Wirtschaft
Griechenlands Weinproduzenten wollen mit einer Marketingkampagne auf sich aufmerksam machen.
Griechenlands Weinproduzenten wollen mit einer Marketingkampagne auf sich aufmerksam machen.(Foto: REUTERS)
Samstag, 28. Februar 2015

Griechische Firmen wollen aufholen: "In Hellas ist nicht alles faul"

Von Diana Dittmer

Die griechische Wirtschaft liegt am Boden. Unternehmen werden drangsaliert, die Korruption blüht, das Vertrauen in griechische Waren ist völlig zerstört. Aber es gibt Lichtblicke, wo man sie nicht vermutet. Zum Beispiel im Bereich IT.

"Von Griechenland in die Welt" - Das Motto des griechischen Matratzenherstellers Cocomat könnte die Devise für das ganze Land sein. Das erfolgreiche Unternehmen zählt 220 Mitarbeiter und Zweigstellen in insgesamt 13 Ländern, unter anderem gibt es eine Filiale in bester Lage in Berlin. Produziert wird ausschließlich am nordgriechischen Firmensitz Xanthi, exportiert werden die Waren aber in die ganze Welt. Das Geschäft wächst und gedeiht. Und das trotz Krise. Davon bräuchte Griechenland mehr.

Das Land ist auf Wirtschaftswachstum angewiesen. Seit 2009 ist die Wirtschaft Hellas um mehr als ein Fünftel geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 25 Prozent. Von den unter 24-Jährigen ist jeder Zweite ohne Job. "Die griechische Politik und die schwerfällige Bürokratie haben die Unternehmen platt gemacht", sagt der Geschäftsführer von Cocomat, Chousein Kechaiga. "Erst hat das gute Leben uns faul gemacht. Dann hat die Krise die Lust auf Arbeit ganz kaputt gemacht."

Die Reißverschluss-Methode

Dabei habe Griechenland viel Potenzial, fährt Kechaiga fort: gutes Klima, Sonne, landwirtschaftliche Produkte. Nicht nur guten Wein, sondern auch gute Baumwolle. Aber das Image des Landes und das Vertrauen in griechische Produkte seien völlig zerstört. Cocomat lässt Reißverschlüsse in seine Matratzen einnähen. "Damit man reingucken kann." Vorsorglich. Verbraucher würden einem griechischen Produkt vielleicht nicht trauen, so Kechaiga, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt.

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Cocomat ist Griechenland seit über 20 Jahren treugeblieben. Trotz aller Schwierigkeiten im Land. Viele andere Unternehmen sind abgewandert. Die politische Unsicherheit, Korruption, die Hürden durch die Bürokratie haben sie das Weite suchen lassen. "In so einem Land will kaum einer mehr investieren", sagt DIW-Forschungsdirektor Alexander Kritikos. Am wichtigsten sei jetzt die schnelle Entbürokratisierung für Unternehmen. Auch er sieht viel Potenzial in dem Land. Wie Kechaiga hält er gutes Marketing jetzt für unverzichtbar, um das angekratzte Image wieder aufzupolieren. Der Bereich sei jahrelang vernachlässigt worden.

Bei Agrarprodukten scheint sich bereits etwas zu bewegen. Sie sollen in Zukunft deutlich offensiver beworben werden als bisher. Vor allem bei griechischem Wein gibt es offenbar Nachholbedarf. Unter Kennern hat er in den vergangenen Jahren eine Renaissance erlebt, aber in den Supermarktregalen dominieren immer noch französische, spanische oder italienische Weine.

Selbst bei einer großen Supermarktkette in Berlin Mitte mit umfangreichem Spirituosenangebot ist griechischer Wein nur schwer zu finden. Es gibt nur ein kleines Regal auf Kniehöhe mit einem Angebot in der Preisgruppe 2,99 bis 5,99 Euro. Das wirkt alles andere als einladend. Beim Olivenöl sieht es zwar weniger trostlos aus, das teuerste zu 14,90 Euro stammt tatsächlich aus Griechenland. Trotzdem haben hier Spanier und Italiener die Nase vorn. Die Weinproduzenten wollen auf der Messe ProWein Mitte März in Düsseldorf eine neue Kampagne starten. Unterstützt wird die Initiative von der Regierungsorganisation Enterprise Greece.

Griechenland muss mehr exportieren

Nachholbedarf gibt es jedoch nicht nur bei der Vermarktung. Auch bei der Produktion hinkt Griechenland hinterher. Die Landwirtschaft ist die zweitgrößte Branche des Landes nach dem Großhandel. Trotzdem schafft es Griechenland nicht, die Nachfrage der eigenen Bevölkerung zu bedienen. Der Exportanteil der letzten Jahre betrug rund 15 Prozent. Volkswirte empfehlen, bis zu 50 Prozent für die Ausfuhr zu produzieren. Den Anteil auf einen realistischen Zielwert von 25 Prozent zu erhöhen, sei "ein Schlüssel zum Erfolg", sagt Athanassios Kelemis, Geschäftsführer und Vorstand bei der Deutsch-Griechischen Handelskammer in Athen.

