Wirtschaft
Der nächste Präsident der USA: Donald Trump.
Der nächste Präsident der USA: Donald Trump.(Foto: imago/UPI Photo)
Dienstag, 17. Januar 2017

Interview mit Sandra Navidi: "Trump ist unbeherrscht und rachsüchtig"

Das große Thema in Davos ist dieses Jahr Donald Trump. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass Trump weiterhin Chaos stiften wird", sagt Wirtschaftsexpertin und Buchautorin Sandra Navidi. Und sie glaubt: Ein Amtshebungsverfahren ist durchaus möglich. Mit n-tv.de spricht die Gründerin der Unternehmensberatung BeyondGlobal über Russlandverbindungen, die Verlierer der Globalisierung, den Brexit und den Vormarsch der Maschinen.

n-tv.de: Sie leben in den USA. Wie ist die Stimmung? Würden die Amerikaner Donald Trump nach allem, was sie seit der Präsidentschaftswahl über ihn gelernt haben, noch einmal wählen?

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Sandra Navidi: Tendenziell eher weniger. Inzwischen sind viele neue Fakten auf dem Tisch: Die Indizien, dass Trump und seine vorgeschlagenen Kabinettsmitglieder enge Verbindungen zu Wladimir Putin haben, verdichten sich. Auch wenn an dem Bericht des ehemaligen britischen Geheimagenten Christopher Steele nicht alles schlüssig ist, erscheinen die wesentlichen Hinweise grundsätzlich glaubhaft. Russlandverbindungen müssen zwar nicht notwendigerweise schlecht sein. Es ist aber alarmierend, dass so viele Mitglieder des Kabinetts dort finanzielle Interessen verfolgen. Es ist, als ob der russische Präsident eine Kandidaten-Wunschliste abgegeben hätte. Auch das beispiellos parteiische Verhalten des FBI-Direktors James Comey, das sehr dazu beigetragen hat, dass Clinton die Wahl verloren hat, erscheint undurchsichtig und schwer erklärbar. Viele, die Trump unterstützt haben, waren Protestwähler, die in erster Linie - wie Michael Moore es formuliert hat - eine menschliche Handgranate ins System werfen wollten. Ich glaube, viele würden sich heute anders entscheiden. Manche haben unerklärlicherweise auch angenommen, er würde sich ändern; andere sind weiterhin gespalten. Ich komme gerade aus London, wo mir auch einige Brexit-Wähler sagten, dass sie aus Protest für den Brexit gestimmt haben, aber ihre Wahl mittlerweile bereuen.

Trump verspricht Wunder. Die Börse hat das zwischenzeitlich gefeiert. Glauben Sie an den Trump-Effekt für die Wirtschaft?

Barack Obama hat ihm ein sehr solides Erbe hinterlassen. Wenn Trump jetzt noch Steuern senkt und Deregulierung einläutet, dann dürfte der Boom erst einmal weitergehen. Durch die Steuersenkungen und deutlich höheren Konjunkturausgaben wird sich – soweit er seine Vorschläge durch den Kongress bekommt - aber auch das Defizit deutlich erhöhen. Die Republikaner haben traditionell immer größere Defizite und öfter Rezessionen als die Demokraten hinterlassen.

Für die einen ist Trump die große Hoffnung, dass Amerika wieder "great" wird, für die anderen die größte Knalltüte aller Zeiten. Gibt es einen großen Knall in seiner ersten Amtszeit?

Sandra Navidi ist Gründerin der Unternehmensberatung BeyondGlobal. Zuvor arbeitete sie als Research Director mit Starökonom Nouriel Roubini und war Investmentbankerin und Chefjustiziarin.
Sandra Navidi ist Gründerin der Unternehmensberatung BeyondGlobal. Zuvor arbeitete sie als Research Director mit Starökonom Nouriel Roubini und war Investmentbankerin und Chefjustiziarin.

Ich halte ein Amtsenthebungsverfahren durchaus für vorstellbar. Seine Interessenskonflikte sind besorgniserregend, wobei man ja noch nicht einmal das genaue Ausmaß einschätzen kann, weil er sich als einziger designierter Präsident weigert, seine Steuererklärung zu veröffentlichen - obwohl das Finanzamt bestätigt hat, dass einer Veröffentlichung nichts im Wege steht. Die Übergabe der Geschäftsführung seiner Unternehmen an seine Söhne und die Positionierung seiner Tochter und seines Schwiegersohnes - beides ebenfalls Unternehmer - im Weißen Haus, lässt Ethikexperten erschaudern. Auch seine Aussagen, er sei nicht korrumpierbar, weil er als Präsident per se keine Interessenkonflikte haben könne, und dass er das Geld nicht brauche, weil er so reich sei, überzeugen wenig.

