeleitet. Nach Einschätzung von Branchenexperten muss ThyssenKrupp hier nun mit weiteren Investitionen die Produktion modernisieren und damit effizienter machen.

Große Sprünge und harte Schnitte sind vom neuen ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger nicht zu erwarten. Umso wichtiger wird sein Fingerspitzengefühl für die richtigen Prioritäten bei der Stärkung der einzelnen Konzernsparten sein. Dies wird dann auch darüber entscheiden, ob der Kapitalmarkt dem deutschen Stahlprimus das nötige Vertrauen schenkt, um für das künftige Wachstum die nötigen Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.

Quelle: n-tv.de

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