Durch den Export von Agrarprodukten oder Einnahmen aus dem Tourismus wird Griechenland die Wende jedoch nicht schaffen, warnt DIW-Experte Kritikos. Selbst wenn sich die Ausfuhren von Agrarprodukten verdoppeln würden, wird das nach Ansicht des Ökonomen nicht reichen. Zumal es beim Tourismus nach dem Erfolgsjahr 2014 mit rund 20 Millionen Besuchern auch kaum mehr Luft nach oben gibt. Kritikos wirbt deshalb nicht nur für mehr Ausfuhren von Agrarprodukten, sondern auch für Branchen wie Pharma, Energie oder IT. Bereiche, von denen die meisten nicht einmal wissen, dass Griechenland hier überhaupt über Knowhow verfügt.

"Wir haben hervorragend ausgebildete Ingenieure und IT-Experten", schwärmt der Chef der deutsch-griechischen Handelskammer, der selbst aus der IT-Branche kommt. Griechenland habe es allerdings versäumt, Duftmarken zu setzen.

IT-Personal: Hochqualifiziert und günstig

Branchenkenner wie Michael Aubermann, bestätigen, dass es trotz großer Abwanderung von Fachpersonal viele Spezialisten in Griechenland gibt. Aubermann ist Chef des IT-Hauses Goodwin Solutions GmbH. Das Kölner Unternehmen vermarktet, entwickelt und implementiert IT-Lösungen für die Touristikbranche. Vor 18 Monaten wurde eine Zweigniederlassung in Athen gegründet. Es gab viele bürokratische Hürden. Unter anderem musste das Unternehmen ein 80-Seiten-Dossier einschließlich Übersetzungen, Beglaubigungen, Abschriften abgegeben. Die Gründung zog sich sechs Monate hin. Trotzdem bedauert es der Unternehmer nicht, nach Griechenland gegangen zu sein.

Die griechischen Informationstechniker seien hoch qualifiziert. Die Universitäten hätten gute Arbeit geleistet, erzählt Aubermann. Viele IT-Spezialisten hätten Post-Graduierten-Programme in England absolviert und würden besser Englisch sprechen als gleich-qualifizierte deutsche Kollegen, obwohl diese mehr Geld verdienten. Abgesehen von der Bürokratie lasse es sich sehr gut in Griechenland arbeiten.

Eine Vorsichtsmaßnahme hat der Aubermann allerdings getroffen. Geschäfte mit dem Öffentlichen Sektor hat er dem Unternehmen verboten. Damit erspart er sich eventuelle Schmiergeldforderungen oder drohende Forderungsausfälle.

Potenzial im Energiesektor

Wenn PPC irgendwann "sauber" arbeitet, könnte der Energieversorger viel Geld verdienen.
Wenn PPC irgendwann "sauber" arbeitet, könnte der Energieversorger viel Geld verdienen.(Foto: REUTERS)

Thomas Ziller, Geschäftsführer des mittelständischen Unternehmens Nilos GmbH hat als Dienstleister für Förderband-Ausrüstung unter anderem im Braunkohleabbau in Griechenland Erfahrungen mit korrupten Beamten gemacht. Das Düsseldorfer Unternehmen ist seit acht Jahren mit einem Tochterunternehmen in Griechenland aktiv. Nilos Hellas M.E.P.E. arbeitete jahrelang für den großen staatlichen Energieversorger Public Power Corporation (PPC), auch unter dem Firmenkürzel DEI bekannt.

Schon beim ersten Auftrag erhielt Nilos Hellas einen Anruf von Mitarbeitern der PPC, die als Gegenleistung für den Auftrag 10 Prozent des Auftragsvolumens verlangten. Nachdem Nilos Hellas immer wieder nicht zahlte, erhielt bei der dritten Ausschreibung der alte Dienstleister wieder den Zuschlag. Die Deutschen klagten wegen Vorteilsnahme im Amt, unkorrekte Auftragsvergaben und Dokumentenfälschung. Mit Erfolg. Der Geschäftsführer des Konkurrenten wurde vor drei Wochen zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Für Ziller ist das ein gutes Zeichen.

"Wenn man ausländische Investoren haben will, sollte man die nach Recht und Ordnung und den Regeln der Marktwirtschaft behandeln", sagt Ziller. Umgekehrt könnte PPC, das börsennotiert ist, viel Geld verdienen, wenn es "sauber" arbeiten würde. Nilos Hellas will als nächstes in eine neue Halle investieren. Die Planung ist abgeschlossen, die Baugenehmigung erteilt. Das Unternehmen hält sich aber zurück, um zu sehen, ob die neue Regierung wirklich das umsetzt, was sie versprochen hat. Nilos und Goodwin Solutions sind nicht die einzigen Firmen, die abwarten. Potenzial ist da, offen ist aber, ob es der neuen Regierung gelingt, dieses gegen die alten Seilschaften auch zu heben.

Quelle: n-tv.de

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