Trump gehört mit dem Brexit-Referendum zu den größten Risiken in diesem Jahr. Diese Woche sind die Vertreter der globalen Politik- und Wirtschaftselite wieder zum Meinungsaustausch im Schweizerischen Davos. Das offizielle Motto des Treffens lautet diesmal "Responsive and Responsible Leadership" ("Anpassungsfähige und verantwortungsvolle Führung"). Das inoffizielle jedoch: Brexit und Trump. Was kann Davos beitragen?

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Angesichts der zunehmenden und sich gegenseitig verstärkenden geopolitischen und ökonomischen Risiken ist der Dialog innerhalb der Gesellschaft wichtiger denn je. Nicht gesehen wird häufig, dass viele Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, und von wohltätigen, kulturellen oder auch Jugendorganisationen beim World Economic Forum dabei sind - auf Kosten des WEF wohlgemerkt. Es sind also nicht nur die Spitzen aus Wirtschaft und Politik vertreten, sondern durchaus ein Querschnitt der Gesellschaft. So kann man über alle Ebenen hinweg kommunizieren und Gesichtspunkte und Sorgen zusammentragen und an Lösungen arbeiten. Im letzten Jahr hat das Forum den Status einer internationalen Institution für öffentliche und private Partnerschaft, ähnlich wie dem des Roten Kreuzes, verliehen bekommen.

Das Treffen in Davos gilt bei vielen als abgehoben. Die Diskussionen dort gehen an der breiten Öffentlichkeit vorbei. Müsste die Kommunikation zwischen den Experten und der einfachen Bevölkerung nicht besser sein?

Wichtig ist, dass man von dem "Politik-Sprech" abrückt und authentischer kommuniziert. Häufig hört man, insbesondere aus der Politik, dass man den Menschen die Sachverhalte besser erklären müsse. Das, finde ich, mutet etwas arrogant an. Die meisten Leute verstehen die grundlegenden Zusammenhänge sehr gut. Aber wenn sie den Boten unglaubwürdig finden, dann lehnen sie auch die Botschaft ab. Der größte Wunsch ist der nach einer Veränderung des Systems, insbesondere was ökonomische Ungleichheit und durch Globalisierung bedingte kulturelle Fragen angeht. Eine Studie der Universität von Oxford besagt, dass in den nächsten 15 Jahren 50 Prozent der Arbeitsplätze von Maschinen übernommen werden. Ungelernte und geringqualifizierte Menschen spüren, dass ihre Arbeitsplätze in einer Wissensökonomie zunehmend gefährdet sind. Migration verschärft ihre Sorgen. Mittlerweile sind von der Maschinisierung auch immer mehr klassische Mittelklasse Jobs wie Rechtsanwälte und Steuerberater und sogar Ärzte betroffen. Bisher hat die Politik relativ wenige Visionen und Lösungsvorschläge unterbreitet, um für diese Entwicklung zu kompensieren.

Sie haben es angesprochen: Ein Teil der Menschen ist wütend, fühlt sich abgehängt. Ist die Chancenungleichheit real oder eingebildet?

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Nachgewiesenermaßen hat sich der Lebensstandard eines großen Teils der Menschen global verbessert. Wesentlich weniger Menschen leben in Armut. Gleichzeitig hat aber auch die Ungleichheit im Rahmen der sogenannten "Superstar Economy" exponentiell stark zugenommen: CEOs von großen Unternehmen verdienen fast 300 Mal mehr als einfache Arbeiter. Auf der anderen Seite sind die Löhne der 99 Prozent stagniert, obwohl die Produktivität in den letzten vier Jahrzehnten um 80 Prozent gestiegen ist. Ex-VW-Chef Martin Winterkorn und John Stumpf von Wells Fargo, die als Unternehmenschef schwerwiegende Betrugsfälle zu verantworten haben, bekommen Millionenabfindungen. Aber wenn es dem Unternehmen danach schlechter geht und Einsparungen vorgenommen werden müssen, werden die Arbeiter am unteren Ende entlassen. Die weitreichenden Rettungsaktionen in der Finanzkrise sind ebenfalls ein weiterer Tropfen, der das Fass global so langsam zum Überlaufen bringt.

