Wirtschaft

EZB-Direktor Coeuré verteidigt Zinssenkung: "Höhere Zinsen schaden Sparern"

Die Zinsen in Deutschland liegen dank der Europäischen Zentralbank auf historischen Tiefstständen. Sind die Sparer also die großen Verlierer der lockeren Geldpolitik? EZB-Direktoriumsmitglied Coeuré gibt eine klare Antwort: Nein.

Benoît Coeuré.
Benoît Coeuré.(Foto: picture alliance / dpa)

Die überraschende Zinssenkung der Europäischen Zentralbank stößt hierzulande auf wenig Gegenliebe. Vor allem Sparer schimpfen, sie sehen sich um ihr Geld gebracht. "Niedrigzinsen führen zu dauerhaften Verlusten der Sparer, die quasi einer Enteignung gleichkommen, weil sie bei ihren Anlagen negative Realzinsen hinnehmen müssen", ärgert sich Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon. Und auch die Anbieter von Lebensversicherungen sind alles andere als erfreut. "Hier werden die Zinserträge jeglicher Sparer weiterhin angegriffen", sagt Allianz-Finanzvorstand Dieter Wemmer.

EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré sieht das anders. Nicht die niedrigen Zinsen, sondern höhere Zinsen würden Sparern schaden, schreibt er im "Handelsblatt". Sein Argument: Ein höherer Leitzins für die Eurozone hätte "die Rezession verschärft, das Einsetzen einer Erholung verzögert" und zum Risiko einer Deflation beigetragen. Von einer Deflation ist die Rede, wenn das allgemeine Preisniveau sinkt, anstatt zu steigen. Folge ist, dass Unternehmen und Verbraucher Ausgaben verzögern, weil sie mit immer niedrigeren Preisen rechnen. Damit droht ein Teufelskreis, der die Konjunktur lähmt. Das wäre für Sparer ein großes Problem: Denn wer soll ihnen dann die Zinserträge erwirtschaften?

Anders ausgedrückt: Niedrige Zinsen sind für Sparer zwar nicht gerade erfreulich. Würde die Krise mit Wucht wiederkommen, wäre die Lage aber noch sehr viel unerfreulicher – womöglich müssten sie sogar um ihr Erspartes bangen.

Niedriger Eurokurs stützt Exportwirtschaft

Die Zinssenkung der EZB wirke sich außerdem nur auf Zinsen für kurzfristige Geldanlagen aus, schreibt Coeuré. Die Zinsen für langfristige Geldanlagen hingegen, die für Sparer entscheidender seien, stünden in Deutschland deswegen unter Druck, weil Wertpapiere wie die als sicher geltenden deutschen Staatsanleihen auch bei Investoren aus dem Ausland stark gefragt seien. Dadurch sänken die Zinsen für solche Papiere. Andere Länder wie etwa im Süden der Eurozone müssten hingegen hohe Zinsen zahlen.

Das wird sich dieser Argumentation zufolge erst dann wieder normalisieren, wenn die Krise überwunden ist. Und genau dazu will die EZB mit ihrer Niedrigzinspolitik beitragen. Denn Südeuropa arbeitet sich derzeit nur mühsam aus der Rezession heraus. So ist in Spanien die Wirtschaft im vergangenen Quartal gerade einmal um 0,1 Prozent gewachsen. Niedrige Zinsen sollen die fragile Konjunkturerholung ächzender Euroländer unterstützen.

Die Hoffnung der EZB ist, dass mehr Unternehmen Geld bei Banken leihen und damit mehr investieren, um so die Konjunktur anzuschieben. Dazu kommt, dass ein niedriger Leitzins tendenziell den Euro verbilligt. Davon profitiert die Exportwirtschaft in der ganzen Eurozone, also auch in Deutschland.

Geht es nach der EZB, sollten sich Sparer daher nicht über niedrige Zinsen ärgern. Denn sie sind notwendig, um die Krise zu überwinden. Und das müsste auch im Interesse der Sparer sein - schon aus Eigennutz.

Quelle: n-tv.de

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