Welche Rolle übernehmen Ökonomen für die Gesellschaft?

"$uper-hubs" ist im Finanzbuchverlag erschienen und kostet 19,99 Euro.
"$uper-hubs" ist im Finanzbuchverlag erschienen und kostet 19,99 Euro.

Das primäre Problem ist, dass ein großer Teil der Vorhersagen erwiesenermaßen falsch ist, und das gilt sowohl für den öffentlichen als auch für den Privatsektor. Es ist auch nicht die Aufgabe der Ökonomen, mit ihren Vorhersagen Politik zu gestalten. Ökonomen sollen richtige Vorhersagen treffen und Wendepunkte, wie zum Beispiel Finanzkrisen oder Rezessionen, vorhersehen. Die Schwierigkeit liegt vor allem darin, dass wir die Vorhersagen nur anhand von Datenpunkten und Erfahrungen aus der Vergangenheit treffen können. Jetzt ist das Geschehen aber wesentlich komplexer, weniger linear und schneller geworden. Hinzu kommt vor allem der Faktor Mensch, wie auch in meinem Buch "$uper-hubs" beschrieben, der allerdings schwer zu fassen ist, weil Menschen und ihre Handlungen nicht formelhaft und mathematisch berechenbar sind und sich ihre Beziehungen dynamisch und komplex gestalten. Zahlreiche führende Ökonomen plädieren auch für eine Reform der Volkswirtschaftslehre und eine Änderung der Lehrpläne. Der ehemalige Chef der US-Zentralbank Federal Reserve, Ben Bernanke, hat einmal mit einem Augenzwinkern gesagt, dass das Studium der Volkswirtschaft vor allem dazu geeignet sei, den Finanzpolitikern im Nachhinein zu erklären, warum ihre Entscheidungen falsch waren. Grundsätzlich sind ökonomische Vorhersagen selbstverständlich trotzdem nützlich, denn Entscheidungsträger brauchen Parameter, an denen sie sich orientieren können.

Angenommen, es wäre mehr Geld in Bildung investiert worden: Hätte der politischen Rechtsruck, Trump und das Brexit-Referendum verhindert werden können?

Aufklärung kann nie schaden. Aber das grundlegende Problem ist, dass die Politiker die Menschen nicht "gehört" haben. Wenn man die Menschen nicht hört, wenden sie sich anderen zu. Das ist auch in Amerika passiert.

Sie haben Trump persönlich kennengelernt. Kann er Kritik vertragen?

Ich kenne ihn nur vom gesellschaftlichen Parkett und hatte einen guten Eindruck von ihm. Er war nett und höflich. Im Wahlkampf war ich von seinen Beleidigungen schockiert. Er zeigt sich dünnhäutig, unbeherrscht und rachsüchtig. Dieses Klima der Einschüchterung, das er auch gegenüber den Medien an den Tag legt, kennt man sonst eher aus Russland. Dass er Unternehmen willkürlich damit bestraft, die Bevölkerung per Twitter aufzufordern, ihre Waren zu boykottieren, wie zum Beispiel von Apple, ist besorgniserregend. Möglich ist auch, dass er es schafft, die Kontrollmechanismen des Systems außer Kraft zu setzen. Viele Republikaner sind schon jetzt eingeschüchtert und auf Spur gebracht. Sie regen bereits an, Gesetze zu ändern, damit Trump seine Vorhaben leichter durchsetzen kann. Newt Gingrich sinnierte, dass Trump Verwandte und Freunde, die gegen Ethikvorschriften verstoßen, ja begnadigen könne. Wenn Trump genug Chaos verursacht, kommt man mit der Handhabe möglicherweise gar nicht mehr hinterher.

Was sagen Sie für die Entwicklung der deutsch-amerikanischen Beziehungen voraus?

Was Trump genau vorhat bzw. umsetzen wird, ist unklar. Klar ist allerdings, dass sich das Koordinatensystem verschieben wird und sich Deutschland auf große Herausforderungen gefasst machen muss. Es fängt schon einmal damit an, dass die Persönlichkeiten und der Wertekanon der beiden Regierungschefs kaum gegensätzlicher sein könnten. Auch müssen wir uns darauf einstellen, dass Trump weiterhin Chaos schaffen wird. Allein schon, um von seiner Inkompetenz abzulenken, während alle anderen hektisch mit Schadensbegrenzung beschäftigt sind.

Mit Sandra Navidi sprach Diana Dittmer

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Quelle: n-tv.de

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